Unternehmen Tannenbaum: Unterschätzte die Wehrmacht die Schweiz?

In Diskussionen über die Schweizer Neutralität und das Réduit taucht immer wieder dieselbe Behauptung auf: Hitler habe die Schweiz nicht angegriffen, weil die Wehrmacht mit enormen Verlusten gerechnet und für eine Invasion eine gewaltige Streitmacht benötigt hätte. Mitunter ist sogar von mehr als 40 deutschen Divisionen die Rede.

Das klingt eindrucksvoll. Doch was sagen die historischen Quellen tatsächlich? Ein Blick auf die deutschen Planungen für einen Angriff auf die Schweiz zeichnet ein wesentlich differenzierteres Bild.

430’000 Schweizer unter Waffen

Die Schweiz war 1940 keineswegs unverteidigt. Bei Kriegsausbruch mobilisierte sie rund 430’000 Kampftruppen sowie etwa 200’000 Reservisten. Für ein Land mit damals gut vier Millionen Einwohnern war das eine enorme Mobilisierungsleistung. Auf dem Höhepunkt der Mobilisierung im Juni 1940 stand ein erheblicher Teil der erwerbsfähigen männlichen Bevölkerung unter Waffen.

Natürlich hätte die Eroberung der Schweiz militärischen Aufwand verursacht. Doch die deutschen Planungen widersprechen dem Bild einer Wehrmacht, die vor der Schweizer Armee zurückschreckte. Und die Behauptung, Hitler habe gerade wegen der erwarteten Verluste auf einen Angriff verzichtet, entbehrt angesichts der gewaltigen Verluste, die er auf anderen Kriegsschauplätzen bedenkenlos in Kauf nahm, jeder Grundlage.

Wie viele Divisionen plante die Wehrmacht für die Invasion der Schweiz tatsächlich ein?

Von 40 Divisionen keine Spur

Den Anstoss zu diesem Artikel gab eine Diskussion über die Frage, weshalb Hitler die Schweiz nicht angriff. Dabei wurde behauptet, die deutschen Planer hätten ursprünglich mit rund 20 Divisionen gerechnet, später aber feststellen müssen, dass mehr als 40 Divisionen (grob nur ca. 600’000 Soldaten) erforderlich gewesen wären. Dieser angeblich enorme Kräftebedarf habe Hitler schliesslich dazu bewogen, andere Prioritäten zu setzen.

Doch woher stammt diese Zahl?

Eine belastbare Quelle dafür, dass die Wehrmacht für die Eroberung der Schweiz schliesslich mehr als 40 Divisionen für notwendig hielt, lässt sich nicht finden. Die dokumentierten deutschen Operationsplanungen zeichnen vielmehr das gegenteilige Bild.

Nach dem deutschen Sieg über Frankreich entstanden im Sommer 1940 konkrete Operationsstudien für einen möglichen Angriff auf die Schweiz.

Die entsprechenden deutschen Unterlagen sind keine nachträgliche Legende. Das Schweizerische Bundesarchiv verweist ausdrücklich auf deutsche Studien, Lageberichte und Karten zum Unternehmen «Tannenbaum». Die einschlägigen deutschen Militärakten befinden sich im Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg im Breisgau.

Besonders interessant ist die Planung der Heeresgruppe C vom 4. Oktober 1940. Generalfeldmarschall Wilhelm Ritter von Leeb sah für das Unternehmen Tannenbaum nur 18 bis 21 deutsche Divisionen vor. Doch selbst dieser Ansatz blieb nicht bestehen.

Das Oberkommando des Heeres reduzierte die für den Angriff vorgesehenen Kräfte später sogar auf nur noch 11 Divisionen!

Das ist bemerkenswert. Denn statt von rund 20 auf mehr als 40 Divisionen anzusteigen, sank der dokumentierte deutsche Kräfteansatz erheblich.

Die Behauptung, die Wehrmacht habe schliesslich mehr als 40 Divisionen für notwendig gehalten und Hitler deshalb von einer Invasion Abstand genommen, steht damit nicht nur ohne Beleg da – sie widerspricht der Entwicklung der dokumentierten deutschen Operationsplanung.

Was bedeuten 11 Divisionen?

Die Mannschaftsstärke einer Wehrmachtsdivision war nicht einheitlich. Je nach Divisionstyp, Zeitpunkt und tatsächlichem Personalbestand bestanden erhebliche Unterschiede. Rechnet man lediglich zur Veranschaulichung mit ungefähr 15’000 Soldaten pro Division, entsprächen elf Divisionen grob 165’000 Soldaten.

Ein direkter Vergleich mit den rund 430’000 Schweizer Soldaten greift allerdings zu kurz. Die Wehrmacht hätte ihre Kräfte an bestimmten Angriffsschwerpunkten konzentriert. Dazu wären Luftwaffe, Artillerie, Unterstützungstruppen und möglicherweise italienische Kräfte gekommen. Gleichzeitig hätten keineswegs alle 430’000 Schweizer Soldaten den deutschen Angriffskräften gegenübergestanden. Die Réduitstrategie sah den Rückzug eines wesentlichen Teils der Armee in den Alpenraum vor. Für die Eroberung des Mittellandes hätte die Wehrmacht daher gerade nicht die gesamte mobilisierte Schweizer Armee niederkämpfen müssen.

Trotzdem ist die Grössenordnung für die Einschätzung der Kampfkraft der Schweizer Armee durch die Wehrmacht aufschlussreich:

Die deutschen Planer gingen offenbar davon aus, die Schweiz ohne eine massive zahlenmässige Überlegenheit bezwingen zu können.

Und was ist mit der 3:1-Regel?

