Der Réduit-Mythos: Die Legende von der abschreckenden Alpenfestung

Bis heute gehört eine Erzählung zum schweizerischen Geschichtsbild des Zweiten Weltkriegs: Hitler habe die Schweiz nicht angegriffen, weil die Wehrmacht an der bewaffneten Neutralität, der schwierigen Topografie und insbesondere am Schweizer Réduit gescheitert wäre. Die Alpenfestung habe einen Angriff so verlustreich und kostspielig gemacht, dass selbst das nationalsozialistische Deutschland davor zurückgeschreckt sei.

Diese Erzählung ist simpel und patriotisch, aber historisch nicht haltbar.

Das Réduit war zweifellos ein ernst zu nehmendes militärisches Hindernis für die Eroberung und Kontrolle der strategisch wichtigen Alpenpässe. Aber daraus folgt nicht, dass es Hitler von einem Angriff auf die Schweiz abschreckte. Ein Blick auf das Unternehmen Tannenbaum zeigt vielmehr, dass die Wehrmacht das Réduit als militärische Herausforderung betrachtete, für die sie eine operative Lösung entwickelte.

Das Réduit verteidigte nicht die Schweiz

Nach der Niederlage Frankreichs im Juni 1940 hatte sich die strategische Lage der Schweiz dramatisch verschlechtert. Deutschland und das mit ihm verbündete Italien beherrschten praktisch den gesamten Raum rund um die Schweiz.

Der Schweizer Armeeführung war bewusst, dass die Schweizer Armee einem Angriff der weit überlegenen Wehrmacht im Mittelland auf Dauer kaum standhalten konnte. Bereits seit dem Frühjahr 1940 waren deshalb Überlegungen und Pläne für einen Rückzug der Hauptstreitkräfte in den Alpenraum entstanden. Nach dem raschen Zusammenbruch Frankreichs gewann dieses Konzept entscheidend an Bedeutung.

Die Grundidee war nachvollziehbar: Statt die militärisch unterlegenen Kräfte in einem aussichtslosen Abwehrkampf im Mittelland aufzureiben, sollte sich die Armee auf einen Raum zurückziehen, in dem das schwierige Gelände, vorbereitete Befestigungen und kontrollierbare Verkehrsachsen ihre Nachteile zumindest teilweise ausgleichen konnten. Aus dieser Überlegung entwickelte sich die Strategie der Alpenfestung – das Réduit.

General Henri Guisan machte diese Strategie zum Kern des neuen Verteidigungsdispositivs. Am 25. Juli 1940 erläuterte er sie den höheren Offizieren der Armee beim Rütlirapport. Das Réduit sollte zugleich abschreckend wirken: Ein Angreifer musste damit rechnen, dass der Krieg selbst nach der Besetzung des Mittellands nicht beendet wäre. Die Schweizer Armee sollte aus den befestigten Alpenstellungen weiterkämpfen und im äussersten Fall die strategisch wichtigen Alpentransversalen zerstören.

Doch diese Strategie hatte einen enormen Preis. Mit dem Rückzug der Hauptstreitkräfte in das Réduit wurde die dauerhafte Verteidigung des Mittellands weitgehend aufgegeben. Zwar sollten die ausserhalb des Réduits verbliebenen Truppen den Vormarsch des Angreifers verzögern, doch nicht mit dem Ziel, das Mittelland dauerhaft zu halten. Ihr Widerstand sollte vielmehr den Vormarsch verlangsamen und den Hauptstreitkräften die nötige Zeit für den geordneten Rückzug in das Réduit verschaffen.

