Noch vor wenigen Jahren wurde künstliche Intelligenz vor allem als technisches Thema betrachtet. Heute ist klar: Künstliche Intelligenz entwickelt sich in rasantem Tempo und wird Wirtschaft und Gesellschaft tiefgreifend verändern. Sie verspricht höhere Produktivität, neue medizinische Möglichkeiten und wirtschaftliches Wachstum. Gleichzeitig warnen selbst führende Köpfe der KI-Branche vor den Risiken. Es geht um Arbeitsplätze, Cyberangriffe, militärische Anwendungen und die technologische Abhängigkeit ganzer Staaten. Zugleich kämpfen die USA und China um die technologische Vorherrschaft. KI ist damit längst auch zu einer geopolitischen Machtfrage geworden.
Die grossen amerikanischen Technologiekonzerne investieren Milliarden. China baut gleichzeitig eigene Modelle und Infrastruktur auf. Europa hat bei führenden KI-Modellen, Rechenleistung und Cloud-Infrastruktur einen deutlichen Rückstand, den es wahrscheinlich nicht mehr aufholen kann. Das gilt auch für die Schweiz. Entscheidend ist, in welchen Bereichen die Schweiz trotz ihres Rückstands noch eigene Fähigkeiten erhalten oder aufbauen kann. In strategisch wichtigen Bereichen muss sie dies tun – etwa bei Forschung, Rechenleistung, Dateninfrastruktur und sicherheitsrelevanten KI-Anwendungen. So lässt sich die Abhängigkeit von ausländischen Anbietern zumindest begrenzen.
Gleichzeitig wird die Diskussion über die Risiken schärfer. Ausgerechnet führende Vertreter der KI-Branche fordern mehr Vorsicht.
Wenn die Entwickler selbst auf die Bremse treten
Anthropic-Chef Dario Amodei sorgte im September 2026 für Aufsehen. Er forderte, die Entwicklung der leistungsfähigsten KI-Modelle zu verlangsamen. OpenAI-Chef Sam Altman und Elon Musk unterstützten die Forderung. Das ist bemerkenswert. Hier warnen nicht Kritiker von aussen. Es warnen Männer, deren Unternehmen an der Spitze des KI-Wettlaufs stehen.
Doch China wird seine KI-Entwicklung nicht stoppen, nur weil amerikanische Firmen mehr Vorsicht fordern. In den USA wird deshalb bereits darüber gestritten, ob eine Verlangsamung nicht vor allem China helfen würde. Präsident Donald Trump lehnt eine starke Bremse ab. Für ihn steht die technologische Führung der USA auf dem Spiel.
Damit entsteht ein Dilemma: Je grösser die Risiken werden, desto stärker wächst der Ruf nach Kontrolle und Verlangsamung. Gleichzeitig will keine Seite im technologischen Wettlauf zurückfallen.
Die Sorge gilt vor allem sogenannten KI-Agenten. Diese Systeme beantworten nicht mehr nur Fragen wie klassische KI-Chats. Sie können selbständig Aufgaben ausführen, Programme bedienen, Code schreiben und mit anderen Computersystemen interagieren. Damit wachsen ihre Möglichkeiten – und zugleich die Risiken.
KI-Systeme wurden bereits in Sicherheitstests für Cyberangriffe eingesetzt. Damit verändert sich die Risikolage. Nicht nur falsche Antworten sind ein Risiko, sondern auch selbständiges Handeln leistungsfähiger Systeme.
Über die extremsten Warnungen wird gestritten. Einige Forscher sprechen sogar von existenziellen Gefahren für die Menschheit. Andere Experten halten solche Szenarien für übertrieben. Die Debatte über den Weltuntergang lenkt jedoch von den konkreten Problemen ab, die bereits heute sichtbar sind.
Die erste grosse Frage: Was passiert mit unseren Jobs?
