In der Schweiz hält sich hartnäckig die Vorstellung, bewaffnete Neutralität sei ein besonders wirksamer Schutz vor Krieg. Die Geschichte zeichnet jedoch ein anderes Bild. Zahlreiche neutrale und durchaus verteidigungsfähige Staaten wurden angegriffen, sobald eine Grossmacht ihre strategischen Interessen höher gewichtete als deren Neutralität. Neutralität kann ein Instrument der Aussenpolitik sein und eine starke Armee kann abschrecken – eine Sicherheitsgarantie ist beides nicht.
Neutralität und Abschreckung sind nicht dasselbe
In der Diskussion über die Schweizer Neutralität werden zwei unterschiedliche Dinge häufig miteinander vermischt: Neutralität und militärische Abschreckung.
Neutralität beschreibt zunächst die Haltung eines Staates gegenüber einem Krieg zwischen anderen Staaten. Bewaffnete Neutralität bedeutet, dass ein neutraler Staat zugleich über Streitkräfte verfügt und bereit ist, sein Territorium militärisch zu verteidigen.
Die Armee soll dabei einem möglichen Angreifer signalisieren: Ein Angriff wird teuer. Das kann durchaus abschreckend wirken. Aber diese Abschreckungswirkung entsteht durch die erwarteten militärischen Kosten – nicht durch die Neutralität selbst.
Und selbst eine starke militärische Abschreckung funktioniert nur dann, wenn der potentielle Angreifer zu dem Schluss kommt, dass die erwarteten Kosten eines Angriffs dessen Nutzen übersteigen. Die Geschichte zeigt zahlreiche Fälle, in denen diese Rechnung anders ausfiel. Ein Blick auf einige Beispiele zeigt, wie wenig Verlass auf bewaffnete Neutralität als Sicherheitsgarantie ist.
Finnland 1939: Bewaffnet und neutral – trotzdem angegriffen
Finnland war 1939 neutral und keineswegs unbewaffnet. Dennoch griff die Sowjetunion das Land am 30. November 1939 an. Damit begann der Winterkrieg.
Ein wesentliches sowjetisches Motiv war die strategische Lage Leningrads, des heutigen St. Petersburg. Die damalige finnische Grenze verlief auf der Karelischen Landenge nur wenige Dutzend Kilometer von der sowjetischen Metropole entfernt. Stalin wollte einen grösseren Sicherheitsraum schaffen und verlangte unter anderem territoriale Verschiebungen sowie weitere strategische Zugeständnisse.
Finnland akzeptierte die sowjetischen Forderungen nicht. Die Sowjetunion griff an.
Die finnische Armee leistete überraschend starken Widerstand und fügte der Roten Armee erhebliche Verluste zu. Trotzdem verhinderte weder die finnische Neutralität noch die Aussicht auf hohe militärische Kosten den sowjetischen Angriff.
Am Ende musste Finnland im Frieden von Moskau 1940 erhebliche Gebiete an die Sowjetunion abtreten.
Der Fall zeigt exemplarisch: Bewaffnung kann einen Angriff verteuern. Sie garantiert aber nicht, dass ein Gegner auf den Angriff verzichtet.
Belgien: Bewaffnete Neutralität hielt Deutschland zweimal nicht auf
Noch deutlicher zeigt sich das Problem am Beispiel Belgiens. Das Land war neutral und verfügte über eine starke Armee – durchaus vergleichbar mit der damaligen Schweizer Milizarmee. Trotzdem wurde Belgien innerhalb von nur 26 Jahren gleich zweimal von Deutschland angegriffen.
1914: Neutralität, Festungen und eine Armee hielten Deutschland nicht auf
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war die belgische Neutralität international anerkannt und garantiert. Belgien verliess sich jedoch keineswegs allein auf diplomatische Zusicherungen. Am 4. August 1914 standen rund 234’000 Mann unter Waffen. Etwa 117’000 davon gehörten zur Feldarmee, die aus sechs Armeedivisionen und einer Kavalleriedivision bestand. Weitere Truppen waren unter anderem für die Verteidigung der Festungen und rückwärtige Dienste vorgesehen.
Als deutsche Truppen am 4. August 1914 die Grenze überschritten, leistete die belgische Armee Widerstand. Besonders die Kämpfe um die Festungen von Lüttich verzögerten den deutschen Vormarsch. Die belgische Armee zog sich anschliessend weiter zurück und setzte den Kampf fort. Nach dem Fall Antwerpens hielt sie sich schliesslich hinter der Yser im äussersten Westen des Landes und kämpfte dort bis zum Ende des Ersten Weltkriegs weiter.
