Der Sonderbundskrieg von 1847: Wie die moderne Schweiz entstand

Der Sonderbundskrieg von 1847 war der letzte Bürgerkrieg der Schweiz. Liberale und konservative Kantone kämpften um Religion, kantonale Souveränität und die politische Ordnung des Landes. Der Krieg dauerte nur 26 Tage, entschied aber darüber, wie aus dem lockeren Staatenbund die moderne Schweiz entstand.

Im November 1847 standen sich Schweizer Soldaten auf Schweizer Boden gegenüber. Auf der einen Seite kämpften die Truppen der Tagsatzung, auf der anderen die katholisch-konservativen Kantone des Sonderbundes. Die Auseinandersetzung kostete 93 Soldaten das Leben und hinterliess mehr als 500 Verwundete.

Gemessen an anderen europäischen Bürgerkriegen war die Zahl der Opfer gering. Politisch war die Wirkung gewaltig. Der Sieg der Tagsatzungstruppen ebnete den Weg für eine neue Bundesverfassung. Bereits 1848 trat sie in Kraft und begründete den modernen Schweizer Bundesstaat.

Die Bundesverfassung stärkte den Bund, ohne die Schweiz in einen Zentralstaat zu verwandeln. Die Kantone behielten ihre Selbstständigkeit und eine starke Stellung. Dieser föderale Ausgleich zeigt sich bis heute im Zweikammersystem aus Nationalrat und Ständerat, im Volks- und Ständemehr sowie in der Aufteilung der Zuständigkeiten zwischen Bund und Kantonen.

Die Schweiz vor 1848: ein lockerer Staatenbund

Die Eidgenossenschaft war nach dem Bundesvertrag von 1815 kein Bundesstaat, sondern ein Staatenbund. Darin garantierten sich die damals 22 Kantone gegenseitig ihren Bestand und ihr Gebiet, verpflichteten sich zur gegenseitigen Unterstützung und regelten die gemeinsame Aussen- und Verteidigungspolitik. Die Kantone blieben jedoch weitgehend souverän und nur lose miteinander verbunden. Das gemeinsame Organ war die Tagsatzung, in der sie durch Gesandte vertreten waren.

Eine dauerhaft handlungsfähige Bundesregierung, ein gesamtschweizerisches Parlament und eine einheitliche Bundesverwaltung bestanden nicht. Viele politische und wirtschaftliche Fragen blieben Sache der Kantone. Unterschiedliche Währungen, Zölle, Masse und Rechtsordnungen erschwerten den Handel und die Entwicklung eines gemeinsamen Wirtschaftsraums.

Nach der liberalen Julirevolution von 1830 in Frankreich erfasste die politische Erneuerungsbewegung auch die Schweiz. In mehreren Kantonen setzten Liberale neue Verfassungen durch. Sie verlangten repräsentative Institutionen, Rechtsgleichheit und eine stärkere eidgenössische Ordnung.

Konservative Kräfte verteidigten dagegen die überlieferte Stellung der Kantone und den Einfluss der katholischen Kirche. Der Konflikt folgte weder den Sprachgrenzen noch vollständig den Konfessionsgrenzen. Es gab katholisch-liberale Kantone ebenso wie reformiert-konservative Kräfte. Im Zentrum stand die Frage, wie viel Macht die Kantone an eine gemeinsame eidgenössische Ordnung abgeben sollten.

Der Aargauer Klosterstreit verschärft den Konflikt

1841 hob der liberal regierte Kanton Aargau seine Klöster auf. Der Bundesvertrag von 1815 hatte deren Fortbestand jedoch ausdrücklich garantiert. Die katholisch-konservativen Kantone betrachteten die Aufhebung deshalb als Rechtsbruch und als Angriff auf den Katholizismus.

Die Tagsatzung fand keine dauerhafte Lösung, welche beide Seiten akzeptierten. Zwar wurden einige Frauenklöster wiederhergestellt, die Männerklöster blieben aber aufgehoben. Der Streit zeigte die Schwäche des Staatenbundes: Die Tagsatzung konnte Konflikte zwischen den Kantonen behandeln, war bei der Durchsetzung ihrer Beschlüsse aber auf die Mitwirkung der Kantone angewiesen.

In Luzern übernahmen 1841 die Konservativen die Regierung. Sie beschlossen, Jesuiten an die höhere Lehranstalt des Kantons zu berufen. Für die liberal-radikalen Kräfte wurden die Jesuiten zum Symbol eines politischen Katholizismus, den sie als Gegner ihrer Staatsordnung betrachteten.

