Europa gibt immer mehr Geld für Verteidigung aus. Doch mehr Geld allein schafft noch keine Sicherheit. Entscheidend ist, dass die europäischen Staaten ihre Beschaffung koordinieren, Waffensysteme länderübergreifend standardisieren und strategische Schlüsseltechnologien selbst herstellen. Gleichzeitig müssen sie ihre Armeen für die moderne Kriegsführung rüsten und ihre Streitkräfte so aufstellen, dass Europa notfalls auch ohne Unterstützung aus den USA handlungsfähig bleibt.
Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine hat gezeigt, dass ein grosser Krieg auf dem europäischen Kontinent keine historische Erinnerung ist. Gleichzeitig sorgen die politische Entwicklung und die hohe Staatsverschuldung der USA für Unsicherheit. Europa kann nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass Washington unabhängig von der jeweiligen Regierung dauerhaft im gleichen Umfang zu seiner Verteidigung bereitsteht.
Die Antwort darauf kann nicht sein, dass jeder Staat einfach für sich allein aufrüstet. Europa braucht mehr militärische Zusammenarbeit – aber ohne zusätzliche Bürokratie.
Mehr Geld allein löst das Problem nicht
Die europäischen NATO-Staaten erhöhen ihre Verteidigungsausgaben bereits massiv. Am NATO-Gipfel in Den Haag 2025 verpflichteten sich die Bündnispartner, bis 2035 fünf Prozent ihres Bruttoinlandprodukts für Verteidigung und verteidigungsbezogene Sicherheit aufzuwenden. Mindestens 3,5 Prozent sollen dabei für die eigentlichen militärischen Kernanforderungen eingesetzt werden.
Doch höhere Budgets beseitigen Europas strukturelles Problem nicht automatisch: die Fragmentierung. Staaten planen national, beschaffen unterschiedliche Systeme, bestellen relativ kleine Stückzahlen und unterhalten parallele Ausbildungs-, Wartungs- und Logistikstrukturen.
Gemeinsame Beschaffung bietet dagegen klare Vorteile. Grössere Serien können die Stückkosten senken, langfristige Bestellungen geben der Industrie Planungssicherheit, und standardisierte Systeme erleichtern Ausbildung, Wartung, Ersatzteilversorgung und den gemeinsamen Einsatz.
Europa braucht deshalb nicht nur mehr Geld für Verteidigung. Es muss dieses Geld auch effizienter einsetzen.
Standardisieren statt bürokratisieren
Standardisierung bedeutet nicht, dass jede europäische Armee identisch ausgerüstet sein muss. Wettbewerb zwischen Herstellern bleibt sinnvoll, und nicht jede nationale Besonderheit ist automatisch falsch.
Aber dort, wo gemeinsame Standards die militärische Wirkung verbessern, sollten sie konsequent genutzt werden. Munition muss möglichst austauschbar sein. Kommunikationssysteme müssen miteinander funktionieren. Ersatzteile, Wartung und Ausbildung dürfen nicht unnötig durch nationale Sonderlösungen erschwert werden.
Die NATO verfügt dafür bereits über wichtige Strukturen. Ihre Verteidigungsplanung soll nationale Planungen aufeinander abstimmen, gemeinsame Fähigkeitsziele definieren und die Interoperabilität der Streitkräfte sichern.
Der Grundsatz sollte deshalb lauten: So viel Standardisierung wie militärisch sinnvoll – so wenig zusätzliche Bürokratie wie möglich.
Wo Europa militärisch noch abhängig ist
Europa verfügt über leistungsfähige Streitkräfte und eine technologisch starke Rüstungsindustrie. Doch gerade bei neuen Formen der Kriegsführung bestehen erhebliche Defizite. Bei Drohnen und deren Abwehr haben weder Europa noch die USA mit der rasanten Entwicklung des Krieges in der Ukraine vollständig Schritt gehalten. Das enorme Innovationspotenzial und die praktische Kriegserfahrung der Ukraine müssen deshalb in die Modernisierung der europäischen Streitkräfte einfliessen.
