Marignano 1515: Der Mythos vom Ursprung der Schweizer Neutralität

Am 13. und 14. September 1515 erlitt ein eidgenössisches Heer bei Marignano eine verheerende Niederlage gegen Frankreich und Venedig. Im schweizerischen Geschichtsbild wurde daraus später die Geburtsstunde der Neutralität: Die Eidgenossen hätten die Sinnlosigkeit ihrer Grossmachtpolitik erkannt und sich fortan aus fremden Kriegen herausgehalten.

Diese Erzählung beruht bereits in einem entscheidenden Punkt auf einer falschen Vorstellung: Bei Marignano kämpfte keine geeinte Eidgenossenschaft. Fünf Tage vor der Schlacht war es Franz I. mit dem Vertrag von Gallarate gelungen, seine Gegner zu spalten und rund 10’000 Mann zum Abzug zu bewegen. Nur die verbliebenen Kontingente setzten den Krieg fort.

Auch begründete die Niederlage bei Marignano nicht die Neutralität der Alten Eidgenossenschaft. Sie bedeutete zwar de facto das Ende der gemeinsamen eidgenössischen Expansionspolitik in Oberitalien, nicht aber das Ende der Beteiligung eidgenössischer Truppen an europäischen Kriegen. Die schweizerische Neutralität entwickelte sich erst im Verlauf der folgenden Jahrhunderte.

Der Kampf um Mailand

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts gehörten die Reisläufer aus der Eidgenossenschaft zu den gefürchtetsten Infanteristen Europas. Während der Mailänderkriege kämpften verschiedene eidgenössische Orte und ihre Verbündeten um Einfluss und Territorien in Oberitalien. 1512 vertrieben ihre Truppen die Franzosen aus Mailand und setzten Massimiliano Sforza als Herzog ein. Das Herzogtum stand fortan unter ihrem Schutz.

Der französische König Franz I. wollte Mailand zurückerobern und zog 1515 mit einem grossen Heer nach Oberitalien. Die eidgenössischen Orte verfolgten dort unterschiedliche Interessen und verfügten über keine einheitliche militärische Führung. Franz I. konnte das zu seinem Vorteil nutzen. Noch vor der Schlacht gelang ihm ein diplomatischer Coup. Er bot den eidgenössischen Orten mit dem Vertrag von Gallarate Frieden und die Zahlung von insgesamt einer Million Kronen an. Im Gegenzug sollten sie ihre Unterstützung für Massimiliano Sforza beenden und auf Mailand verzichten.

Am 8. September 1515 nahmen die Truppenführer aus Bern, Freiburg, Solothurn und Biel das Angebot an und unterzeichneten den Vertrag. Rund 10’000 Reisläufer aus Bern, Freiburg, Solothurn, Biel und dem Wallis zogen daraufhin ab. Andere Orte lehnten ihn ab, insbesondere Uri, Schwyz und Glarus. Auch weitere Gemeinden der Inner- und Ostschweiz hielten an der Verteidigung der lombardischen Eroberungen fest. Kardinal Matthäus Schiner bestärkte die Kriegspartei und drängte auf einen Angriff. Franz I. hatte damit die uneinigen Eidgenossen noch vor der Schlacht gespalten und das gegen ihn stehende Heer entscheidend geschwächt.

Am 13. September 1515 griffen rund 20’000 verbliebene Reisläufer die französischen Stellungen bei Marignano südöstlich von Mailand an. Den Kern des Heeres bildeten Kontingente aus Zürich, Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug, Glarus, Basel und Schaffhausen. Hinzu kamen Freiknechte sowie Kämpfer aus zugewandten Orten und Untertanengebieten. Auch einzelne Kämpfer aus Bern, Freiburg, Solothurn und dem Wallis waren trotz des Abzugs ihrer Kontingente im Feld geblieben.

Die Schlacht dauerte bis zum folgenden Tag. Am Vormittag des 14. September trafen die venezianischen Verstärkungen unter Bartolomeo d’Alviano ein. Zu ihnen gehörten auch Stratioten, leichte Reiter vorwiegend albanischer und griechischer Herkunft. Die starke französische Artillerie, die Angriffe der französischen und venezianischen Reiterei sowie die mangelhafte gemeinsame Führung entschieden den Kampf. Das Historische Lexikon der Schweiz beziffert die Verluste des verbliebenen Heeres auf 9’000 bis 10’000 Mann.

Das Ende der Expansion – aber keine Neutralität

Marignano bedeutete das Ende der gemeinsamen eidgenössischen Expansionspolitik. Die eidgenössischen Orte unternahmen danach keinen vergleichbaren Versuch mehr, ein Territorium ausserhalb der heutigen Schweiz dauerhaft ihrer gemeinsamen Herrschaft zu unterwerfen.

Von einem Rückzug aus fremden Kriegen konnte dennoch keine Rede sein. Im November 1516 schlossen die eidgenössischen Orte mit Franz I. den «Ewigen Frieden». 1521 folgte eine Soldallianz mit Frankreich, die der französischen Krone den Zugang zu eidgenössischen Truppen sicherte. Schweizer Kämpfer standen weiterhin in ausländischen Diensten und beteiligten sich an den europäischen Kriegen.

