Leitzins erklärt: Wie sich Entscheide von FED, EZB und SNB auswirken

Zinsentscheide der grossen Zentralbanken haben weitreichende Folgen für Wirtschaft und Finanzmärkte. Senkt die US-Notenbank FED die Zinsen, steigen in der Tendenz die Aktienkurse. Ändert die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins, wirkt sich dies auf den Euro und die Wirtschaft im Euroraum aus. Und entscheidet die Schweizerische Nationalbank (SNB) über ihren Leitzins, betrifft das nicht nur den Franken und die Schweizer Börse, sondern auch Sparer und Eigenheimbesitzer.

Doch warum haben die Zinsen der Zentralbanken einen derart grossen Einfluss? Und weshalb reagieren die Märkte manchmal genau anders, als man auf den ersten Blick erwarten würde?

Was ist ein Leitzins?

Der Leitzins ist das wichtigste Instrument der Geldpolitik. Zentralbanken beeinflussen damit die kurzfristigen Zinsen und die Finanzierungsbedingungen in der gesamten Wirtschaft.

Steigen die Zinsen, wird Geld teurer. Kredite werden unattraktiver, Investitionen verteuern sich und Sparen wird interessanter. Sinkende Zinsen wirken in die entgegengesetzte Richtung: Finanzierungen werden günstiger, Investitionen attraktiver und der Konsum wird unterstützt.

Die Wirkung endet jedoch nicht bei Bankkrediten. Zinsänderungen beeinflussen Anleihen, Aktienbewertungen, Wechselkurse, Immobilien, Gold und Kryptowährungen.

FED, EZB und SNB: Drei Zentralbanken mit grossem Einfluss

Für Schweizer Anleger sind vor allem drei Zentralbanken von Bedeutung.

Die US-Notenbank Federal Reserve (FED) bestimmt die Geldpolitik der grössten Volkswirtschaft der Welt. Aufgrund der Bedeutung des US-Dollars als internationale Leitwährung und der amerikanischen Finanzmärkte wirken ihre Entscheidungen weit über die USA hinaus.

Die Europäische Zentralbank (EZB) bestimmt die Geldpolitik des Euroraums. Ihre Entscheidungen beeinflussen europäische Unternehmen, Anleihen und den Euro. Für die Schweiz ist die EZB zusätzlich wichtig, weil die Europäische Union der wichtigste Handelspartner der Schweiz ist und der Wechselkurs zwischen Franken und Euro grosse wirtschaftliche Bedeutung besitzt.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) bestimmt die Geldpolitik der Schweiz. Ihr Leitzins beeinflusst das Zinsniveau in Franken, den Wechselkurs, Kredite, Hypotheken und die Finanzierungsbedingungen der Schweizer Wirtschaft.

Warum beeinflussen Zinsen die Aktienkurse?

Steigende Zinsen sind für Aktien grundsätzlich Gegenwind. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Unternehmen müssen für Kredite und neue Anleihen höhere Zinsen bezahlen. Dadurch steigen ihre Finanzierungskosten. Gleichzeitig werden Investitionen teurer. Beides belastet die zukünftigen Gewinne.

Hinzu kommt die Bewertung der Aktien. Der heutige Wert eines Unternehmens hängt davon ab, welche Gewinne und Geldflüsse Anleger in Zukunft erwarten. Diese zukünftigen Beträge werden auf ihren heutigen Wert abgezinst. Steigt der dafür verwendete Zinssatz, sinkt rechnerisch der heutige Wert zukünftiger Gewinne.

Deshalb reagieren insbesondere hoch bewertete Wachstumsunternehmen empfindlich auf steigende Zinsen. Bei ihnen basiert ein grosser Teil der Bewertung auf Gewinnen, die erst weit in der Zukunft erwartet werden.

Sinkende Zinsen wirken grundsätzlich in die andere Richtung. Die Finanzierung wird günstiger und zukünftige Gewinne erhalten bei der Bewertung ein höheres Gewicht.

Zinsen schaffen Konkurrenz für Aktien

Ein weiterer Faktor ist die Konkurrenz zwischen verschiedenen Anlageklassen. Aktien sind mit einem höheren Risiko verbunden als sichere Staatsanleihen. Steigen die Zinsen, bieten neu ausgegebene Staatsanleihen höhere Renditen. Anleger erhalten damit eine höhere Verzinsung bei geringerem Risiko. Staatsanleihen werden deshalb gegenüber Aktien attraktiver und Kapital fliesst von Aktien in verzinsliche Anlagen.

Bei sehr niedrigen Zinsen ist dieser Konkurrenzdruck geringer. Anleger, die eine vernünftige Rendite erzielen wollen, weichen stärker auf Aktien und andere risikoreichere Anlagen aus.

Warum reagieren Anleihen auf Zinsänderungen?

Bei bestehenden Anleihen bewegen sich Kurs und Marktzins grundsätzlich in entgegengesetzte Richtungen.

Steigen die Marktzinsen, verlieren ältere Anleihen mit niedriger Verzinsung an Attraktivität. Ihr Kurs fällt, damit ihre Rendite wieder mit neu ausgegebenen Anleihen konkurrieren kann.