Die bewaffnete Neutralität machte den deutschen Angriff also keineswegs kostenlos. Sie zwang Deutschland zu militärischen Operationen gegen die belgische Armee und deren Befestigungen. Verhindert hat sie den Angriff jedoch nicht.
Der Grund dafür lag in der deutschen Operationsplanung. Für den Angriff auf Frankreich war der Vormarsch durch Belgien von zentraler Bedeutung. Die strategischen Interessen des Deutschen Reiches überwogen deshalb sowohl die garantierte belgische Neutralität als auch die Aussicht auf belgischen Widerstand.
1940: Mehr als 600’000 belgische Soldaten unter Waffen
Nur 26 Jahre später wiederholte sich die Geschichte. Belgien verfolgte vor dem Zweiten Weltkrieg erneut eine Politik der bewaffneten Neutralität und mobilisierte dafür enorme Kräfte.
Am 9. Mai 1940 – einen Tag vor dem deutschen Angriff – standen rund 616’000 belgische Soldaten in 22 Divisionen unter Waffen. Für ein Land mit nur rund acht Millionen Einwohnern war dies eine ausserordentlich grosse Mobilisierung. Belgien war also keineswegs ein praktisch unbewaffneter Kleinstaat, der sich allein auf seine Neutralität verliess. Zum Vergleich: Bei der Schweizer Generalmobilmachung 1939 wurden rund 430’000 Soldaten aufgeboten. Die belgische Armee war zum Zeitpunkt des deutschen Angriffs personell sogar deutlich stärker mobilisiert als die Schweizer Armee zu Beginn des Zweiten Weltkriegs.
Die belgische Armee war allerdings nicht ohne Schwächen. Sie war vor allem auf einen defensiven Krieg ausgerichtet und verfügte gegenüber der Wehrmacht über erhebliche Nachteile bei Mechanisierung, Panzerabwehr, Flugabwehr und moderner beweglicher Kriegführung. Gleichzeitig besass Belgien starke Befestigungen und hatte einen erheblichen Teil seiner Bevölkerung mobilisiert.
Das bekannteste Symbol dieser Verteidigungsstrategie war das Fort Eben-Emael, das als eine der stärksten Festungsanlagen Europas galt. Der deutsche Angriff am 10. Mai 1940 demonstrierte jedoch, wie schnell technische und taktische Innovationen bestehende Verteidigungskonzepte entwerten konnten. Deutsche Luftlandetruppen landeten mit Lastenseglern unmittelbar auf dem Fort und setzten entscheidende Teile der Anlage mit neuartigen Hohlladungen ausser Gefecht.
Trotz des deutschen Überraschungsangriffs leistete die belgische Armee weiter Widerstand. Die sogenannte 18-Tage-Kampagne dauerte vom 10. bis zum 28. Mai 1940. Erst nachdem die militärische Lage angesichts des deutschen Vormarschs immer aussichtsloser geworden war, kapitulierte die belgische Armee.
Auch 1940 war Belgien also bewaffnet, mobilisiert und bereit, seine Neutralität militärisch zu verteidigen. Mehr als 600’000 Soldaten und erhebliche Befestigungsanlagen reichten dennoch nicht aus, um Deutschland vom Angriff abzuschrecken.
Belgien war zudem eine Kolonialmacht
Die militärischen Ressourcen Belgiens beschränkten sich nicht vollständig auf das Mutterland. Belgien beherrschte mit dem Belgisch-Kongo ein riesiges Kolonialgebiet und verfügte dort mit der Force Publique über eine eigene Kolonialstreitmacht. Diese Truppen waren jedoch organisatorisch und operativ von der belgischen Armee in Europa getrennt und können deshalb nicht einfach zur Stärke der belgischen Verteidigung im Mai 1940 hinzugerechnet werden.
Nach der deutschen Besetzung Belgiens setzte der Kongo den Krieg auf alliierter Seite fort. Die Force Publique wurde erheblich ausgebaut und kämpfte unter anderem erfolgreich gegen italienische Truppen in Ostafrika. Belgien war damit selbst nach der Niederlage seiner Armee in Europa militärisch keineswegs vollständig ausgeschaltet.
Die entscheidende Lehre
Belgien ist deshalb ein besonders anschauliches Beispiel für die Grenzen bewaffneter Neutralität. Das Land verfügte über eine Armee, mobilisierte im Zweiten Weltkrieg mehr als 600’000 Soldaten und war bereit, seine Neutralität mit Waffengewalt zu verteidigen.
