Suworow-Denkmal: Warum steht ein russisches Kriegerdenkmal in der Schweiz?

Wer durch die Schöllenenschlucht fährt, begegnet einem ungewöhnlichen Monument. Unweit der Teufelsbrücke erhebt sich ein gewaltiges, in den Fels eingelassenes Kreuz. Es erinnert an die russischen Soldaten General Alexander Suworows, die 1799 während seines Feldzugs durch die Schweizer Alpen ums Leben kamen. Mitten in der Schweiz steht damit bis heute ein russisches Kriegerdenkmal.

Angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine könnte man provokativ fragen, was ein russisches Kriegerdenkmal in der Schweiz zu suchen hat.

Doch das Suworow-Denkmal erinnert an eine historische Realität, die für die aktuelle Diskussion über die Neutralitätsinitiative bemerkenswert relevant ist: Die Schweiz kann ihre Neutralität erklären. Ob andere Staaten diese respektieren, entscheidet sie nicht allein.

Suworows Feldzug durch die Schweiz

Ein Jahr zuvor hatten französische Truppen die Alte Eidgenossenschaft besetzt. Die bisherige Eidgenossenschaft wurde aufgelöst und 1798 durch die zentralistische Helvetische Republik ersetzt. Die neue Republik stand unter starkem französischem Einfluss und schloss mit Frankreich ein Offensiv- und Defensivbündnis.

Als 1799 der Zweite Koalitionskrieg ausbrach, wurde die Schweiz zu einem Kriegsschauplatz zwischen Frankreich und den verbündeten Österreichern und Russen. André Masséna kommandierte die französische Armée d’Helvétie (Helvetische Armee) und hatte die Aufgabe, die französische Position in der Schweiz gegen die vorrückenden österreichischen und russischen Armeen zu verteidigen.

Der russische Feldherr Alexander Suworow erhielt den Auftrag, mit seiner rund 21’000 Mann starken Armee aus Norditalien über den Gotthard in die Zentralschweiz vorzustossen. Dort sollte er sich mit den bereits in der Schweiz stehenden russischen Truppen unter General Alexander Rimski-Korsakow und österreichischen Verbänden vereinigen. Rimski-Korsakows Korps war zuvor aus Russland über Mitteleuropa in die Schweiz verlegt worden und hatte im August 1799 über Schaffhausen den Raum Zürich erreicht. Gemeinsam sollten die verbündeten Truppen Massénas französische Streitkräfte schlagen und aus der Schweiz vertreiben.

1799 war die Schweiz allerdings nicht neutral

Gerade im Zusammenhang mit der heutigen Neutralitätsdebatte ist eine wichtige Einschränkung notwendig. Es wäre historisch falsch, Suworows Feldzug als Beweis dafür darzustellen, dass Russland 1799 die Neutralität der Schweiz verletzt habe. Die Helvetische Republik war zu diesem Zeitpunkt nicht neutral. Sie stand unter starkem französischem Einfluss und war seit 1798 durch ein Offensiv- und Defensivbündnis mit Frankreich verbunden. Französische Truppen befanden sich auf ihrem Gebiet.

Das Beispiel von 1799 zeigt deshalb etwas anderes: Die Schweiz liegt im Zentrum Europas. Ihre Alpenpässe und Verkehrsachsen waren für die europäischen Grossmächte von erheblicher strategischer Bedeutung. Wenn deren militärische Interessen aufeinanderprallten, konnte Schweizer Territorium zum Kriegsschauplatz werden. Ob dies geschah, wurde letztlich in Paris, Wien, London oder St. Petersburg entschieden.

1799 zeigt, wie schnell ein kleiner Staat zum Spielball der strategischen Interessen der Grossmächte werden kann.

Warum hat die Schweiz ein russisches Kriegerdenkmal?

Fast hundert Jahre nach den Kämpfen zwischen russischen und französischen Truppen in der Schöllenenschlucht entstand dort das monumentale Kreuz, das heute als Suworow-Denkmal bekannt ist. Dieses Kriegerdenkmal wurde nicht vom Schweizer Staat errichtet, um den russischen Feldherrn zu verherrlichen. Die Initiative ging vom russischen Fürsten Sergei Galitzin aus. Dabei spielte nicht nur das Gedenken an die Gefallenen eine Rolle. Galitzin setzte sich dafür ein, die Erinnerung an Suworow und dessen Alpenfeldzug in der Schweiz dauerhaft zu verankern. Unterstützt wurde das Vorhaben vom russischen Aussenministerium.

Die Schweizer Behörden standen einem Heldendenkmal für einen fremden Feldherrn keineswegs vorbehaltlos gegenüber. Der Bundesrat stimmte dem Vorhaben 1883 zwar grundsätzlich zu, machte Gestaltung und Inschrift jedoch von seiner Genehmigung abhängig. Ein Denkmal zu Ehren Suworows selbst galt mit Blick auf die schweizerische Neutralität als problematisch. Das Projekt wurde deshalb offiziell als Gedenkstätte für die gefallenen russischen Soldaten ausgestaltet. Auch die Urner Regierung begegnete dem Vorhaben mit Skepsis – schliesslich erinnerte es an den Einmarsch einer fremden Armee auf Schweizer Gebiet.

Das grosse Kreuz erinnert damit bis heute an einen bemerkenswerten Moment Schweizer Geschichte: Auf Schweizer Boden kämpften die Armeen europäischer Grossmächte gegeneinander.