Die Angst vor Arbeitsplatzverlust gehört zu den grössten Sorgen rund um künstliche Intelligenz. Technischer Fortschritt hat schon immer Berufe verändert. Maschinen übernahmen immer mehr körperliche Arbeit, Computer automatisierten Verwaltung und Produktion. KI geht einen Schritt weiter und übernimmt Aufgaben, die bisher als klassische Wissensarbeit galten. Sie schreibt Texte, programmiert, übersetzt und analysiert Dokumente. Sie erstellt Bilder, wertet grosse Datenmengen aus und beantwortet Kundenanfragen. Damit geraten nicht nur einfache Tätigkeiten unter Druck.
Die industrielle Revolution mechanisierte körperliche Arbeit in einem bis dahin ungekannten Ausmass. KI greift nun in grossem Stil in geistige Arbeit ein. Das betrifft Büros, Banken, Versicherungen, Verwaltungen, Medien, Rechtsabteilungen und viele weitere Bereiche.
Der Internationale Währungsfonds geht davon aus, dass rund 60 Prozent der Arbeitsplätze in entwickelten Volkswirtschaften von KI betroffen sein werden. Das bedeutet nicht, dass 60 Prozent der Stellen verschwinden. Ein Teil der Arbeit wird produktiver, andere Tätigkeiten werden automatisiert, einige Jobs werden verschwinden, neue Berufe entstehen.
Doch entstehen die neuen Arbeitsplätze schnell genug und in genügender Zahl, wenn KI gleichzeitig immer mehr bestehende Tätigkeiten übernimmt? Darauf gibt es heute keine sichere Antwort.
KI schafft aber nicht nur Risiken für Arbeitsplätze. Sie eröffnet auch kleinen Unternehmen neue Möglichkeiten. Aufgaben, für die früher zusätzliche Mitarbeiter oder teure externe Dienstleister nötig waren, können heute mit KI erledigt werden. Dazu gehören Texte, Übersetzungen, Bildbearbeitung, Datenanalyse, Marketing oder die Vorbereitung von Kundenkommunikation.
Damit verschiebt KI auch die Wettbewerbsverhältnisse. Kleine Unternehmen können Leistungen anbieten und Prozesse bewältigen, die früher grösseren Unternehmen mit entsprechenden personellen und finanziellen Ressourcen vorbehalten waren. Ein einzelner Unternehmer kann heute mit KI Aufgaben erledigen, für die früher mehrere Spezialisten nötig gewesen wären.
Die zweite grosse Frage: Wer kontrolliert die Technologie?
Fast noch wichtiger als die Frage nach den Arbeitsplätzen ist die Frage nach der Kontrolle. Die leistungsfähigsten KI-Systeme kommen heute vor allem aus den USA und China. Bei der notwendigen Rechenleistung und Cloud-Infrastruktur dominieren amerikanische Unternehmen. Europa liegt deutlich zurück und ist in zentralen Bereichen von amerikanischer Technologie abhängig. Damit entsteht eine neue strategische Abhängigkeit.
Wir kennen solche Abhängigkeiten aus anderen Bereichen. Europa war beim Erdgas stark von Russland abhängig. Bei zahlreichen Rohstoffen besteht eine grosse Abhängigkeit von China. Bei modernsten Halbleitern spielt Taiwan eine zentrale Rolle. Nun kommt künstliche Intelligenz hinzu.
Doch KI ist mehr als ein weiteres Importprodukt. Sie wird in Unternehmen, Forschung, Verwaltung, Medizin und IT-Sicherheit eingesetzt. Gleichzeitig hält sie Einzug in militärische Systeme – etwa bei der Steuerung von Drohnen, der Auswertung von Aufklärungsdaten und der Zielerfassung. Wer keinen eigenen Zugang zu leistungsfähiger KI besitzt, gibt einen Teil seiner digitalen und strategischen Handlungsfreiheit aus der Hand.