Deutschland griff trotzdem an – 1914 und 1940.
Die bewaffnete Neutralität erhöhte die Kosten des Angriffs und ermöglichte militärischen Widerstand. Sie konnte aber nicht verhindern, dass eine Grossmacht das belgische Territorium angriff, sobald dessen strategische Bedeutung aus Sicht der deutschen Führung grösser war als die erwarteten Kosten.
Niederlande, Dänemark und Norwegen: Neutral und bewaffnet – trotzdem angegriffen
Belgien war keineswegs ein Einzelfall. Auch die Niederlande, Dänemark und Norwegen verfolgten zu Beginn des Zweiten Weltkriegs eine Politik der bewaffneten Neutralität. Alle drei Staaten verfügten über eigene Streitkräfte und waren grundsätzlich bereit, ihre Neutralität militärisch zu verteidigen. Der Umfang ihrer militärischen Vorbereitung unterschied sich allerdings erheblich.
Niederlande: Rund 280’000 Mann unter Waffen
Auch die Niederlande hatten versucht, sich aus dem Zweiten Weltkrieg herauszuhalten. Dabei verliessen sie sich keineswegs ausschliesslich auf ihre Neutralität. Am Vorabend des deutschen Angriffs standen rund 280’000 Mann unter Waffen. Das niederländische Heer umfasste rund 240’000 Mann, hinzu kamen etwa 40’000 Angehörige weiterer Heeresverbände und -dienste. Marine und Marineinfanterie verfügten in den Niederlanden zusätzlich über rund 10’000 Mann.
Die niederländischen Streitkräfte waren allerdings nur teilweise modern ausgerüstet und wiesen insbesondere gegenüber der hochmobilen deutschen Wehrmacht erhebliche Defizite auf. Trotzdem handelte es sich keineswegs um ein unbewaffnetes Land.
Am 10. Mai 1940 griff Deutschland die neutralen Niederlande dennoch an. Die niederländische Armee leistete Widerstand, konnte den deutschen Vormarsch jedoch nicht dauerhaft aufhalten. Nach dem verheerenden deutschen Luftangriff auf Rotterdam und der Drohung weiterer Bombardierungen kapitulierten die niederländischen Streitkräfte im Mutterland am 15. Mai.
Auch hier verhinderte die bewaffnete Neutralität den Angriff nicht. Für die deutsche Operationsplanung war das niederländische Territorium wichtiger als der politische Status des Landes.
Dänemark: Bewaffnet, aber nicht mobilisiert
Dänemark war ebenfalls neutral und verfügte über eigene Streitkräfte. Anders als Belgien und die Niederlande hatte das Land seine militärischen Möglichkeiten vor dem deutschen Angriff jedoch nicht ausgeschöpft. Am 9. April 1940 standen lediglich rund 20’000 dänische Soldaten unter Waffen.
Deutschland griff Dänemark am frühen Morgen gleichzeitig zu Land, zu Wasser und aus der Luft an. Vor allem in Südjütland leisteten dänische Soldaten Widerstand. Angesichts der massiven deutschen Überlegenheit, der weitgehenden deutschen Luftherrschaft und der Gefahr einer Bombardierung Kopenhagens ordnete die dänische Regierung jedoch bereits nach wenigen Stunden die Einstellung der Kämpfe an.
Dänemark zeigt damit eine weitere Grenze bewaffneter Neutralität: Eine Armee kann nur dann glaubwürdig abschrecken, wenn sie rechtzeitig mobilisiert, ausreichend ausgerüstet und politisch tatsächlich zum längeren Widerstand eingesetzt wird.
Norwegen: 119’000 Mann mobilisierbar – aber vom Angriff überrascht
Auch Norwegen war neutral und verfügte über eine Wehrpflichtarmee. Auf dem Papier konnte das norwegische Heer rund 119’000 Mann mobilisieren. Anfang April 1940 befanden sich jedoch nur rund 20’000 Soldaten im aktiven Dienst.
Das norwegische Militär war während der Zwischenkriegszeit stark vernachlässigt worden. Die Dienstzeit eines Infanteristen betrug lediglich 72 Tage, grössere Übungen waren selten und die Modernisierung der Streitkräfte war erst kurz vor Kriegsausbruch verstärkt worden.
Genau diese mangelnde Bereitschaft nutzte Deutschland aus. Der Überraschungsangriff vom 9. April 1940 zielte unter anderem darauf ab, die wichtigsten norwegischen Städte, Häfen, Flugplätze und Kommunikationszentren zu besetzen, bevor eine geordnete Mobilisierung stattfinden konnte.