In militärischen Diskussionen wird häufig die sogenannte 3:1-Regel genannt: Ein Angreifer solle gegen eine vorbereitete Verteidigung ungefähr dreifache Überlegenheit herstellen.

Diese Faustregel existiert tatsächlich als militärischer Planungswert. Sie ist aber kein Naturgesetz und darf nicht einfach auf die Gesamtstärken zweier Armeen übertragen werden.

Daraus darf insbesondere nicht geschlossen werden, Deutschland hätte gegen 430’000 Schweizer automatisch 1,29 Millionen Soldaten benötigt.

Die 3:1-Regel bezieht sich auf das Kräfteverhältnis in einer konkreten Gefechtssituation beziehungsweise am entscheidenden Angriffsschwerpunkt. Eine bewegliche Operationsführung versucht gerade, lokal Überlegenheit zu schaffen, statt entlang einer gesamten Landesgrenze überall dreimal so viele Soldaten aufzustellen.

Die Regel zeigt deshalb vor allem eines:

Der Vergleich der Gesamtstärken allein sagt wenig darüber aus, welche Kräfte ein Angreifer tatsächlich benötigt und welche Erfolgsaussichten er hat. Entscheidend ist, ob und wo er am Angriffsschwerpunkt eine ausreichende Überlegenheit herstellen kann.

Was sagt die Planung über die Schweizer Armee und den Abschreckungsmythos aus?

Und genau hier bekommt der Abschreckungsmythos Risse! Wenn die Wehrmachtsführung schliesslich einen Operationsansatz mit nur elf deutschen Divisionen akzeptierte, spricht das kaum für eine deutsche Führung, die ehrfürchtig vor der Kampfkraft der Schweizer Armee zurückschreckte.

Das bedeutet zwar nicht, dass die Deutschen einen Spaziergang erwarteten. Aber offensichtlich hielten die Wehrmachtsplaner die Schweiz für einen Gegner, den sie mit einem vergleichsweise begrenzten Kräfteansatz bezwingen konnten.

Die Schweizer Armee war mobilisiert. Das Gelände begünstigte die Verteidigung. Brücken, Tunnel und Verkehrswege konnten zerstört werden. Grösseren Widerstand hätte die Wehrmacht vor allem im Alpenraum erwarten müssen – während das bevölkerungsreiche und wirtschaftlich bedeutende Mittelland nicht den Schwerpunkt der Réduit-Verteidigung bildete.

Das spricht klar gegen den Abschreckungsmythos, Hitler habe die Schweiz wegen der Stärke ihrer Armee nicht angegriffen. Ein historischer Nachweis für diese Behauptung fehlt ohnehin.

Planung ist nicht gleich Angriffsbefehl

Auch die Existenz von Angriffsplänen wie jenen für die Operation Tannenbaum wird gelegentlich falsch interpretiert.

Ein militärischer Operationsplan beweist zunächst nur, dass sich ein Generalstab mit einer möglichen Operation beschäftigte. Er beweist nicht, dass die politische Führung beschlossen hatte, diese Operation tatsächlich durchzuführen.

Das Schweizerische Bundesarchiv formuliert die historische Unsicherheit entsprechend vorsichtig: In der Fachwelt gehen die Meinungen darüber auseinander, ob und wann die Wehrmacht die Schweiz angreifen wollte und weshalb sie es schliesslich nicht tat.

Genau diese Unterscheidung geht in der populären Erzählung häufig verloren.

Aus «Deutschland plante einen möglichen Angriff» wird schnell «Hitler wollte angreifen» und daraus wiederum «Die Schweizer Armee schreckte Hitler davon ab.» Das sind drei unterschiedliche Aussagen. Für jede davon braucht es einen eigenen historischen Nachweis.

Deutschland hatte auch Gründe, die Schweiz intakt zu lassen

Hinzu kamen strategische und wirtschaftliche Überlegungen.

Nach dem Sieg über Frankreich verlagerte sich der deutsche militärische Schwerpunkt zunächst auf Grossbritannien. Gleichzeitig bestand ein Interesse an einer funktionierenden Schweizer Wirtschaft, an Rüstungslieferungen und an den Transitwegen durch die Alpen.

Eine Besetzung hätte dagegen deutsche Truppen gebunden, Infrastruktur gefährdet und ein Gebiet geschaffen, das anschliessend dauerhaft hätte kontrolliert werden müssen.

Entscheidend war nicht, ob Hitler die Schweiz erobern konnte, sondern ob sich eine Eroberung für Deutschland überhaupt lohnte. Zu diesem Zeitpunkt sprachen die strategischen Prioritäten Deutschlands gegen eine Invasion.

Das ist etwas völlig anderes als die Behauptung, die Schweizer Armee habe Hitler militärisch in die Knie gezwungen, bevor überhaupt ein Schuss gefallen war.

Fazit: Die Zahlen passen schlecht zum Mythos

Die Schweizer Armee mobilisierte rund 430’000 Aktivdienst-Soldaten und hätte einem Angreifer Widerstand geleistet. Doch die dokumentierten deutschen Invasionsplanungen zeigen, dass sich die Wehrmacht davon nicht beeindrucken liess. Sie sahen zeitweise nur 18 bis 21 Divisionen vor und wurden später sogar auf 11 Divisionen reduziert.

Das passt schlecht zur Vorstellung einer Wehrmachtsführung, die sich durch die Schweizer Verteidigungsstärke von einer Invasion hätte abschrecken lassen.

Der historische Nachweis, dass Hitler gerade wegen der Schweizer Armee auf einen Angriff verzichtete, fehlt. Und ein Abschreckungsmythos wird nicht dadurch wahr, dass man ihn oft genug wiederholt.

Quellen und weiterführende Informationen

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