Auch die militärischen Niederlagen endeten nicht mit Marignano. Eidgenössische Söldner kämpften unter anderem 1522 bei Bicocca und 1525 bei Pavia. Das Kriegsgeschäft wurde nicht aufgegeben, sondern stärker in den Dienst ausländischer Mächte gestellt.

Die Neutralitätserklärung von 1674

Die eidgenössische Zurückhaltung entwickelte sich vor allem aus innerer Notwendigkeit. Durch die Reformation spaltete sich die Alte Eidgenossenschaft in katholische und reformierte Orte, die unterschiedliche Bündnisse und aussenpolitische Interessen verfolgten. In den Kappelerkriegen von 1529 und 1531 kämpften eidgenössische Katholiken und Reformierte bereits gegeneinander. Eine offizielle Parteinahme in den europäischen Religionskriegen hätte den Konflikt zwischen den Konfessionen weiter verschärft und den Zusammenhalt des Bündnissystems gefährdet.

Während des Dreissigjährigen Krieges hielt sich die Eidgenossenschaft deshalb als Ganzes aus dem Konflikt heraus. Das schloss ein militärisches Eingreifen einzelner Orte jedoch nicht aus. Als die mit der Eidgenossenschaft verbündeten Drei Bünde während der Bündner Wirren das Veltlin verloren, unterstützten Zürich und Bern sie mit Truppen. Diese beteiligten sich 1620 am gescheiterten Versuch, das Tal zurückzuerobern.

Erst 1674 erklärte die Tagsatzung während des Holländischen Krieges erstmals offiziell, die Eidgenossenschaft wolle sich als neutraler Stand verhalten. Sie wollte verhindern, in den Krieg in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft hineingezogen zu werden. Eine internationale Garantie gegen Angriffe war damit nicht verbunden. Diese Form der Neutralität entsprach weder dem heutigen Neutralitätsrecht noch dem von den Befürwortern der Neutralitätsinitiative vertretenen Konzept einer «integralen Neutralität»: Die einzelnen Orte unterhielten weiterhin Bündnisse mit ausländischen Mächten, und Schweizer Soldtruppen kämpften weiterhin in fremden Diensten.

Wie Marignano zum Gründungsmythos wurde

Die Verbindung zwischen Marignano und der schweizerischen Neutralität entwickelte sich schrittweise. Eine frühe zeitliche Einordnung findet sich 1692 beim Schwyzer Tagsatzungsschreiber Franz Michael Büeler. Er schrieb, die Eidgenossenschaft bewahre seit 176 Jahren ihre Neutralität. Vom Erscheinungsjahr seiner Schrift aus gerechnet verweist diese Angabe auf 1516 und damit auf den Ewigen Frieden mit Frankreich. Die Schlacht von Marignano nannte Büeler nicht als Ausgangspunkt.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts brachten Historiker das Ende der Italienischen Kriege zunehmend mit dem Beginn einer neutralen Haltung in Verbindung. Karl Dändliker schrieb 1889, die Eidgenossenschaft habe mit dem Frieden von 1516 ihre selbständige Rolle in der europäischen Politik aufgegeben und sich fortan neutral verhalten. Ähnliche Deutungen finden sich bei Jakob Sterchi und Johannes Dierauer. Ob diese Autoren unmittelbar auf Büeler zurückgriffen, ist nicht belegt, aber denkbar. Die Übereinstimmung ist jedenfalls auffällig, denn der Ewige Frieden von 1516 war kein Neutralitätsvertrag, sondern eine Vereinbarung mit Frankreich. Paul Schweizers 1893 und 1895 erschienene «Geschichte der schweizerischen Neutralität» suchte ebenfalls nach deren historischen Wurzeln, bezeichnete Marignano aber nicht als Ursprung der Neutralität.

Eine ausdrückliche Verbindung mit der Schlacht von 1515 stellte der Basler Historiker Emil Dürr her. Zum 400. Jahrestag von Marignano erklärte er 1915, mit der Schlacht habe die schweizerische Neutralität begonnen. Diese Deutung erfolgte mitten im Ersten Weltkrieg, als die Neutralität für die Schweiz eine besondere politische Bedeutung besass. Dürr interpretierte Marignano als Übergang von der eidgenössischen Grossmachtpolitik zu einer aussenpolitischen Haltung, deren bestimmendes Merkmal später die Neutralität wurde.

Diese Interpretation fand Eingang in den Schulunterricht und in öffentliche Gedenkfeiern. Ein 1960 erschienenes Geschichtsbuch fasste sie in die Formel: «Ende der schweizerischen Grossmachtpolitik. Beginn der Neutralitätspolitik.» Zum 450. Jahrestag errichtete das Komitee «Pro Marignano» 1965 am Schlachtort ein Denkmal mit der Inschrift «Ex clade salus» – aus der Niederlage kam das Heil.

Die heute geläufige Deutung verbindet damit die Schlacht von 1515, den Ewigen Frieden mit Frankreich von 1516 und die spätere Neutralitätspolitik zu einer gemeinsamen Entwicklungslinie. Ihre breite Verankerung in der schweizerischen Erinnerungskultur erfolgte vor allem im 20. Jahrhundert.

Quellen und weiterführende Literatur

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