Vom Mittelland ins Réduit: Die Dissuasionsstrategie von 1940

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs sah die Schweizer Verteidigungsstrategie vor, dass die Schweizer Armee einen Angreifer bereits im Grenzraum und im Mittelland bekämpfen sollte. Der deutsche Westfeldzug von 1940, die rasche Niederlage Belgiens und vor allem der Zusammenbruch Frankreichs veränderten jedoch die strategische Lage grundlegend. General Guisan zog daraus Konsequenzen und richtete die Verteidigungsstrategie auf den Alpenraum aus. Mit dem Operationsbefehl Nr. 13 befahl er 1941 den Rückzug der Hauptkräfte in die Alpenfestung – das Réduit. Das Réduit basierte auf der Erkenntnis, dass das Mittelland gegen einen überlegenen Gegner nicht dauerhaft zu halten war.

Die Strategie von 1939 – Die Limmatstellung

Nach dem deutschen Überfall auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs mobilisierte die Schweiz ihre Armee. Mit dem Operationsbefehl Nr. 1 vom 2. September 1939 liess General Henri Guisan die Armee zunächst die vorbereitete Bereitschaftsaufstellung beziehen. Dabei handelte es sich um ein vorbereitetes Neutralitätsschutzdispositiv: Die Truppen waren mobilisiert und im Land verteilt, ohne dass die Armee ihre Hauptkräfte bereits eindeutig gegen einen bestimmten Nachbarstaat ausrichtete.

Die eigentliche Verteidigungsstrategie gegen einen deutschen Angriff konkretisierte Guisan einen Monat später. Mit dem Operationsbefehl Nr. 2 vom 4. Oktober 1939 ordnete er die Besetzung und den Ausbau der Limmatstellung an. Das Gros der Schweizer Armee wurde damit im Mittelland konzentriert. Ein deutscher Angriff aus dem Norden sollte an dieser Verteidigungslinie aufgefangen werden. Gleichzeitig sollte verhindert werden, dass die Wehrmacht durch die Schweiz die französische Maginot-Linie umging.

Die Limmatstellung war ein weitläufiges Verteidigungssystem. Sie nutzte natürliche Hindernisse wie Walensee, Zürichsee und Limmat und wurde durch Bunker, betonierte Waffenstellungen, Barrikaden, Geländehindernisse und vorbereitete Sprengobjekte verstärkt. Der Ausbau erfolgte vor allem 1939 und 1940. Damit entstand quer durch das Mittelland eine befestigte Armeestellung, die einen deutschen Vorstoss aus dem Norden möglichst früh stoppen oder zumindest erheblich verzögern sollte.

Die Stellung verlief vom Raum Sargans über Walensee, Linth, Zürichsee und Limmat sowie weiter über Bözberg und Hauenstein in Richtung Gempenplateau. Besonders Zürich war Teil dieses Verteidigungskonzepts. Dort sollten im Angriffsfall unter anderem Limmatbrücken gesprengt, Barrikaden errichtet und bestehende Gebäude in die Verteidigung einbezogen werden. Die Armeeführung nahm dabei schwere Zerstörungen der Stadt in Kauf.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs plante die Schweizer Armeeführung noch keinen Rückzug in die Alpen. Die Strategie lautete: Ein deutscher Angriff sollte bereits im Mittelland aufgefangen werden. Diese Strategie beruhte allerdings auf der damaligen militärischen Lage. Frankreich war noch eine militärische Grossmacht und deckte die Westflanke der Schweiz. Zwischen der Schweizer und der französischen Armeeführung bestanden zudem geheime militärische Absprachen für den Fall eines deutschen Angriffs.

Der deutsche Westfeldzug verändert alles

Am 10. Mai 1940 begann der deutsche Angriff im Westen. Die Wehrmacht griff die neutralen Staaten Belgien, die Niederlande und Luxemburg an und stiess gegen Frankreich vor.

Gerade Belgien war für die Schweiz ein aufschlussreiches Beispiel. Am 9. Mai 1940 verfügte die belgische Feldarmee über 22 Divisionen und 616’000 Soldaten unter Waffen. Aufgrund der belgischen Neutralität durften französische und britische Truppen jedoch nicht vorsorglich in Belgien Stellung beziehen. Belgien wollte alliierte Hilfe erst nach einem tatsächlichen deutschen Angriff zulassen. Als die Wehrmacht am 10. Mai 1940 einmarschierte, rückten deshalb erst danach französische und britische Verbände nach Belgien vor. Trotz dieser Unterstützung konnte Belgien den deutschen Angriff nicht aufhalten. Am 28. Mai 1940 kapitulierte die belgische Armee.