Sinken die Marktzinsen, passiert das Gegenteil. Eine bereits bestehende Anleihe mit einem vergleichsweise hohen Zins wird attraktiver und ihr Kurs steigt.

Je länger die verbleibende Laufzeit einer Anleihe ist, desto stärker reagiert ihr Kurs normalerweise auf Veränderungen des Zinsniveaus.

Warum beeinflussen Zinsen die Währungen?

Auch Wechselkurse reagieren auf Zinsunterschiede zwischen verschiedenen Ländern.

Höhere Zinsen machen eine Währung für internationale Anleger attraktiver. Steigen beispielsweise die Zinsen in den USA stärker als in Europa, werden Anlagen in US-Dollar im Vergleich attraktiver. Dadurch steigt tendenziell die Nachfrage nach Dollar.

Entscheidend ist deshalb nicht nur die absolute Höhe eines Leitzinses, sondern der Vergleich mit anderen Währungsräumen und die Erwartung, wie sich diese Unterschiede entwickeln werden.

Für die Schweiz ist dieser Mechanismus besonders wichtig. Ein starker Franken verbilligt Importe, belastet aber gleichzeitig Schweizer Unternehmen, die einen grossen Teil ihrer Umsätze im Ausland erzielen und ihre Einnahmen in Franken umrechnen müssen.

Wie beeinflusst der SNB-Leitzins den SARON?

In der Schweiz spielt der SARON (Swiss Average Rate Overnight) eine zentrale Rolle. Er bildet die Verhältnisse am kurzfristigen Schweizer Geldmarkt ab.

Die SNB steuert die kurzfristigen Geldmarktzinsen so, dass sie sich nahe an ihrem Leitzins bewegen. Ändert die SNB ihren Leitzins, verändert sich deshalb auch das kurzfristige Zinsniveau und damit der SARON.

Das ist nicht nur für Banken und professionelle Anleger relevant. Zahlreiche Finanzprodukte orientieren sich am SARON – darunter insbesondere SARON-Hypotheken.

Was bedeutet ein Zinsentscheid für SARON-Hypotheken?

Bei einer SARON-Hypothek setzt sich der zu bezahlende Zinssatz grundsätzlich aus dem auf dem SARON basierenden Referenzzins und einer Marge der Bank zusammen.

Senkt die SNB ihren Leitzins und fällt dadurch der SARON, sinken mit der Zeit auch die Zinskosten einer SARON-Hypothek. Erhöht die SNB den Leitzins, steigen sie entsprechend.

Damit tragen Besitzer einer SARON-Hypothek ein Zinsänderungsrisiko. Sie profitieren schnell von sinkenden Zinsen, müssen bei steigenden Zinsen aber auch mit höheren Finanzierungskosten rechnen.

Und was passiert mit Festhypotheken?

Bei Festhypotheken ist der Zusammenhang weniger direkt. Ihre Konditionen hängen stärker von den längerfristigen Kapitalmarktzinsen und den Erwartungen über die zukünftige Zinsentwicklung ab. Deshalb muss eine Senkung des SNB-Leitzinses nicht automatisch dazu führen, dass eine zehnjährige Festhypothek im gleichen Umfang günstiger wird.

Die Finanzmärkte versuchen zukünftige Entscheidungen der SNB bereits im Voraus einzuschätzen. Erwarten Marktteilnehmer mehrere Zinssenkungen, können längerfristige Zinsen schon fallen, bevor die SNB tatsächlich handelt.

Warum beeinflussen Zinsen Gold?

Gold wirft weder Zinsen noch Dividenden ab. Deshalb spielen die Renditen anderer Anlagen eine wichtige Rolle.

Steigen die Zinsen, werden verzinsliche Anlagen attraktiver. Besonders wichtig sind dabei die realen Renditen, also die Renditen nach Berücksichtigung der Inflation. Steigen die realen Renditen, erhöhen sich die Opportunitätskosten des Goldbesitzes. Hohe Zinsen setzen den Goldpreis deshalb in der Tendenz unter Druck. Sinkende Zinsen wirken dagegen unterstützend auf den Goldpreis.

Zusätzlich spielt der US-Dollar eine Rolle, da Gold international überwiegend in Dollar gehandelt wird. Ein stärkerer Dollar verteuert Gold für Käufer ausserhalb des Dollarraums und belastet damit ebenfalls die Nachfrage. Veränderungen der amerikanischen Geldpolitik beeinflussen den Goldpreis deshalb sowohl über die Zinsen als auch über den US-Dollar.

Warum reagieren Bitcoin und andere Kryptowährungen auf Zinsen?

Auch Kryptowährungen stehen nicht ausserhalb des globalen Finanzsystems. Bitcoin und andere Kryptowährungen reagieren stark auf die allgemeine Risikobereitschaft und die verfügbare Liquidität an den Finanzmärkten.

Hohe Zinsen machen sichere verzinsliche Anlagen attraktiver und verteuern gleichzeitig die Finanzierung. Dadurch fliesst Kapital aus spekulativeren Anlagen ab.