Satelliten, Kommunikation und Aufklärung
Europa besitzt eigene Satelliten und eine starke Raumfahrtindustrie. Was fehlt, ist jedoch ein breit verfügbares, militärisch belastbares europäisches System, das Kommunikation, Aufklärung, Frühwarnung und Vernetzung in einer ähnlich umfassenden Weise ermöglicht, wie es amerikanische Systeme heute tun.
Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, wie wichtig satellitengestützte Kommunikation, Echtzeitaufklärung und schnelle Zielzuweisung geworden sind. Solche Fähigkeiten sind keine technologische Zugabe mehr, sondern ein zentraler Bestandteil moderner Kriegsführung.
Luft- und Raketenabwehr
Europa verfügt mit Systemen wie IRIS-T SLM oder SAMP/T über leistungsfähige eigene Technologien. Das Problem liegt vor allem in der Zahl der verfügbaren Systeme und Abfangflugkörper sowie in der flächendeckenden Vernetzung.
Ein moderner Gegner greift nicht nur mit Kampfflugzeugen an, sondern gleichzeitig mit Marschflugkörpern, ballistischen Raketen und Drohnen. Dafür braucht Europa eine mehrschichtige Luft- und Raketenabwehr in wesentlich grösserer Stückzahl.
Langstreckenwaffen
Auch bei weitreichenden Präzisionswaffen bestehen Lücken. Europa verfügt zwar über Systeme wie Storm Shadow/SCALP oder Taurus, doch die Bestände sind begrenzt und nicht alle Staaten besitzen ausreichende Fähigkeiten für präzise Angriffe in grosser Entfernung.
Glaubwürdige Abschreckung bedeutet nicht nur, gegnerische Angriffe abwehren zu können. Ein möglicher Aggressor muss damit rechnen, dass auch militärische Ziele, Logistikzentren und kriegswichtige Infrastruktur weit hinter der Front bedroht werden können.
Drohnen, KI und elektronische Kampfführung
Europäische Verteidigung darf sich nicht darauf beschränken, mehr Panzer, Artillerie und Kampfflugzeuge zu bestellen. Der Krieg in der Ukraine zeigt, wie schnell sich moderne Kriegsführung verändert. Drohnen, elektronische Kampfführung, vernetzte Sensoren, künstliche Intelligenz und günstige Präzisionswaffen gewinnen ständig an Bedeutung.
Europa muss deshalb nicht nur die klassischen Waffenbestände auffüllen. Es muss auch die Technologien beherrschen, die zukünftige Kriege prägen werden.
Die Ukraine als militärischer Innovationspartner Europas
Gerade die Ukraine kann dabei eine Schlüsselrolle spielen. Sie verfügt heute über einzigartige praktische Erfahrung beim Einsatz und bei der Abwehr von Drohnen unter realen Kriegsbedingungen. Systeme werden in kurzen Zyklen entwickelt, getestet, angepasst und wieder an die Front gebracht.
Diese Erfahrung ist für Europa von grossem Wert. Die Ukraine sollte deshalb nicht nur als Empfänger militärischer Unterstützung betrachtet werden, sondern langfristig als wichtiger Teil einer europäischen Verteidigungs- und Technologieindustrie.
Die EU hat diese Entwicklung bereits aufgegriffen. Im Juli 2026 wurde die EU-Ukraine Drone Alliance gestartet. Sie soll Unternehmen, Start-ups, Forschung und Streitkräfte aus der EU und der Ukraine zusammenbringen, um Drohnen und Systeme zur Drohnenabwehr gemeinsam weiterzuentwickeln und die industrielle Kapazität zu stärken.
Das ist die richtige Richtung. Europäische Industriekompetenz, Kapital und Forschung können mit ukrainischer Kriegserfahrung und schnellen Innovationszyklen verbunden werden.
Europa darf nicht nur die Waffen von gestern in grösseren Stückzahlen produzieren. Es muss gemeinsam mit der Ukraine die Waffen von morgen entwickeln.
Kaufen reicht nicht – Europa muss selbst produzieren
Strategische Autonomie lässt sich nicht importieren.
