Militärbündnisse, warum sie sinnvoll sind

Schon die alten Eidgenossen wussten den Nutzen von Bündnissen zur gemeinsamen Verteidigung zu schätzen. Der traditionell ins Jahr 1291 datierte Bundesbrief enthält neben Bestimmungen zur Wahrung des Landfriedens auch die Verpflichtung zum gegenseitigen Beistand gegen äussere Gewalt. Die beteiligten Talschaften Uri, Schwyz und Unterwalden verpflichteten sich, einander gegen Angriffe und Gewalt beizustehen.

Das Grundprinzip hat sich bis heute kaum verändert: Wer sich mit anderen zusammenschliesst, muss einem militärisch überlegenen Gegner nicht allein gegenübertreten.

Militärbündnisse garantieren weder Frieden noch absolute Sicherheit. Das kann kein sicherheitspolitisches Konzept. Aber sie können die Kosten eines Angriffs erheblich erhöhen, militärische Kräfte bündeln und damit potentielle Aggressoren abschrecken.

Gemeinsam stärker als allein

Der grundlegende Nutzen eines Militärbündnisses ist einfach: Mehrere Staaten verpflichten sich, sich im Falle eines Angriffs gegenseitig zu unterstützen. Ein möglicher Angreifer muss deshalb nicht nur die militärischen Fähigkeiten seines unmittelbaren Gegners berücksichtigen, sondern diejenigen des gesamten Bündnisses.

Für einen kleinen Staat kann dieser Unterschied entscheidend sein. Allein wird er einem wesentlich grösseren Gegner möglicherweise kaum etwas entgegensetzen können. Als Teil eines Bündnisses steht hinter ihm dagegen die militärische, wirtschaftliche und politische Stärke mehrerer Staaten.

Das verändert die strategische Rechnung eines potentiellen Aggressors.

Abschreckung funktioniert dann, wenn der erwartete Preis eines Angriffs höher erscheint als der mögliche Gewinn.

Ein Bündnis muss keinen Krieg verhindern, um sinnvoll zu sein

Gegen Militärbündnisse wird gelegentlich eingewendet, dass auch Bündnisstaaten in Kriege verwickelt wurden und Kriege verloren haben. Das ist zwar richtig, widerlegt aber den Nutzen von Bündnissen nicht.

Ein Militärbündnis ist ebenso wenig wie die Neutralität eine Garantie dafür, niemals angegriffen zu werden. Absolute Sicherheit gibt es in der Sicherheitspolitik nicht.

Entscheidend ist vielmehr die Frage, ob ein Bündnis die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Angriffs reduziert und die Verteidigungsfähigkeit seiner Mitglieder erhöht.

Dass auf beiden Seiten eines Krieges Bündnisse bestehen können, ändert daran nichts. Auch zwei gut bewaffnete Armeen können gegeneinander kämpfen. Daraus würde niemand ableiten, dass Armeen grundsätzlich nutzlos seien.

Die Weltkriege zeigen die Macht von Bündnissen

Der Erste und insbesondere der Zweite Weltkrieg zeigen eindrücklich, welche Bedeutung militärische Bündnisse haben können.

Im Zweiten Weltkrieg verfügte das nationalsozialistische Deutschland zeitweise über eine gewaltige militärische Macht. Frankreich wurde 1940 innerhalb weniger Wochen besiegt, grosse Teile Europas wurden von Deutschland und seinen Verbündeten kontrolliert.

Besiegt wurde das Deutsche Reich letztlich nicht durch einen einzelnen Staat, sondern durch die gebündelte militärische und wirtschaftliche Macht der Alliierten.

Grossbritannien hielt zunächst stand. Mit dem Kriegseintritt der Sowjetunion und später der Vereinigten Staaten entstand jedoch eine Koalition, deren industrielle, wirtschaftliche und militärische Ressourcen diejenigen der Achsenmächte langfristig übertrafen.

Die Achsenmächte wurden durch eine Allianz besiegt.

Natürlich bedeutet dies nicht, dass jedes Militärbündnis automatisch gewinnt. Es zeigt aber sehr deutlich, welchen Unterschied die Bündelung militärischer Kräfte machen kann.

Neutralität ist keine Sicherheitsgarantie

Dem Bündnisprinzip wird in der Schweiz häufig die Neutralität gegenübergestellt. Dabei entsteht gelegentlich der Eindruck, Neutralität könne einen Staat davor schützen, überhaupt in einen Krieg hineingezogen zu werden.

Die Geschichte zeigt jedoch etwas anderes.

Belgien war 1914 neutral und wurde vom Deutschen Reich angegriffen. Auch 1940 wurde das neutrale Belgien erneut überfallen.

Luxemburg wurde trotz seiner Neutralität sowohl 1914 als auch 1940 besetzt.

Die neutralen Niederlande wurden 1940 von Deutschland angegriffen. Dasselbe geschah mit dem neutralen Dänemark und Norwegen.