Auch die Schweiz steht vor diesen Fragen
An der ETH Zürich und der EPFL wird intensiv an eigenen KI-Lösungen gearbeitet. Mit Apertus entstand ein offenes Schweizer Sprachmodell. Die EPFL betreibt zudem eigene KI-Infrastruktur, damit Forschung und Lehre nicht vollständig von kommerziellen Cloud-Anbietern abhängig sind. Es geht um digitale Souveränität.
Die Frage reicht aber weiter. KI wird auch für Aufklärung, Drohnen, Zielerfassung, Cyberabwehr und militärische Führungssysteme immer wichtiger. Ein Staat, der in solchen Bereichen vollständig von ausländischer Technologie abhängig ist, verliert auch sicherheitspolitische Handlungsfreiheit.
Die Schweiz muss nicht jedes Produkt selbst herstellen. Vollständige technologische Autarkie ist weder realistisch noch sinnvoll. Aber bei einer Schlüsseltechnologie braucht ein Staat eigene Kompetenzen. Sonst entscheiden am Ende Unternehmen oder Staaten im Ausland über Zugang, Preis und Nutzungsbedingungen. Genau deshalb gewinnt die Diskussion über eine eigenständige Schweizer KI-Strategie an Bedeutung.
Ein Land, das KI nur konsumiert, wird abhängig von jenen Ländern und Unternehmen, die sie entwickeln.
Europa reguliert – Amerika und China entwickeln
Wer nur regulatorische Standards festlegt, aber bei Modellen, Chips, Rechenleistung und Cloud-Infrastruktur vom Ausland abhängig bleibt, besitzt keine technologische Souveränität. Europa reguliert überwiegend eine Technologie, die anderswo entwickelt und kontrolliert wird.
Deutschland lehnt daher einen vollständigen Entwicklungsstopp ab. Die Begründung ist nachvollziehbar: Europa darf im technologischen Wettbewerb nicht noch weiter zurückfallen. Damit zeigt sich das eigentliche Dilemma: Die Europäische Union will KI streng regulieren und erschwert damit die Entwicklung eigener Systeme. Dadurch wächst die Abhängigkeit von den USA und China weiter.
USA gegen China: KI wird zur Machtfrage
Besonders deutlich wird dieser Konflikt im Verhältnis zwischen den USA und China. Washington versucht seit Jahren, Chinas Zugang zu modernsten Halbleitern und anderen Schlüsseltechnologien einzuschränken. China investiert gleichzeitig massiv in eigene KI-Systeme. Die Diskussion über eine KI-Bremse wird deshalb sofort geopolitisch.
US-Präsident Donald Trump lehnt eine starke Verlangsamung der amerikanischen KI-Entwicklung ab. Sein Argument ist einfach: Die USA dürfen ihren Vorsprung gegenüber China nicht verlieren. China wiederum betrachtet amerikanische Beschränkungen als Versuch, die technologische Vorherrschaft der USA zu sichern. Damit entsteht ein klassisches Wettrüsten. Selbst wenn beide Seiten Risiken erkennen, hat keine Seite ein Interesse daran, allein auf die Bremse zu treten.
KI verändert auch den Krieg
Künstliche Intelligenz spielt auch militärisch eine immer grössere Rolle. Sie analysiert Aufklärungsdaten, erkennt Objekte auf Bildern und unterstützt bei der Auswahl von Zielen. Zudem wertet sie Drohnenaufnahmen aus und hilft bei der Planung militärischer Operationen. Der Krieg in der Ukraine zeigt diese Entwicklung besonders deutlich.
Die Ukraine verbindet Drohnen, Sensoren, Aufklärung und digitale Führungssysteme. KI hilft dabei, riesige Datenmengen schneller auszuwerten. Gleichzeitig gewinnen unbemannte Fahrzeuge und autonome Systeme an Bedeutung. Solche Systeme können am Boden, in der Luft oder auf dem Wasser eingesetzt werden.