Damit hätte die Wehrmacht nach den Verzögerungskämpfen ausgerechnet das wirtschaftliche, industrielle und demografische Zentrum der Schweiz besetzen können, ohne das Réduit überhaupt erobert zu haben. Im Mittelland befanden sich der überwiegende Teil der Bevölkerung, die grossen Städte und Wirtschaftszentren, politische Institutionen, wichtige Nachschub- und Versorgungseinrichtungen sowie zentrale Verkehrs- und Kommunikationsverbindungen. Auch bedeutende Standorte der schweizerischen Rüstungsindustrie lagen ausserhalb des Réduits, darunter Oerlikon-Bührle in Zürich, die Waffenfabrik Solothurn in Zuchwil und die Eidgenössische Waffenfabrik in Bern. Zwar verfügte die Schweiz auch im Réduit und an dessen Zugängen über kriegswichtige Produktionsstätten, doch mit dem Mittelland wäre ein erheblicher Teil ihrer wirtschaftlichen, industriellen und rüstungswirtschaftlichen Basis verloren gegangen.

Für einen Angreifer bedeutete dies, dass er einen grossen Teil des wirtschaftlich und demografisch wertvollen Landes besetzen konnte, ohne zuvor die eigentliche Stärke des Réduits brechen zu müssen. Erst beim Kampf um den Alpenraum wäre er mit den befestigten Stellungen und den besonderen topografischen Vorteilen der Réduitstrategie konfrontiert worden.

Die Wehrmacht plante die Besetzung der Schweiz

Dass Deutschland militärische Planungen gegen die Schweiz betrieb, ist keine Spekulation.

Unterlagen der Wehrmacht sind erhalten. Dazu gehört beispielsweise eine Karte der Operationsabteilung der Heeresgruppe C vom 4. Oktober 1940. Ihr Aktentitel bezeichnet das Unternehmen «Tannenbaum» ausdrücklich als Planung zur Besetzung der Schweiz.

Verschiedene deutsche Planungen wurden im Verlauf des Jahres 1940 ausgearbeitet und verändert. Deshalb sollte man nicht so tun, als habe es einen einzigen, endgültig genehmigten «Tannenbaum-Plan» gegeben, der nur noch auf Hitlers Startsignal wartete.

Aber die vorhandenen Planungen zeigen sehr deutlich, wie der deutsche Generalstab das militärische Problem Schweiz betrachtete.

Und von einer praktisch uneinnehmbaren Alpenfestung ist dabei keine Rede.

Die deutsche Antwort auf das Réduit: den Rückzug verhindern

Besonders aufschlussreich ist der Operationsentwurf des deutschen Generalstabsoffiziers Otto-Wilhelm Kurt von Menges.

Das operative Ziel bestand darin, das Schweizer Heer so rasch zu zerschlagen, dass ihm das Ausweichen ins Hochgebirge und damit ein organisierter Widerstand aus dem Réduit heraus unmöglich gemacht würde.

Das ist für die Beurteilung der angeblichen Abschreckungswirkung entscheidend.

Die Wehrmacht betrachtete das Réduit nicht als unüberwindbare Festung, vor der eine Invasion zwangsläufig zum Stillstand kommen musste. Sie plante vielmehr, die Entstehung genau dieser militärischen Situation zu verhindern. Die Schweizer Streitkräfte sollten möglichst früh entscheidend getroffen werden. Ein geordneter Rückzug starker Verbände in die vorbereiteten Alpenstellungen sollte unterbunden werden.

Die deutsche Antwort auf das Réduit lautete nicht: «Diese Festung können wir nicht bezwingen.» Sie lautete vielmehr: «Wir dürfen die Schweizer Armee gar nicht erst geschlossen dorthin gelangen lassen.»

Selbst wenn es bedeutenden Teilen der Schweizer Armee trotzdem gelungen wäre, sich rechtzeitig in das Réduit zurückzuziehen, wäre damit das grundlegende strategische Problem nicht gelöst gewesen. Nach der Besetzung des Mittellands hätten Deutschland und Italien den Alpenraum weitgehend einschliessen und die Nachschubwege von aussen abschneiden können. Das Réduit verfügte zwar über eingelagerte Vorräte und eigene kriegswichtige Produktionsstätten, doch diese Ressourcen waren endlich. Ein längerer Abwehrkampf hätte fortlaufend Lebensmittel, Treibstoff, Munition, Ersatzteile und weiteres Material verbraucht.