Danach wurde auch Frankreich, eine der bedeutendsten Militärmächte Europas, innerhalb weniger Wochen besiegt. Das britische Expeditionskorps musste über Dünkirchen nach Grossbritannien evakuiert werden. Am 22. Juni 1940 unterzeichnete Frankreich den Waffenstillstand mit Deutschland. Damit hatte sich die strategische Lage der Schweiz vollständig verändert.

Die Schweiz war plötzlich von den Achsenmächten umgeben

Nach der Niederlage Frankreichs grenzte die Schweiz praktisch nur noch an Staaten, die entweder zu den Achsenmächten gehörten oder von ihnen kontrolliert wurden. Im Norden und Nordosten lag das Deutsche Reich, im Süden das faschistische Italien und im Westen das vom Deutschen Reich besetzte beziehungsweise vom Vichy-Regime kontrollierte Frankreich.

Bereits Anfang Juni 1940 hatte die Armeeführung die Verteidigungsstellung von Basel bis Genf verlängert. Dadurch entstand eine lange und entsprechend dünn besetzte Front. Nach dem Zusammenbruch Frankreichs konnte ein Angriff zudem nicht mehr hauptsächlich aus dem Norden erwartet werden. Die bisherige Konzentration auf die Limmatstellung reichte deshalb nicht mehr aus. Innerhalb der Armeeführung begann die Suche nach einem neuen Verteidigungskonzept.

Der Strategiewechsel erfolgte in mehreren Schritten

Der Rückzug ins Réduit erfolgte in mehreren Schritten und wurde mit den Operationsbefehlen Nr. 11, 12 und 13 umgesetzt. Die Schweizer Verteidigungsstrategie wurde zwischen 1940 und 1941 schrittweise an die veränderte militärische Lage angepasst.

Operationsbefehle Nr. 11 und 12: Der Weg ins Réduit beginnt

Im Juli 1940 leitete Guisan den Strategiewechsel mit zwei unmittelbar aufeinanderfolgenden Operationsbefehlen ein. Mit dem Operationsbefehl Nr. 11 vom 12. Juli 1940 kündigte er tiefgreifende Änderungen der Armeeaufstellung an und liess erste Divisionen in Richtung Voralpen verschieben.

Nur fünf Tage später folgte der Operationsbefehl Nr. 12 vom 17. Juli 1940. Er ordnete den Bezug der Zentralraumstellung an und schuf ein gestaffeltes Verteidigungsdispositiv mit drei Bereichen:

  1. der Grenzstellung,
  2. einer vorgeschobenen Stellung beziehungsweise dem Verzögerungsraum in Jura und Mittelland,
  3. der Zentralstellung im Alpenraum.

Damit nahm die Réduit-Strategie konkrete Formen an. Bedeutende Kräfte verblieben jedoch weiterhin ausserhalb des Zentralraums.

Am 25. Juli 1940 erläuterte Guisan seinen höheren Offizieren beim Rütlirapport die neue Strategie.

Operationsbefehl Nr. 13: Das Réduit wird zur Hauptstellung

Der entscheidende nächste Schritt folgte 1941. Mit dem Operationsbefehl Nr. 13 wurde die Konzentration der Armee auf das Réduit weiter vorangetrieben. Auch Divisionen, die bis dahin im Jura und im Mittelland eingesetzt waren, wurden in den Alpenraum zurückgenommen.

Damit verschob sich die strategische Bedeutung des Mittellandes nochmals deutlich. Dort sollte ein Angreifer weiterhin bekämpft und sein Vormarsch verzögert werden. Der Schwerpunkt des längerfristigen militärischen Widerstands lag nun aber eindeutig im Réduit.

Das ist entscheidend für das Verständnis der Réduit-Strategie: Die Schweiz plante nicht mehr, ihre Hauptkräfte zur dauerhaften Verteidigung der grossen Städte und Industriezentren des Mittellandes einzusetzen. Das Gros der Armee sollte sich im Alpenraum behaupten. Damit wurde das Réduit zu einer Dissuasionsstrategie. Ziel war es, die erwarteten militärischen und wirtschaftlichen Kosten eines Angriffs so weit zu erhöhen, dass ein möglicher Gegner von einem Angriff absah. Widerstand im schwer zugänglichen Alpenraum, befestigte Stellungen und die vorbereitete Zerstörung wichtiger Verkehrswege sollten diese Kosten in die Höhe treiben.

Warum ausgerechnet die Alpen?

Die militärische Logik hinter dieser Entscheidung ist nachvollziehbar. Im offenen Mittelland hätte die Wehrmacht ihre zahlenmässige und materielle Überlegenheit sowie ihre Panzer- und Luftstreitkräfte wesentlich besser ausspielen können.

Im Gebirge waren die Möglichkeiten mechanisierter Verbände dagegen eingeschränkt. Wenige Verkehrsachsen, Engpässe, vorbereitete Befestigungen und Sprengobjekte ermöglichten es den Verteidigern, mit vergleichsweise begrenzten Kräften wichtige Zugänge zu sperren.