Auch die Vereinigten Staaten waren zu Beginn des Zweiten Weltkriegs keine Kriegspartei. Der japanische Angriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 beendete diese Situation schlagartig.

Dies sind keineswegs die einzigen Beispiele. In der Geschichte wurden zahlreiche neutrale Staaten angegriffen, besetzt oder in Kriege hineingezogen. Eine ausführlichere Übersicht findet sich im Artikel „Neutralität garantiert keine Sicherheit“.

Diese Beispiele zeigen aber etwas Wesentliches:

Neutralität schützt einen Staat nicht vor einem Aggressor, der sich von einem Angriff einen strategischen Vorteil verspricht.

Auch die Schweiz war nicht unangreifbar

Dass die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs nicht besetzt wurde, wird bis heute häufig als Beweis für die Schutzwirkung der bewaffneten Neutralität dargestellt.

Doch aus der Tatsache, dass ein Angriff nicht stattgefunden hat, lässt sich nicht automatisch ableiten, dass die Neutralität ihn verhindert habe.

Deutschland beschäftigte sich durchaus mit einer möglichen Invasion der Schweiz. Entsprechende militärische Planungen sahen unter anderem vor, die Schweizer Armee möglichst rasch zu schlagen und ihren geordneten Rückzug in den Alpenraum zu verhindern.

Auch das berühmte Réduit war kein Schutzschild für die gesamte Schweiz. Die Strategie sah vor, wesentliche Teile der Armee in den Alpenraum zurückzuziehen. Das dicht besiedelte Mittelland mit wichtigen Städten, Industrieanlagen und Infrastruktur hätte im Falle einer erfolgreichen deutschen Offensive weitgehend aufgegeben werden müssen.

Das Réduit konnte eine militärische Weiterführung des Widerstandes im Alpenraum ermöglichen. Die Behauptung, es habe die gesamte Schweiz vor einem Angriff oder gar einer Besetzung geschützt, ist hingegen schlicht falsch. Warum die verbreitete Vorstellung vom Réduit als abschreckender Alpenfestung historisch problematisch ist, habe ich im Artikel „Der Réduit-Mythos: Die Legende von der abschreckenden Alpenfestung“ ausführlich untersucht.

Adolf Hitler hatte während des Krieges andere militärische Prioritäten. Zunächst standen Polen, Frankreich und Grossbritannien, danach der Balkan mit Jugoslawien und Griechenland sowie Nordafrika und ab Juni 1941 vor allem der Krieg gegen die Sowjetunion im Zentrum der deutschen Kriegsführung.

Bevor Deutschland seine Kräfte nach einem Sieg über seine Hauptgegner gegen die Schweiz hätte richten können, änderte sich der Krieg grundlegend. Die Alliierten gewannen zunehmend die Oberhand und besiegten das Deutsche Reich 1945.

Die Niederlage Deutschlands durch die Alliierten nahm einem möglichen späteren Angriff auf die Schweiz endgültig die Grundlage.

Die alte Eidgenossenschaft setzte selbst auf Bündnisse

Gerade aus Schweizer Sicht ist die Vorstellung interessant, militärische Bündnisse seien grundsätzlich etwas Fremdes oder mit der Schweizer Geschichte unvereinbar.

Die alte Eidgenossenschaft entstand selbst aus militärischen Bündnissen.

Bereits der traditionell auf 1291 datierte Bundesbrief enthielt neben Bestimmungen zur Sicherung des Landfriedens ein gegenseitiges Beistandsversprechen. Die beteiligten Talschaften erklärten ihre Bereitschaft, einander bei Angriffen und Bedrohungen zu unterstützen.

In den folgenden Jahrhunderten wurde dieses Bündnissystem erweitert. Die Eidgenossenschaft war gerade deshalb stärker als ihre einzelnen Orte es alleine gewesen wären.

Das Prinzip war im Kern dasselbe wie bei heutigen Verteidigungsbündnissen:

Ein Gegner sollte wissen, dass er es im Konfliktfall nicht nur mit einem einzelnen Gemeinwesen zu tun bekommt.

Abschreckung ist der wichtigste Nutzen

Der grösste Erfolg eines funktionierenden Militärbündnisses ist möglicherweise ein Krieg, der gar nicht stattfindet.

Genau darin besteht das Problem beim Nachweis von Abschreckung: Ein nicht erfolgter Angriff hinterlässt keinen direkten Beweis dafür, weshalb der Aggressor darauf verzichtete.

Trotzdem ist die strategische Logik offensichtlich. Wenn ein Angreifer weiss, dass ein Angriff auf einen kleinen Staat automatisch einen Konflikt mit mehreren wesentlich stärkeren Staaten auslösen kann, verändert dies seine Kosten-Nutzen-Rechnung erheblich.

Ein kleines Land mit begrenzter Bevölkerung, Wirtschaftskraft und militärischen Ressourcen kann auf diese Weise von Fähigkeiten profitieren, die es alleine niemals aufbauen könnte.