Die Wehrmacht hätte das Réduit deshalb nicht zwingend in verlustreichen Frontalangriffen stürmen müssen. Sie hätte die Alpenfestung abriegeln und auf ihre Aushungerung setzen können. Mit jedem weiteren Monat wären Vorräte verbraucht worden, während Nachschub von aussen ausgeblieben wäre. Die entscheidende Frage wäre damit nicht gewesen, ob die Festungen im direkten Angriff bezwungen werden konnten, sondern wie lange die eingeschlossene Armee ohne ausreichenden Nachschub kampffähig geblieben wäre.

Bern, Zürich und Solothurn sollten schnell fallen

Noch deutlicher wird der Charakter der deutschen Planung beim Blick auf die vorgesehenen Ziele.

Bern, Zürich und Solothurn sollten schnell und möglichst unversehrt besetzt werden.

Dahinter standen konkrete militärische und wirtschaftliche Überlegungen. Hinzu kamen Eisenbahnlinien, Strassenknotenpunkte, Brücken, Industrieanlagen und andere wichtige Einrichtungen, die möglichst unbeschädigt in deutsche Hand gelangen sollten.

Damit zeigt sich ein grundlegendes Problem der späteren Réduit-Legende. Während sich die populäre Erinnerung auf die schwer zugänglichen Alpen konzentriert, lag ein erheblicher Teil dessen, was einen modernen Staat wirtschaftlich und politisch ausmachte, ausserhalb dieses Verteidigungsraums.

Zürich liegt nicht im Hochgebirge. Bern liegt nicht im Hochgebirge. Basel liegt nicht im Hochgebirge. Auch grosse Teile der schweizerischen Industrie und Bevölkerung befanden sich nicht hinter den Festungsanlagen des Réduits.

Ein deutscher Angriff auf die Schweiz wäre deshalb keineswegs vom ersten Tag an ein Kampf gegen Alpenfestungen gewesen.

Das Mittelland war keine Alpenfestung

In der populären Erinnerung wird das Réduit häufig als Verteidigungsstrategie für die Schweiz als Ganzes dargestellt. Daraus entsteht der Eindruck, ein deutscher Angreifer hätte sich bereits bei der Eroberung des Landes mit den besonderen Schwierigkeiten des alpinen Geländes und den stark befestigten Stellungen des Réduits auseinandersetzen müssen. Genau hier liegt einer der grössten Denkfehler des Réduit-Mythos.

Die schwierige Topografie des Réduits wird nachträglich auf die gesamte Schweiz übertragen. Natürlich besitzt auch das Mittelland zahlreiche natürliche Hindernisse: Flüsse, Seen, Hügelzüge und Engstellen hätten eine Verteidigung erleichtert. Und selbstverständlich hätte die Schweizer Armee Widerstand geleistet. Aber daraus wird noch kein alpiner Festungskrieg.

Die Wehrmacht hatte 1940 gerade Frankreich besiegt. Frankreich gehörte zu den stärksten Militärmächten Europas und wurde zusätzlich von einem starken britischen Expeditionskorps unterstützt. Der entscheidende deutsche Schwerpunktvorstoss war dabei ausgerechnet durch die bewaldeten und topografisch schwierigen Ardennen erfolgt, die von der französischen Führung für einen massierten Einsatz mechanisierter Verbände als besonders ungünstig eingeschätzt worden waren. Deutsche Panzerverbände durchquerten dieses Gelände dennoch, überschritten bei Sedan die Maas und stiessen anschliessend rasch bis zum Ärmelkanal vor. Die Vorstellung, deutsche Militärplaner hätten ausgerechnet das Schweizer Mittelland wegen seiner Topografie grundsätzlich für militärisch kaum bezwingbar gehalten, erscheint vor diesem Hintergrund wenig überzeugend und findet auch in den deutschen Operationsplanungen keine entsprechende Grundlage.