Die Armee konzentrierte ihre Kräfte also dort, wo die Topografie ihre Nachteile gegenüber einem überlegenen Gegner zumindest teilweise ausgleichen konnte. Der Preis dafür war allerdings hoch.

Das Mittelland konnte nicht umfassend verteidigt werden

Ein grosser Teil der Schweizer Bevölkerung lebte ausserhalb des Réduits. Dort lagen auch die grossen Städte, bedeutende Industrieanlagen und ein grosser Teil der wirtschaftlichen Ressourcen des Landes.

Das Schweizerische Bundesarchiv weist ausdrücklich darauf hin, dass die Konzentration der Verteidigung auf den Alpenraum bedeutet hätte, dass die Mehrheit der Bevölkerung im Mittelland Angriffen weitgehend schutzlos ausgesetzt gewesen wäre.

Genau darin lag das fundamentale Dilemma des Réduits: Militärisch liessen sich die Alpen wesentlich besser verteidigen als das offene und dicht besiedelte Mittelland. Gleichzeitig befand sich ein grosser Teil dessen, was die Armee eigentlich schützen sollte, ausserhalb dieser Verteidigungszone.

Im Falle eines deutschen Grossangriffs hätten die Truppen ausserhalb des Réduits Widerstand leisten und den Vormarsch verzögern sollen. Das Gros der Armee hätte sich jedoch nicht in Zürich, Basel, Bern oder den grossen Industriegebieten zur Entscheidungsschlacht gestellt, sondern im Alpenraum.

Das Faustpfand Gotthard

Das Réduit sollte aber nicht nur eine möglichst schwer einzunehmende Festung sein. Die Schweiz verfügte mit ihren Alpentransversalen über ein strategisches Faustpfand.

Gotthard und andere Verkehrsverbindungen durch die Alpen waren für die Verbindung zwischen Deutschland und Italien von Bedeutung. Für den Fall eines Angriffs bereitete die Schweizer Armee deren Zerstörung vor. Ende 1941 existierten nach Angaben des Historischen Lexikons der Schweiz 2043 vorbereitete Sprengobjekte.

Die Botschaft an einen möglichen Angreifer war damit klar: Wer die Schweiz besetzt, erhält die wichtigen Alpentransversalen nicht zwangsläufig unbeschädigt. Zusammen mit den schwierigen Gebirgskämpfen sollte dies die Kosten eines Angriffs erhöhen.

Aber wie lange hätte die Armee im Réduit durchgehalten?

Hier lag eine der grössten Schwächen des Konzepts. Eine Armee kann sich nicht unbegrenzt von Bergen und Befestigungen ernähren. Sie benötigt Lebensmittel, Munition, Treibstoff, Medikamente und zahlreiche weitere Güter.

Das Problem war der Armeeführung durchaus bewusst. Bis Ende 1942 war im Réduit eine Versorgung der dort befindlichen Bevölkerung und Truppen für sechs Monate sichergestellt.

Das Historische Lexikon der Schweiz erwähnt ausdrücklich die Kritik am Konzept:

«Kritiker bemängelten, dass die Achsenmächte das ressourcenreiche Mittelland mit wenig Aufwand erobern und die Armee im Réduit aushungern könnten.»

Damit wird ein Punkt deutlich, der in der späteren Verklärung des Réduits häufig verloren ging. Das Réduit war keine uneinnehmbare Alpenfestung, in der die Schweizer Armee beliebig lange hätte weiterkämpfen können.

Die Achsenmächte hätten den Alpenraum abriegeln und die Versorgung der dort konzentrierten Truppen unterbrechen können. Ohne Nachschub hätte die Schweizer Armee nur so lange weiterkämpfen können, wie Lebensmittel, Munition und andere Vorräte reichten. Da die Versorgung im Réduit für rund sechs Monate sichergestellt war, wäre die Durchhaltefähigkeit unter vollständiger Abriegelung entsprechend begrenzt gewesen.

Andere historische Beispiele zeigen, wie entscheidend die Versorgung eingeschlossener Armeen ist. Die Einkesselung der deutschen 6. Armee bei Stalingrad endete nach dem Zusammenbruch ihrer Versorgung in einer militärischen Katastrophe.

Die Notlösung wurde zum Mythos

Das Réduit war eine Notlösung, nachdem die bisherige Verteidigungsstrategie infolge der Niederlage Frankreichs nicht mehr haltbar war. Nach dem Krieg wurde es zum Symbol des schweizerischen Widerstandswillens. Dabei gerieten seine strategischen Nachteile – Preisgabe des Mittellandes, Versorgungsproblematik und begrenzte Durchhaltefähigkeit – in den Hintergrund.

Quellen und weiterführende Informationen

Diesen Artikel bewerten

Lieber Leser, Deine Meinung interessiert mich!

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.