Der Konflikt war damit endgültig konfessionalisiert. Aus einem Streit über die Ordnung des Bundes wurde zunehmend ein Kampf zwischen liberal-radikalen und katholisch-konservativen Vorstellungen von Staat und Gesellschaft.

Die Freischarenzüge gegen Luzern

Die Gegner der Luzerner Regierung beschränkten sich nicht auf politische Proteste. In den Jahren 1844 und 1845 zogen bewaffnete Freiwillige aus liberalen Kantonen gegen Luzern. Diese sogenannten Freischarenzüge sollten die konservative Regierung stürzen und die Berufung der Jesuiten verhindern.

Beide Unternehmen scheiterten. Beim zweiten Freischarenzug kamen zahlreiche Menschen ums Leben. Hunderte gerieten in Gefangenschaft. Für die katholisch-konservativen Kantone bewiesen die Angriffe, dass sie sich gegen weitere gewaltsame Umsturzversuche gemeinsam schützen mussten.

Die Freischarenzüge waren keine Randepisode. Sie waren ein schwerer Rechtsbruch und trugen wesentlich zur späteren Gründung des Sonderbundes bei. Eine Darstellung, welche allein den Sonderbund für die Eskalation verantwortlich macht, greift deshalb zu kurz.

Die Gründung des Sonderbundes

Am 11. Dezember 1845 schlossen sich Luzern, Uri, Schwyz, Obwalden, Nidwalden, Zug, Freiburg und Wallis zu einer Schutzvereinigung zusammen. Das zunächst geheim gehaltene Bündnis erhielt später von seinen Gegnern die Bezeichnung «Sonderbund».

Die beteiligten Kantone wollten die katholische Religion und ihre kantonale Souveränität verteidigen. Sie schufen einen gemeinsamen Kriegsrat, der Truppen aufbieten und über sie verfügen konnte. Aus Sicht seiner Mitglieder war der Sonderbund die Antwort auf die Freischarenzüge und auf eine Tagsatzung, die sie nicht geschützt hatte.

Das Bündnis stand jedoch selbst im Widerspruch zum Bundesvertrag. Dieser untersagte Verbindungen einzelner Kantone, die gegen den Bund oder die Rechte anderer Kantone gerichtet waren. Die weitreichenden Befugnisse des Kriegsrates gingen zudem über eine gewöhnliche Verständigung zwischen Kantonen hinaus.

Beide Lager beriefen sich damit auf Recht und Freiheit, hatten die bestehende Ordnung aber selbst verletzt. Die liberal-radikale Seite verwies auf die Rechtswidrigkeit des Sonderbundes. Die katholisch-konservative Seite erinnerte an die Klosteraufhebungen und die Freischarenzüge.

Die Tagsatzung beschliesst die Auflösung

Nachdem die Existenz des Sonderbundes 1846 bekannt geworden war, bemühten sich die Liberal-Radikalen um eine Mehrheit in der Tagsatzung. In Genf gelangten die Radikalen 1846 an die Macht, in St. Gallen gewannen die Liberal-Radikalen im Mai 1847 knapp die Grossratswahlen. Damit verfügten die Gegner des Sonderbundes in der Tagsatzung über die notwendige Mehrheit.

Am 20. Juli 1847 beschloss die Tagsatzung die Auflösung des Sonderbundes. Gleichzeitig sollte die Jesuitenfrage auf eidgenössischer Ebene geregelt werden. Die Sonderbundskantone bestritten die Rechtmässigkeit dieser Entscheide. Sie verlangten Einstimmigkeit, wenn die Grundlagen des Bundes verändert werden sollten.

Die Auseinandersetzung berührte damit ein ungelöstes Verfassungsproblem. Der Bundesvertrag von 1815 enthielt keine Bestimmung darüber, wie er revidiert werden konnte. Die liberale Mehrheit hielt einen Mehrheitsbeschluss der Kantone für ausreichend. Die konservative Minderheit betrachtete eine grundlegende Änderung ohne Zustimmung sämtlicher Kantone als unzulässig.

Im Oktober mobilisierten beide Seiten ihre Truppen. Am 21. Oktober ernannte die Tagsatzung den Genfer Guillaume Henri Dufour zum General der eidgenössischen Armee. Sie wählte damit keinen radikalen Scharfmacher, sondern einen gemässigten Konservativen, der als militärisch erfahren und politisch besonnen galt.

Dufour will einen kurzen und schonenden Krieg

Dufour erkannte, dass ein militärischer Sieg allein nicht genügte. Die besiegten Kantone mussten nach dem Krieg wieder Teil derselben Eidgenossenschaft sein. Eine rücksichtslose Kriegsführung hätte den konfessionellen Hass vertieft und die spätere Einigung erschwert.