Das Denkmal hat für Russland bis heute eine besondere Bedeutung. Die rund 563 Quadratmeter grosse Parzelle, auf der das Denkmal steht, gehört Russland. Regelmässig finden dort russische Gedenkfeiern statt, bei denen Kränze niedergelegt werden und russische Militärkadetten auftreten. 2009 besuchte der damalige russische Präsident Dmitri Medwedew die Gedenkstätte. Auch das Putin-Regime nutzt Suworow als militärische Heldenfigur für seine Propaganda. Wladimir Putin berief sich im Zusammenhang mit dem Krieg gegen die Ukraine ausdrücklich auf Suworows Eroberungen.

Wer nun einwendet, dies sage wenig über den tatsächlichen Wert der Neutralität aus, weil die Helvetische Republik 1799 eben nicht neutral war, hat einen Punkt. Doch die Geschichte endet nicht 1799. Vierzehn Jahre später marschierten erneut fremde Armeen durch die Schweiz – darunter wieder russische Truppen. Diesmal war die Ausgangslage eine andere.

1813 erklärte die Schweizerische Eidgenossenschaft ihre Neutralität

Napoleons Macht war nach dem katastrophalen Russlandfeldzug von 1812 und der Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 schwer erschüttert. Die verbündeten Mächte rückten nun gegen Frankreich vor. Die Schweiz wollte sich aus dem Krieg heraushalten und erklärte ihre Neutralität.

Für die Alliierten führte jedoch ein strategisch günstiger Weg nach Frankreich über Schweizer Gebiet. Damit geriet die schweizerische Neutralität in direkten Konflikt mit den militärischen Interessen der Grossmächte: Die Eidgenossenschaft wollte aus dem Krieg herausgehalten werden – die Alliierten wollten den für sie günstigsten Weg nach Frankreich nehmen.

Am 21. Dezember 1813 überschritten alliierte Truppen die Schweizer Grenze und marschierten durch das Land. Unter ihnen befanden sich erneut russische Truppen.

Neutralität ist keine unsichtbare Schutzmauer

Gerade dieser zweite Vorgang ist für die heutige Diskussion interessant. Die Schweiz hatte 1813 ihre Neutralität ausdrücklich erklärt. Die Alliierten wussten also, dass die Eidgenossenschaft sich aus dem Krieg heraushalten wollte. Doch die militärischen Interessen der überlegenen Grossmächte standen im Widerspruch zur schweizerischen Neutralität. Und letztlich setzten sich die Grossmächte durch.

Darin steckt eine grundlegende Erkenntnis, die in der gegenwärtigen Neutralitätsdebatte häufig untergeht:

Neutralität ist eine Entscheidung der Schweiz. Die Respektierung dieser Neutralität ist eine Entscheidung anderer Staaten.

Ein neutraler Staat kann erklären, dass er sich aus einem Krieg heraushält. Er kann seine Neutralität glaubwürdig vertreten und militärisch verteidigen. Eine Garantie, dass ein Aggressor oder eine Grossmacht diese Neutralität respektiert, entsteht daraus aber nicht. Die europäische Geschichte liefert dafür genügend Beispiele.

Was bedeutet das für die Neutralitätsinitiative?

An diesem Punkt wird die Geschichte von 1813 aktuell.

Die Befürworter der Neutralitätsinitiative wollen die immerwährende und bewaffnete Neutralität detaillierter in der Bundesverfassung festschreiben. Gleichzeitig soll der sicherheits- und aussenpolitische Handlungsspielraum der Schweiz eingeschränkt werden.

Die Schweiz dürfte keinem Militär- oder Verteidigungsbündnis beitreten. Die Zusammenarbeit mit solchen Bündnissen würde verfassungsrechtlich enger begrenzt. Hinzu kämen weitreichende Beschränkungen bei nichtmilitärischen Zwangsmassnahmen gegen kriegführende Staaten.

Ein zentrales Argument der Befürworter lautet, eine konsequentere Neutralität halte die Schweiz aus Konflikten heraus und erhöhe damit ihre Sicherheit.

Doch genau diese Schlussfolgerung greift zu kurz. Eine noch so konsequente Neutralität verändert weder die geografische Lage der Schweiz noch ihre wirtschaftliche und strategische Bedeutung. Und sie beseitigt vor allem eines nicht: die Interessen eines möglichen Aggressors.

Ein Aggressor fragt nicht nach unserer Verfassung

Sollte Europa irgendwann erneut in einen grossen Krieg geraten, wird ein Angreifer seine militärischen Entscheidungen nicht danach treffen, welche Neutralitätsbestimmungen in der Schweizer Bundesverfassung stehen.

Er wird sich ähnlich wie 1813 fragen, welche Verkehrsachsen, Alpenübergänge, Kommunikationsnetze, Energieanlagen, Produktionskapazitäten oder geografischen Räume für seine Kriegsführung wichtig sind.

Die Schweiz konnte 1813 ihre Neutralität erklären. Die Alliierten kamen dennoch zum Schluss, dass ihre eigenen strategischen Interessen wichtiger waren. Die Neutralitätserklärung konnte sie nicht aufhalten. Eine Verfassungsbestimmung könnte das auch heute nicht.

Sollte das Suworow-Denkmal also weg?

Wollen wir ein Denkmal für gefallene russische Soldaten in der Schweiz? Wem dient die Huldigung eines russischen Feldherrn mehr – der Schweiz oder Russland?

Vielleicht nicht. Aber nicht, weil es an einen russischen Feldherrn erinnert, sondern weil es uns Schweizer daran erinnert, dass einst fremde Armeen auf Schweizer Boden standen.

Besser wäre natürlich ein Denkmal für die Ereignisse von 1813. Denn es würde uns – und vor allem die Befürworter der Neutralitätsinitiative – daran erinnern, dass Neutralität nicht «kein Krieg» bedeutet.

Diesen Artikel bewerten

Lieber Leser, Deine Meinung interessiert mich!

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.