Die eigentliche militärische Stärke des Réduits lag im Alpenraum. Dort hätten befestigte Stellungen, Engpässe und schwieriges Gebirgsgelände einem direkten deutschen Angriff deutlich günstigere Verteidigungsbedingungen entgegengesetzt als im Mittelland. Genau diesen Gebirgskrieg wollte die deutsche Operationsplanung möglichst vermeiden. Das bedeutete jedoch nicht, dass das Réduit als unbezwingbar galt. Ein Angreifer war zudem nicht darauf angewiesen, sämtliche Festungen frontal zu erstürmen. Nach einer Einschliessung hätte er die Zufahrts- und Nachschubwege abschneiden und die Alpenfestung aushungern können – eine weniger direkte, aber zeitaufwändigere Alternative. Das militärische Prinzip ist keineswegs neu: Bereits Cäsar bezwang Vercingetorix 52 v. Chr. bei Alesia, indem er dessen befestigte Stellung einschloss und von der Versorgung abschnitt.

Die Wehrmacht scheute keinen Gebirgskrieg

Als Argument für die abschreckende Wirkung des Réduits wird häufig auf das schwierige alpine Gelände verwiesen. Doch schwieriges Gebirgsgelände war für die Wehrmacht kein grundsätzliches Hindernis für militärische Operationen.

Die Wehrmacht führte im Zweiten Weltkrieg mehrere Operationen in schwierigstem Gebirgsgelände durch. Deutsche Gebirgstruppen kamen unter anderem auf dem Balkan, in Griechenland, im Kaukasus und später auch in Italien zum Einsatz. Für den Gebirgskrieg verfügte die Wehrmacht eigens über entsprechend ausgebildete und ausgerüstete Verbände.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass ein Angriff auf das Schweizer Réduit einfach gewesen wäre. Die vorbereiteten Befestigungen, das schwierige Gelände, zerstörbare Verkehrswege und die Möglichkeit, wichtige Alpentransversalen unbrauchbar zu machen, verschafften der Schweizer Armee erhebliche defensive Vorteile.

Vor allem ein direkter Angriff auf die befestigten Stellungen hätte für die Wehrmacht ungünstige Kampfbedingungen geschaffen. Wie bereits gezeigt, war sie jedoch nicht gezwungen, das Réduit frontal zu erstürmen.

Die schwierige Topografie machte das Réduit damit zu einer militärischen Herausforderung, aber nicht zu einer uneinnehmbaren Festung.

Und vor allem ist «militärisch schwierig» nicht dasselbe wie «abschreckend genug, um Hitler von einer Invasion abzuhalten».

Dieser Unterschied geht in der populären Erzählung häufig verloren.

Warum griff Hitler die Schweiz dann nicht an?

Das ist die entscheidende Frage. Die populäre Antwort darauf ist die Grundlage des Réduit-Mythos.

Es gibt keinen historischen Beweis für die Gleichung:

Réduit = zu hohe Verluste = Hitler verzichtet auf den Angriff.

Dass Deutschland einen Angriff auf die Schweiz ernsthaft in Betracht zog, steht ausser Frage. Die Wehrmacht arbeitete konkrete Operationspläne aus, definierte Angriffsrichtungen und operative Ziele und plante detailliert, wie die Schweizer Armee möglichst rasch zerschlagen und ihr Rückzug ins Réduit verhindert werden sollte. Zu einem Angriffsbefehl kam es letztlich jedoch nicht.

Die entscheidende historische Frage ist deshalb, warum Deutschland die vorhandenen Angriffsplanungen nicht umsetzte – und ob sich tatsächlich belegen lässt, dass das Réduit dafür ausschlaggebend war.

Genau dafür fehlt der eindeutige Beleg.