Seine Strategie beruhte deshalb auf Schnelligkeit, militärischer Überlegenheit und der Begrenzung der Opfer. Die eidgenössischen Truppen sollten die gegnerischen Verbände zur Aufgabe zwingen, ohne die Bevölkerung zu terrorisieren. Dufour befahl seinen Soldaten, Wehrlose zu schonen, Verwundete zu versorgen und Plünderungen zu unterlassen.

Dieses Vorgehen war keine Selbstverständlichkeit. In Europa wurden politische und konfessionelle Konflikte mit grosser Härte geführt. Auch in der Schweiz war der Hass nach den Freischarenzügen, der Ermordung des konservativen Luzerner Politikers Josef Leu und jahrelanger Propaganda tief.

Dufours militärische Zurückhaltung wurde zu einer Voraussetzung für die rasche Versöhnung nach dem Krieg. Sie erklärt zugleich, weshalb der kurze Bürgerkrieg die Schweiz nicht über Generationen spaltete.

Der Verlauf des Sonderbundskrieges

Karte des Sonderbundskrieges von 1847 mit den beteiligten Kantonen, Truppenbewegungen und Gefechten
Karte zum Sonderbundskrieg 1847. Urheber: Marco Zanoli; Quelle: Wikimedia Commons; Lizenz: CC BY-SA 4.0. Unverändert übernommen.

Am 3. November 1847 eröffneten Truppen des Sonderbundes am Gotthard die Kampfhandlungen. Ihr Vorstoss ins Tessin sollte den liberalen Kanton militärisch schwächen und die Verbindung zur österreichisch beherrschten Lombardei öffnen. Nach ersten Erfolgen kam die Offensive am 4. November bei Biasca zum Stillstand.

Ebenfalls am 4. November beschloss die Tagsatzung, die bereits im Juli angeordnete Auflösung des Sonderbundes mit Waffengewalt durchzusetzen. General Dufour entschied, zunächst gegen Freiburg vorzugehen. Der Kanton war von den übrigen Sonderbundskantonen getrennt und von Kantonen der Tagsatzungsmehrheit umgeben. Am 9. November begann Dufour den Feldzug gegen Freiburg. In den folgenden Tagen rückten rund 25’000 Mann von mehreren Seiten gegen die Kantonshauptstadt vor und schlossen sie ein.

Um Freiburg zu entlasten, stiessen Truppen des Sonderbundes am 12. November ins aargauische Freiamt vor. Bei Geltwil und Lunnern trafen sie auf Verbände der Tagsatzungsarmee. Der schlecht koordinierte Vorstoss scheiterte und brachte Freiburg keine Entlastung.

Am 13. November kam es an der Schanze St. Jacques bei Bertigny vor den Toren Freiburgs zu einem Gefecht. Angesichts der gegnerischen Übermacht und der vollständigen Isolation des Kantons kapitulierte Freiburg am 14. November.

An der Südfront eröffneten Urner und Walliser Truppen am 17. November eine neue Offensive. Im Gefecht bei Airolo besiegten sie die Tessiner Truppen und zwangen diese zum Rückzug. Damit errang der Sonderbund seinen einzigen eindeutigen militärischen Sieg. Seine Truppen stiessen anschliessend erneut bis Biasca vor, zogen sich jedoch am 22. November wegen der bevorstehenden Entscheidung um Luzern zurück.

Zug kapitulierte, bevor es auf seinem Gebiet zu Kampfhandlungen kam. Die Kapitulation Freiburgs hatte den Zuger Behörden die militärische Überlegenheit der Tagsatzungsarmee vor Augen geführt. Angesichts des bevorstehenden eidgenössischen Angriffs auf die Innerschweiz wollten sie den Kanton vor aussichtslosen Kämpfen bewahren. Zuger Abgeordnete handelten deshalb mit Dufour eine Kapitulation aus. Der Kanton trat am 21. November aus dem Sonderbund aus, noch bevor gegnerische Truppen sein Gebiet erreicht hatten.

Anschliessend richtete Dufour den Hauptstoss gegen Luzern, das politische und militärische Zentrum des Sonderbundes. Am frühen Morgen des 23. November zogen sich der Kriegsrat des Sonderbundes und die Luzerner Regierung nach Uri zurück. Am selben Tag fanden bei Schüpfheim, Gisikon, Honau und Meierskappel im Kanton Luzern die entscheidenden Gefechte statt. Die Tagsatzungstruppen setzten sich durch.