Das Ziel ist offensichtlich: schneller erkennen, schneller entscheiden und eigene Soldaten weniger Gefahren aussetzen. Noch einen Schritt weiter geht die Entwicklung humanoider Roboter. Solche Maschinen könnten künftig durch KI immer selbständiger handeln und auch militärisch eingesetzt werden. China erforscht solche Anwendungen bereits.
Was heute entwickelt wird, erinnert an Science-Fiction aus den 1980er-Jahren. Die Filmreihe «Terminator» verband künstliche Intelligenz mit autonomen Waffensystemen und humanoiden Kampfrobotern. Zuerst sieht man das Ziel. Danach überlegt man, wie man es erreichen kann. Was heute noch Science-Fiction ist, kann morgen Realität werden.
Mit zunehmender Autonomie stellt sich insbesondere in der stark regulierten Europäischen Union folgende Frage: Wie weit darf eine Maschine selbst entscheiden, welcher Mensch oder welches Fahrzeug zum Ziel wird?
In den führenden KI-Nationen spielt diese Frage im laufenden technologischen und militärischen Wettbewerb hingegen eine untergeordnete Rolle. Ein eigener Artikel wäre nötig, um die militärische Dimension der KI umfassend zu behandeln. Klar ist bereits heute: Staaten, die bei künstlicher Intelligenz technologisch zurückfallen und stattdessen auf Regulierung, Ethik und Bürokratie setzen, riskieren einen militärischen Nachteil und gefährden ihre eigene Sicherheit.
Die Warnungen der KI-Konzerne sind eigennützig
Die grossen Anbieter haben ein eigenes wirtschaftliches Interesse an Regulierung. Darum müssen die Warnungen aus der KI-Branche kritisch betrachtet werden. Strenge Sicherheitsvorschriften kosten Geld. Grosse Konzerne können sich aufwendige Prüfungen leisten. Kleine Konkurrenten haben grössere Probleme damit. Regulierung schützt deshalb nicht nur die Öffentlichkeit. Sie kann gleichzeitig bestehende Marktführer schützen.
EPFL-Professor Marcel Salathé weist auf genau diesen Widerspruch hin. Er hält manche Katastrophenszenarien für übertrieben und vermutet hinter einem Teil der Warnungen auch wirtschaftliche Interessen. Diese Kritik verdient Beachtung. Denn Unternehmen sollten nicht gleichzeitig darüber mitbestimmen, wie gefährlich ihre eigenen Produkte eingestuft werden und welche Regeln für ihre Konkurrenten gelten.
Fazit
Künstliche Intelligenz ist längst mehr als ein neuer Chatbot auf dem Computer. Sie wird zu einer strategischen Infrastruktur.
Wer bei KI führend ist, gewinnt wirtschaftlichen Einfluss. Er verfügt über bessere Werkzeuge für Forschung und Industrie und gewinnt neue Möglichkeiten in der Sicherheitspolitik und im Militär.
Die Schweiz wird den technologischen Wettlauf zwischen den USA und China nicht gewinnen. Das muss sie auch nicht. Aber sie sollte vermeiden, vollständig von fremden Systemen abhängig zu werden. Dazu braucht es eigene Forschung, eigene Rechenleistung und Zugang zu leistungsfähigen Modellen. Die politische Debatte darf sich deshalb nicht auf Datenschutz, Ethik und Regulierung beschränken. Sie muss sich auch darum drehen, welche KI-Fähigkeiten die Schweiz selbst beherrschen muss, welche Infrastruktur dafür notwendig ist und wie sie ihre wirtschaftliche und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit bewahren kann.
Für Europa und die Schweiz stellt sich deshalb folgende Frage: Wollen wir eigene KI-Fähigkeiten aufbauen und unsere technologische Handlungsfreiheit sichern – oder wollen wir uns mit immer neuen Vorschriften selbst ausbremsen, während die USA und China weiterziehen?
Entscheidend ist am Ende nicht, wer die meisten Regeln erlässt, sondern wer die Technologie beherrscht.
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