Trotzdem leisteten norwegische Truppen Widerstand. Besonders bekannt wurde die Versenkung des deutschen Schweren Kreuzers Blücher durch die Küstenfestung Oscarsborg im Oslofjord. Der deutsche Vormarsch wurde dadurch verzögert und die norwegische Regierung sowie König Haakon VII. konnten Oslo verlassen.
Im Norden gelang es den norwegischen Streitkräften gemeinsam mit britischen, französischen und polnischen Truppen sogar, Narvik vorübergehend zurückzuerobern. Erst die deutsche Offensive gegen Frankreich zwang die Alliierten zum Rückzug aus Norwegen. Die norwegischen Streitkräfte stellten den Kampf am 10. Juni 1940 ein – rund zwei Monate nach Beginn der deutschen Invasion.
Strategische Interessen waren wichtiger als Neutralität
Warum griff Deutschland diese neutralen Staaten überhaupt an? Weil ihre geographische und strategische Bedeutung aus deutscher Sicht schwerer wog als ihre Neutralität.
Bei Norwegen spielten insbesondere die Kontrolle der norwegischen Küste, wichtige Seewege und die Sicherung der Transporte schwedischen Eisenerzes eine Rolle. Dänemark war wiederum für den Zugang nach Norwegen und insbesondere wegen des strategisch wichtigen Flugplatzes Aalborg von Bedeutung. Die Niederlande lagen im Operationsraum des deutschen Angriffs im Westen.
Auch hier zeigt sich deshalb dasselbe Muster: Sobald ein neutraler Staat für die Kriegsführung einer Grossmacht strategisch wichtig wurde, konnte weder seine Neutralität noch das Vorhandensein eigener Streitkräfte garantieren, dass sein Territorium respektiert wurde.
USA 1941: Neutral, bewaffnet – und trotzdem angegriffen
Auch die Vereinigten Staaten waren zu Beginn des Zweiten Weltkriegs neutral.
Dabei handelte es sich keineswegs um einen militärisch schwachen neutralen Staat, sondern um eine Grossmacht mit enormem wirtschaftlichem, industriellem und militärischem Potential. Die USA verfügten über eine der stärksten Flotten der Welt mit Schlachtschiffen, Flugzeugträgern, Kreuzern, Zerstörern und U-Booten sowie über bedeutende Luft- und Landstreitkräfte.
Allein die US Navy verfügte 1941 über mehrere moderne Flugzeugträger, darunter Lexington, Saratoga, Ranger, Yorktown, Enterprise, Wasp und Hornet. Dazu kamen zahlreiche Schlachtschiffe und weitere Kriegsschiffe. Japan wusste also sehr genau, dass es sich mit einer militärisch und wirtschaftlich äusserst mächtigen Nation anlegte.
Trotzdem entschied sich die japanische Führung für den Angriff. Ohne vorherige formelle Kriegserklärung griff Japan am 7. Dezember 1941 den amerikanischen Flottenstützpunkt Pearl Harbor auf Hawaii an. Einen Tag später erklärten die Vereinigten Staaten Japan den Krieg.
Wenige Tage danach weitete sich der Krieg weiter aus. Am 11. Dezember 1941 erklärten Deutschland und Italien den Vereinigten Staaten den Krieg. Daraufhin erklärten die USA ihrerseits Deutschland und Italien den Krieg.
Für die Frage der Abschreckung ist das amerikanische Beispiel besonders bemerkenswert. Japan griff nicht irgendeinen militärisch schwachen neutralen Kleinstaat an, sondern eine Grossmacht mit einer der stärksten Flotten der Welt und einem wirtschaftlichen Potential, das langfristig weit über jenem Japans lag.
Die japanische Führung war sich der amerikanischen Stärke bewusst. Trotzdem kam sie aufgrund ihrer eigenen strategischen Kalkulation zu dem Schluss, dass ein Angriff auf die Vereinigten Staaten notwendig oder zumindest erfolgversprechend sei.
Das zeigt eine zentrale Grenze militärischer Abschreckung: Selbst die bewaffnete Neutralität einer Grossmacht garantiert nicht, dass ein entschlossener Gegner auf einen Angriff verzichtet.
Gerade für die Schweiz ist dieser Punkt wichtig. Wenn selbst die militärische Stärke einer Grossmacht wie der Vereinigten Staaten einen Angriff nicht mit Sicherheit verhindern konnte, kann bewaffnete Neutralität erst recht nicht als automatische Sicherheitsgarantie für einen Kleinstaat verstanden werden.