Sinkende Zinsen verbessern dagegen die Finanzierungsbedingungen und erhöhen die Attraktivität risikoreicher Anlagen. Deshalb haben Erwartungen an die amerikanische Geldpolitik einen erheblichen Einfluss auf den Kryptomarkt.

Warum reagieren die Märkte manchmal scheinbar falsch?

Eine Zinssenkung bedeutet nicht automatisch steigende Aktienkurse. Ebenso führt eine Zinserhöhung nicht zwingend unmittelbar zu fallenden Kursen.

Der entscheidende Grund lautet: Die Börse handelt Erwartungen.

Wenn Anleger bereits seit Wochen mit einer Zinssenkung rechnen, ist diese Erwartung in Aktien-, Anleihen- und Devisenkursen bereits enthalten. Entscheidend ist dann nicht mehr die Zinssenkung selbst, sondern ob die Zentralbank die Erwartungen erfüllt oder überrascht.

Rechnet der Markt beispielsweise mit einer deutlichen Zinssenkung und die Zentralbank senkt weniger stark, kann dies an der Börse wie eine geldpolitische Verschärfung wirken. Umgekehrt kann selbst ein unveränderter Leitzins positiv aufgenommen werden, wenn die Zentralbank deutlichere Zinssenkungen für die Zukunft signalisiert.

Nicht nur der Zinsentscheid zählt

Deshalb verfolgen Anleger bei einer Zentralbanksitzung weit mehr als nur die veröffentlichte Zahl.

Wichtig sind die Begründung des Entscheids, die Einschätzung von Inflation und Konjunktur sowie Hinweise auf die zukünftige Geldpolitik. Bei der FED spielen zusätzlich die veröffentlichten Zinserwartungen der Mitglieder des Offenmarktausschusses eine wichtige Rolle.

Ein einzelnes Wort in einer Erklärung oder eine Aussage an einer Pressekonferenz kann die Erwartungen über den zukünftigen Zinsverlauf verändern – und damit Aktien, Anleihen und Währungen bewegen.

Warum ist die FED auch für Schweizer Anleger wichtig?

Ein Anleger in der Schweiz könnte sich fragen, weshalb ihn der amerikanische Leitzins überhaupt interessieren sollte. Schliesslich entscheidet die FED weder über Schweizer Hypotheken noch über den SNB-Leitzins.

Die Antwort liegt in der internationalen Bedeutung der amerikanischen Kapitalmärkte und des US-Dollars. US-Staatsanleihen bilden einen wichtigen Referenzpunkt für die Bewertung zahlreicher Anlagen. Verändern sich ihre Renditen, verändert sich damit auch die relative Attraktivität von Aktien, Unternehmensanleihen, Gold und anderen Anlagen weltweit.

Dazu kommt für Schweizer Anleger das Währungsrisiko. Wer amerikanische Aktien besitzt, erzielt seine Rendite zunächst in US-Dollar. Steigt eine US-Aktie um zehn Prozent, während der Dollar gegenüber dem Franken deutlich an Wert verliert, fällt die Rendite in Franken entsprechend geringer aus.

Die Wirkungskette eines Zinsentscheids

Die Geldpolitik lässt sich vereinfacht als Wirkungskette darstellen:

Zentralbank → Leitzins → Geldmarkt- und Kapitalmarktzinsen → Banken und Kredite → Hypotheken und Unternehmensfinanzierung → Konsum und Investitionen → Wirtschaftswachstum und Inflation → Aktien, Anleihen und Währungen

Gleichzeitig beeinflussen Zinsen die Attraktivität verschiedener Anlageklassen:

Zinsen → erwartete Renditen → Kapitalströme → Aktien, Anleihen, Gold und Kryptowährungen

Diese Übertragung erfolgt nicht überall gleichzeitig. Kurzfristige Geldmarktzinsen reagieren sehr schnell auf die Zentralbank. Veränderungen bei Krediten, Investitionen, Konsum und Inflation benötigen dagegen wesentlich mehr Zeit.

Fazit

Zinsentscheide von FED, EZB und SNB gehören zu den wichtigsten Einflussfaktoren an den Finanzmärkten. Sie bestimmen nicht einfach nur, wie teuer Geld ist. Über zahlreiche Wirkungskanäle beeinflussen sie Aktienbewertungen, Anleihekurse, Wechselkurse, Gold, Kryptowährungen und die Finanzierungskosten von Unternehmen und Privathaushalten.

Für Schweizer Anleger ist dabei nicht nur die SNB entscheidend. Die FED beeinflusst über den Dollar und die internationalen Kapitalmärkte die Vermögenspreise weltweit, während die EZB aufgrund der engen wirtschaftlichen Verflechtung mit Europa eine besondere Bedeutung für die Schweiz besitzt.

Wer die Reaktion der Märkte auf Zinsentscheide verstehen will, sollte deshalb nicht nur darauf achten, ob ein Leitzins steigt oder fällt. Entscheidend ist der Vergleich zwischen dem tatsächlichen Entscheid und den Erwartungen der Finanzmärkte. Denn an der Börse wird vor allem die erwartete Zukunft gehandelt.

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