Wenn Europa bei Satelliten, Raketenabwehr, Drohnen, Langstreckenwaffen und anderen Schlüsseltechnologien dauerhaft auf Hersteller in den USA oder Israel angewiesen bleibt, löst es seine strategische Abhängigkeit nicht. Es verschiebt sie lediglich.
Kurzfristig können Importe notwendig sein, um akute Fähigkeitslücken schnell zu schliessen. Es wäre falsch, aus industriepolitischem Stolz auf verfügbare Systeme zu verzichten, wenn eine militärische Lücke dringend geschlossen werden muss.
Langfristig sollte Europa strategisch wichtige Systeme jedoch möglichst selbst entwickeln und produzieren. Dazu gehören insbesondere:
- Satellitenkommunikation und militärische Aufklärung,
- Luft- und Raketenabwehr,
- Langstreckenraketen und Marschflugkörper,
- Drohnen und Drohnenabwehr,
- elektronische Kampfführung und KI-Systeme,
- Artillerie und Munition,
- Sensoren, Radare sowie Führungs- und Kommunikationssysteme.
Gemeinsame europäische Bestellungen schaffen dafür die nötigen Stückzahlen. Entwicklungskosten können auf mehrere Staaten verteilt werden, Produktionslinien werden wirtschaftlicher und die Hersteller erhalten langfristige Planungssicherheit. Gleichzeitig ist industrielle Kapazität selbst eine militärische Fähigkeit: Europa muss genügend Munition, Ersatzteile und Drohnen produzieren und die Produktion im Krisenfall schnell hochfahren können.
Dabei darf «europäisch» nicht mit «EU» gleichgesetzt werden. Eine zentrale Rolle muss die Ukraine spielen. Mit ihrer innovativen Rüstungsindustrie und ihrer einzigartigen Kriegserfahrung – insbesondere bei Drohnen und anderen Technologien der modernen Kriegsführung – verfügt sie über Know-how, das in die europäische Rüstungsindustrie einfliessen muss. Europa sollte gemeinsam mit der Ukraine neue Waffensysteme entwickeln und produzieren. Grossbritannien ist eine europäische Atommacht mit bedeutender Rüstungsindustrie, und auch Norwegen und andere Nicht-EU-Staaten verfügen über wichtige Fähigkeiten. Auch die Schweiz sollte sich beteiligen – insbesondere bei Rüstungskooperation, Beschaffung, Standardisierung, Forschung und technologischer Entwicklung.
Gemeinsame Beschaffung → grössere Stückzahlen → niedrigere Stückkosten → stärkere europäische Produktion → höhere Kapazitäten → geringere Abhängigkeit.
Die EU hat das Problem erkannt – darf es aber nicht verbürokratisieren
Die Europäische Union versucht inzwischen, die Zersplitterung der europäischen Rüstungsbeschaffung zu reduzieren. Mit dem Instrument SAFE stehen bis zu 150 Milliarden Euro an Krediten für Verteidigungsinvestitionen zur Verfügung. Gemeinsame Beschaffungen sollen Skaleneffekte schaffen, die Interoperabilität verbessern und die europäische industrielle Basis stärken.
Bereits die europäische Verteidigungsindustriestrategie von 2024 formulierte das Ziel, dass die EU-Staaten bis 2030 mindestens 40 Prozent ihrer Verteidigungsgüter gemeinsam beschaffen und mindestens die Hälfte ihrer Beschaffungsbudgets für in Europa hergestellte Produkte einsetzen.
Das ist grundsätzlich richtig. Doch gerade in der Verteidigung darf Europa nicht in die bekannte Falle laufen, jedes Problem mit zusätzlichen Verfahren, Vorgaben und administrativen Ebenen zu beantworten. Ein Waffensystem, das nach jahrelangen Verhandlungen endlich bestellt wird, aber im Ernstfall Jahre zu spät verfügbar ist, trägt nicht zur Abschreckung bei.
Europa braucht mehr Koordination – nicht mehr Bürokratie!
NATO, EU oder ein neues europäisches Bündnis?