Militärbündnisse ermöglichen Arbeitsteilung

Moderne Kriegsführung ist ausserordentlich komplex und teuer. Luftverteidigung, Kampfflugzeuge, Satellitenaufklärung, Cyberabwehr, Nachrichtendienste, Langstreckenwaffen, Logistik und moderne Führungssysteme kosten Milliarden.

Für kleinere Staaten ist es schwierig, sämtliche benötigten militärischen Fähigkeiten selbstständig in ausreichendem Umfang bereitzustellen. Das zeigt sich derzeit auch in der Schweiz. Zusätzlich zu den bereits vorgesehenen Militärausgaben will der Bundesrat die Mehrwertsteuer um 0,5 Prozentpunkte erhöhen, um weitere Milliarden für die Aufrüstung der Armee bereitzustellen. Selbst für ein wohlhabendes Land wie die Schweiz ist eine umfassende eigenständige Verteidigungsfähigkeit somit mit enormen finanziellen Belastungen verbunden.

Militärbündnisse ermöglichen deshalb auch militärische Arbeitsteilung. Staaten können Fähigkeiten koordinieren, gemeinsam trainieren, Systeme standardisieren und Informationen austauschen.

Damit entsteht nicht nur im Kriegsfall ein Vorteil. Bereits in Friedenszeiten kann die Verteidigungsfähigkeit verbessert werden.

Neutralität und Bündnisse sind keine moralischen Kategorien

Die Diskussion über Neutralität und Militärbündnisse wird häufig moralisch geführt. Neutralität erscheint dabei als friedliebend und ein Militärbündnis als Ausdruck von Konfrontation.

Diese Gegenüberstellung greift zu kurz.

Ein Verteidigungsbündnis kann gerade deshalb friedenssichernd wirken, weil es einen Angriff weniger attraktiv macht. Umgekehrt kann ein neutraler Staat trotz friedlicher Absichten angegriffen werden, wenn ein stärkerer Nachbar darin einen strategischen Vorteil sieht.

Entscheidend ist deshalb nicht, welches Modell moralisch sympathischer klingt.

Die entscheidende Frage lautet:

Welche Strategie bietet einem Staat im Ernstfall die besseren Chancen, seine Bevölkerung, sein Territorium und seine staatliche Unabhängigkeit zu schützen?

Keine Strategie garantiert Sicherheit

Militärbündnisse sind keine Wunderwaffe. Auch sie können scheitern. Mitglieder können unterschiedliche Interessen haben, politische Zusagen können an Glaubwürdigkeit verlieren und ein militärisch überlegener Gegner kann trotz Bündnis einen Angriff wagen.

Doch daraus folgt nicht, dass Bündnisse keinen Nutzen hätten.

Ebenso wäre es falsch, aus der Nichtbesetzung der Schweiz während zweier Weltkriege abzuleiten, dass Neutralität automatisch Sicherheit schafft.

Absolute Sicherheit gibt es in den internationalen Beziehungen nicht.

Staaten können lediglich versuchen, die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs zu reduzieren und ihre Chancen im Falle eines Krieges zu verbessern.

Militärbündnisse gehören seit Jahrhunderten zu den wichtigsten Instrumenten dafür.

Fazit

Schon die alten Eidgenossen verstanden ein grundlegendes Prinzip der Sicherheitspolitik: Gemeinsam ist man stärker als allein.

Militärbündnisse garantieren keinen Frieden. Sie garantieren auch keinen Sieg. Aber sie bündeln militärische und wirtschaftliche Stärke, erhöhen den Preis eines Angriffs und können dadurch potentielle Gegner abschrecken.

Die Geschichte zeigt gleichzeitig, dass Neutralität einen Staat nicht automatisch vor Krieg und Besetzung schützt. Belgien, Luxemburg, die Niederlande, Dänemark, Norwegen und weitere neutrale Staaten erfuhren dies im 20. Jahrhundert auf dramatische Weise.

Auch die Schweiz verdankt ihre Existenz nach 1945 nicht der Neutralität. Die Achsenmächte wurden schliesslich von einer mächtigen Koalition verbündeter Staaten besiegt, bevor Deutschland einen möglichen späteren Angriff auf die Schweiz verwirklichen konnte. Ironischerweise war es letztlich ein Militärbündnis, das mit seinem Sieg über die Achsenmächte die Gefahr einer späteren deutschen Eroberung der Schweiz endgültig beseitigte.

Gerade mit Blick auf die Neutralitätsinitiative ist dies von Bedeutung. Die Initiative will der Schweiz den Beitritt zu Militär- und Verteidigungsbündnissen verfassungsrechtlich untersagen. Damit würde sich die Schweiz selbst eine sicherheitspolitische Option nehmen, die im Falle einer veränderten Bedrohungslage einmal von entscheidender Bedeutung sein könnte.

Militärbündnisse sind sinnvoll, weil sie Angriffe abschrecken und im Ernstfall gegenseitigen militärischen Beistand ermöglichen.

Deshalb: Am 27. September 2026 NEIN zur Neutralitätsinitiative!

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