Viel entscheidender war die strategische Prioritätensetzung des Deutschen Reiches. Nach dem Sieg über Frankreich war der Krieg im Westen keineswegs beendet. Grossbritannien kämpfte weiter, und nachdem es der Luftwaffe in der Luftschlacht um England nicht gelungen war, die notwendige Luftherrschaft zu erringen, musste die geplante Invasion der britischen Inseln auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

Gleichzeitig schufen die militärischen Misserfolge Mussolinis neue Probleme. Der italienische Angriff auf Griechenland scheiterte, worauf Deutschland im Frühjahr 1941 auf dem Balkan eingriff. Die Wehrmacht griff Jugoslawien und Griechenland an und eröffnete damit einen weiteren Kriegsschauplatz. Auch in Nordafrika musste Deutschland seinem italienischen Verbündeten militärisch zu Hilfe kommen und entsandte das Afrikakorps.

All diese Operationen beanspruchten Kräfte. Vor allem aber richtete Hitler seinen Blick längst auf sein eigentliches strategisches und ideologisches Hauptziel: den Krieg gegen die Sowjetunion. Mit der Vorbereitung des Unternehmens Barbarossa wurde der Angriff auf die Sowjetunion zum mit Abstand grössten militärischen Vorhaben des Deutschen Reiches. Dafür wurden Millionen Soldaten und gewaltige Mengen an Panzern, Fahrzeugen, Flugzeugen, Munition, Treibstoff und anderem Kriegsmaterial benötigt.

Gegenüber dem geplanten Krieg gegen die Sowjetunion besass die Eroberung der Schweiz für Hitler eine völlig untergeordnete strategische Bedeutung. Die Schweiz lief nicht davon. Von ihr ging keine unmittelbare militärische Bedrohung für Deutschland aus. Es bestand daher kein zwingender Grund, ausgerechnet dort einen zusätzlichen Kriegsschauplatz zu eröffnen und Truppen, Luftstreitkräfte, Nachschubkapazitäten und anschliessend Besatzungstruppen zu binden, die für wesentlich wichtigere Operationen benötigt wurden.

Die Schweiz rückte damit auf der deutschen Prioritätenliste immer weiter nach hinten. Nicht weil die Wehrmacht plötzlich zu der Erkenntnis gelangt wäre, das Land sei militärisch uneinnehmbar, sondern weil andere Kriegsziele für Hitler eine weitaus grössere strategische Bedeutung besassen.

Dass eine Invasion und anschliessende Besetzung der Schweiz dennoch deutsche Kräfte gebunden hätte, ist dabei kein Beleg für eine abschreckende Wirkung des Réduits. Jeder zusätzliche Feldzug und jede Besatzung erforderte Truppen, Material und Nachschub. Entscheidend war vielmehr, dass Deutschland diese Ressourcen für strategisch wesentlich wichtigere Ziele benötigte, während von der Schweiz keine unmittelbare militärische Gefahr ausging.

Hinzu kamen weitere Faktoren, die eine Besetzung noch weniger dringlich erscheinen liessen. Die neutrale Schweiz erfüllte wirtschaftliche und finanzielle Funktionen, von denen auch die Achsenmächte profitierten.

Auch die schweizerische Drohung, im Falle einer Invasion die strategisch wichtigen Alpentransversalen zu zerstören, verringerte den möglichen Nutzen einer Besetzung. Insbesondere die Gotthardverbindung sollte durch vorbereitete Sprengungen für einen Angreifer unbrauchbar gemacht werden. Damit hätte Deutschland bei einer Besetzung der Schweiz eine wichtige Verkehrsverbindung durch die Alpen verlieren können.