Die NATO bleibt auf absehbare Zeit das Fundament der europäischen Verteidigung. Ihre Kommandostrukturen, Verteidigungsplanung und die militärischen Fähigkeiten der USA lassen sich nicht kurzfristig ersetzen. Es wäre deshalb falsch, die NATO vorschnell aufzugeben. Aber Europa muss sich trotzdem fragen, was geschieht, wenn eine zukünftige amerikanische Regierung Europas Sicherheit nicht mehr im bisherigen Umfang als eigene strategische Priorität betrachtet.
Die pragmatischste Lösung ist zunächst ein wesentlich stärkerer europäischer Pfeiler innerhalb der NATO. Europa muss Beschaffung und Produktion stärker koordinieren, gemeinsame Reserven aufbauen und die eigenen Streitkräfte so ausrüsten, dass sie auch ohne amerikanische Unterstützung handlungsfähig bleiben.
Langfristig stellt sich die Frage, welche europäischen Strukturen für eine gemeinsame Verteidigung geeignet sind. Eine Verteidigungsunion innerhalb der heutigen EU-Strukturen wäre problematisch. Militärische Entscheidungen müssen im Krisenfall schnell getroffen werden können und dürfen nicht durch komplizierte Abstimmungsverfahren, nationale Vetos und bürokratische Prozesse blockiert werden. Zudem würde eine reine EU-Lösung wichtige europäische Militärmächte ausserhalb der Union – insbesondere Grossbritannien und Norwegen – ausschliessen.
Eine mögliche Alternative wäre eine European Defence Force (EDF): eine eigenständige europäische Verteidigungsorganisation mit schlanken Führungs- und Entscheidungsstrukturen ausserhalb der institutionellen Strukturen der EU. Sie könnte EU- und Nicht-EU-Staaten zusammenführen und sich auf gemeinsame Verteidigungsplanung, Beschaffung, Standardisierung, Rüstungsproduktion und militärische Fähigkeiten konzentrieren.
Im Ernstfall muss eine militärische Organisation schnell handeln können. Langwierige politische Abstimmungsverfahren, nationale Vetos und zusätzliche bürokratische Ebenen dürfen ihre Einsatzfähigkeit nicht lähmen. Militärische Handlungsfähigkeit muss Vorrang vor institutioneller Integration haben.
Eine EDF könnte Grossbritannien, Norwegen und weitere europäische Nicht-EU-Staaten einbeziehen. Auch die Schweiz sollte sich an einer solchen europäischen Sicherheitsarchitektur beteiligen können.
So viel militärische Koordination wie nötig – so wenig Bürokratie wie möglich.
Fazit: koordinieren, produzieren, weiterentwickeln
Die NATO bleibt auf absehbare Zeit Europas wichtigstes Verteidigungsbündnis. Gleichzeitig wäre es fahrlässig, die Sicherheit des Kontinents weiterhin davon abhängig zu machen, dass die Vereinigten Staaten zu seiner Verteidigung bereitstehen. Europa muss militärisch eigenständiger werden – nicht gegen die USA, sondern als Absicherung für den Fall, dass amerikanische Unterstützung ausfällt.
Dazu braucht es keine neue Bürokratiemaschine. Europa braucht koordinierte Beschaffung, gemeinsame Standards, eine leistungsfähige eigene Rüstungsindustrie und die Beherrschung strategischer Zukunftstechnologien. Die Ukraine darf dabei nicht nur als Hilfsempfänger betrachtet werden, sondern als zentraler militärischer Innovationspartner Europas.
Strategische Autonomie lässt sich nicht in Washington oder Jerusalem bestellen.
Ein stärkerer europäischer Pfeiler innerhalb der NATO ist ein wichtiger erster Schritt. Langfristig braucht Europa jedoch eine eigene European Defence Force (EDF) mit schlanken Strukturen und der Fähigkeit, Europas Verteidigung auch ohne amerikanische Unterstützung sicherzustellen.
Europa muss seine Verteidigung koordinieren, standardisieren, selbst produzieren und technologisch weiterentwickeln – ohne sie zu verbürokratisieren. Im Ernstfall zählt nur eines: ob Europa sich verteidigen kann.
Kurzlink für diesen Artikel: https://wp.me/p1sPX5-dVC