Und die Schweiz?
In der Schweiz wird die Tatsache, dass das Land während des Zweiten Weltkriegs nicht von Deutschland angegriffen wurde, häufig als Beweis für die erfolgreiche bewaffnete Neutralität angeführt. Doch diese Erklärung ist zu einfach.
Die Schweizer Mobilmachung und später die Réduitstrategie sollten einem möglichen Angreifer signalisieren, dass die Schweiz militärischen Widerstand leisten würde und eine vollständige Besetzung insbesondere des Alpenraums mit zusätzlichen Kosten verbunden wäre. Ob diese Aussicht die deutsche Führung tatsächlich von einem Angriff auf die Schweiz abhielt, ist zweifelhaft und historisch umstritten.
Es existierten deutsche Planungen für einen Angriff und die Besetzung der Schweiz. Doch Deutschland führte Krieg an mehreren Fronten und musste seine militärischen Ressourcen entsprechend einsetzen. Eine Invasion der Schweiz hätte zusätzliche Truppen und Material gebunden, während ihr unmittelbarer strategischer Nutzen begrenzt war.
Entscheidend war daher nicht allein, dass die Schweiz bewaffnet und neutral war, sondern welche strategische Priorität ihre Eroberung für Deutschland überhaupt hatte. Vereinfacht gesagt: Die Eroberung der Schweiz hätte Deutschland durchaus Vorteile gebracht, war jedoch für die weitere Kriegsführung weder zwingend erforderlich noch von vorrangiger strategischer Bedeutung. Hätte sich diese Kosten-Nutzen-Rechnung geändert, gibt es keinen überzeugenden Grund für die Annahme, dass Hitler aus Respekt vor der Schweizer Neutralität auf einen Angriff verzichtet hätte.
Das Réduit: Rückzugsstrategie statt Schutzschild
Die Réduitstrategie war im Kern eine Rückzugsstrategie und keine Strategie zur Verteidigung der Schweiz als Ganzes. Im Falle eines deutschen Angriffs sollte sich ein wesentlicher Teil der Armee aus dem Mittelland in den befestigten Alpenraum zurückziehen und dort den Widerstand fortsetzen. Damit sollte insbesondere die vollständige Kontrolle über den Alpenraum und die wichtigen Alpentransversalen für einen Angreifer erschwert und verteuert werden.
Die deutschen Angriffsplanungen zeigen jedoch, dass die Wehrmacht das Réduit nicht als unüberwindbares Hindernis betrachtete, sondern in ihre Operationsplanung einbezog. Ein wesentliches Ziel bestand darin, die Schweizer Armee im Mittelland rasch zu zerschlagen und ihren Rückzug in das Réduit möglichst zu verhindern. Das Réduit war damit aus deutscher Sicht ein militärisches Problem, für das bereits operative Lösungen vorgesehen wurden.
Mehr zur Réduitstrategie und zu den deutschen Angriffsplanungen findet ihr in meinem Artikel „Der Réduit-Mythos“ .
Was bedeutet das für die Schweiz heute?
Die historische Erfahrung spricht dafür, Sicherheit nicht auf ein einziges Konzept zu reduzieren. Ein moderner Staat benötigt eigene Verteidigungsfähigkeit, glaubwürdige Abschreckung, Diplomatie, internationale Zusammenarbeit und genügend politischen Handlungsspielraum, um auf neue Bedrohungen reagieren zu können.
Gerade für einen kleinen Staat ist es entscheidend, möglichst viele sicherheitspolitische Optionen offenzuhalten. Die Vorstellung, die Schweiz könne sich allein durch bewaffnete Neutralität dauerhaft aus den Konflikten Europas heraushalten, mag beruhigend wirken. Sich allein auf die bewaffnete Neutralität zu verlassen, ist aus historischer Sicht fahrlässig.
Fazit
Finnland, Belgien, die Niederlande, Dänemark, Norwegen und die USA waren bewaffnet und neutral. Obwohl sie sich aus dem Krieg heraushalten wollten, wurden sie trotzdem angegriffen.
Das zeigt: Kein Staat kann seine Sicherheit allein auf Neutralität, eine Armee und die Hoffnung auf erfolgreiche Abschreckung gründen.
Eine Armee kann einen Angriff verteuern. Diplomatie kann Risiken reduzieren. Neutralität kann in bestimmten Situationen aussenpolitischen Handlungsspielraum schaffen. Internationale Kooperation und Verteidigungsbündnisse ergänzen die eigene Verteidigungsfähigkeit und können die Abschreckung erheblich verstärken.
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