Diese Faktoren konnten die Rechnung zusätzlich beeinflussen. Sie erklären jedoch nicht, warum ausgerechnet das Réduit Hitler von einer Invasion abgehalten haben soll. Der wesentlich wichtigere Punkt war die strategische Rangordnung: Grossbritannien war weiterhin im Krieg, Deutschland musste auf dem Balkan und in Nordafrika eingreifen und bereitete gleichzeitig mit dem Unternehmen Barbarossa den mit Abstand grössten Feldzug seiner bisherigen Kriegführung vor. Die Schweiz stand angesichts dieser Prioritäten weit hinten.

Die entscheidende Frage lautete nicht: „Kann die Wehrmacht die Schweiz erobern?“, sondern: „Warum gerade jetzt Kräfte für die Eroberung der Schweiz binden, wenn sie auf anderen Kriegsschauplätzen dringender benötigt werden? Die Schweiz läuft nicht davon.“

Das ist etwas völlig anderes als die Behauptung, Hitler habe sich vor der Schweizer Alpenfestung gefürchtet.

Der Mythos entstand vor allem nach dem Krieg

Besonders interessant ist die Entwicklung der Erinnerung nach 1945.

Das Schweizerische Bundesarchiv weist darauf hin, dass das Réduit in der Nachkriegszeit zum Symbol des schweizerischen Widerstandswillens wurde.

Damit veränderte sich seine Bedeutung. Aus einer Rückzugs- und Abschreckungsstrategie für eine militärisch äusserst schwierige Lage wurde rückblickend zunehmend der Beweis dafür, dass die Schweiz Hitler durch ihre Wehrhaftigkeit von einem Angriff abgehalten habe. Der Umstand, dass die Invasion tatsächlich ausgeblieben war, verlieh dieser Deutung zusätzliche Überzeugungskraft. Aus einer militärischen Strategie für eine äusserst schwierige Lage wurde zunehmend eine nationale Erfolgsgeschichte:

Die Schweiz habe Widerstandswillen gezeigt. Das Réduit habe diesen Widerstand glaubwürdig gemacht. Hitler habe erkannt, dass eine Invasion zu teuer würde. Deshalb sei die Schweiz verschont geblieben.

Diese Erzählung ist psychologisch und politisch verständlich. Sie bot nach dem Krieg eine überzeugende nationale Geschichte von Unabhängigkeit, Wehrhaftigkeit und erfolgreicher Neutralität. Doch aus einer nationalen Erfolgserzählung wird noch keine historisch belegte Ursache dafür, dass die deutsche Invasion ausblieb.

Fazit: Das Réduit war kein Schutzschild

Das Réduit war eine Rückzugsstrategie in den Alpenraum. Es konnte einen Kampf im Gebirge erschweren und sollte durch die Kontrolle und angedrohte Zerstörung der Alpentransversalen zusätzliche Abschreckung erzeugen. Es verteidigte die Schweiz jedoch nicht als Ganzes und garantierte auch keinen Schutz vor einem Angriff.

Auch die Bedeutung von Gotthard und Simplon darf nicht überschätzt werden. Sie waren wichtige und stark genutzte Eisenbahnverbindungen zwischen Deutschland und Italien, insbesondere für die Versorgung Italiens mit Kohle, aber nicht alternativlos. Über den Brenner und weitere Strecken durch Österreich bestanden andere Verbindungen. Ihre Zerstörung hätte die Achsenmächte beeinträchtigt, aber den Verkehr zwischen Deutschland und Italien nicht unterbrochen.

Vor allem fehlt der historische Beleg für die zentrale Behauptung des Réduit-Mythos: dass Hitler wegen der Alpenfestung auf eine Invasion verzichtete. Andere Kriegsschauplätze – allen voran der geplante Angriff auf die Sowjetunion – hatten für Hitler eine weitaus höhere Priorität. Dass die Schweiz nicht angegriffen wurde, ist deshalb kein Beweis dafür, dass das Réduit den Angriff verhindert hat.


Quellen und weiterführende Literatur

Diesen Artikel bewerten

Lieber Leser, Deine Meinung interessiert mich!

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.