Am 24. November kapitulierte der Kanton Luzern. Am selben Tag wehrten Schwyzer Truppen bei Schindellegi noch einen Vorstoss der Tagsatzungstruppen ab. Am Ausgang des Krieges änderte dieser Erfolg nichts. Einen Tag später beschlossen die verbliebenen innerschweizerischen Sonderbundskantone auf einer Konferenz in Brunnen, den Widerstand aufzugeben. Obwalden, Nidwalden, Schwyz und Uri kapitulierten daraufhin kampflos. Als letzter Sonderbundskanton folgte am 29. November das Wallis. Damit endete der am 3. November begonnene Sonderbundskrieg nach 26 Tagen.

Neuere Untersuchungen nennen 60 Tote und 386 Verwundete aufseiten der Tagsatzungstruppen sowie 33 Tote und 124 Verwundete aufseiten des Sonderbundes. Insgesamt starben 93 Soldaten, 510 wurden verwundet.

Weshalb der Sonderbund militärisch unterlag

Die Tagsatzungsarmee war dem Sonderbund zahlenmässig und organisatorisch überlegen. Die Tagsatzung bot am 24. Oktober zunächst 50’000 Mann auf; durch weitere Mobilisierungen wuchs Dufours Armee auf rund 100’000 Mann an. Dufour konnte diese Kräfte koordiniert einsetzen und an den entscheidenden Schauplätzen konzentrieren. Der Sonderbund verfügte zwar ebenfalls über zahlreiche Truppen und Landsturmverbände, litt aber unter seiner geografischen Zersplitterung und der mangelhaften Koordination zwischen Kriegsrat, militärischem Oberbefehl und kantonalen Truppen.

Bemerkenswert ist, dass der Sonderbund von einem reformierten Offizier aus Graubünden geführt wurde, obwohl Graubünden dem Bündnis nicht angehörte. Johann Ulrich von Salis-Soglio sympathisierte als Konservativer mit den politischen Anliegen des Sonderbundes, beurteilte dessen militärische Lage jedoch kritisch. Er übernahm das Oberkommando nur widerstrebend und sprach sich mehrfach gegen die vom Kriegsrat verlangten Offensiven aus. Ihm gegenüber stand mit Guillaume Henri Dufour ebenfalls ein reformierter und gemässigt-konservativer General.

Freiburg lag räumlich von den übrigen Sonderbundskantonen getrennt. Das Wallis grenzte zwar am Furkapass an Uri, war mit der Innerschweiz aber nur über eine schwierige Hochgebirgsroute verbunden. Diese geografische Zersplitterung erschwerte Truppenverschiebungen, gegenseitige Unterstützung und eine gemeinsame militärische Planung.

Auch die politische Unterstützung blieb begrenzt. Reformiert-konservative Kantone teilten einzelne Bedenken gegenüber den Radikalen, schlossen sich dem katholischen Sonderbund aber nicht an. Neuenburg und Appenzell Innerrhoden blieben neutral. Basel-Stadt zögerte zunächst, stellte seine Truppen schliesslich aber der Tagsatzungsarmee zur Verfügung. Mehrheitlich katholische Kantone wie Solothurn, Tessin und St. Gallen standen ebenfalls auf der Seite der Tagsatzungsmehrheit.

Der Sonderbundskrieg war deshalb kein geschlossener Kampf der katholischen gegen die reformierte Schweiz. Entscheidend war die Verbindung von Konfession, politischer Ordnung und unterschiedlichen Vorstellungen von kantonaler Souveränität.

Die europäischen Grossmächte drohen mit einer Intervention

Der Konflikt war nicht nur eine innerschweizerische Angelegenheit. Die konservativen Grossmächte Österreich und Preussen sowie Frankreich beobachteten die Entwicklung mit Sorge. Sie fürchteten, ein liberal-radikaler Sieg in der Schweiz könnte oppositionelle Bewegungen in ihren eigenen Staaten stärken.

Der Sonderbund bemühte sich im Ausland um Unterstützung und erhielt Waffen und Geld. Eine direkte militärische Intervention hätte die Schweiz jedoch zum Schauplatz eines europäischen Machtkampfes gemacht.

Dufours schneller Sieg schuf Tatsachen, bevor die Grossmächte eingreifen konnten. Österreich, Frankreich, Preussen und Russland richteten im Januar 1848 zwar noch eine drohende Note an die Tagsatzung. Wenige Wochen später brachen jedoch in Frankreich und anderen europäischen Staaten Revolutionen aus. Damit waren Grossmächte mit ihren eigenen Krisen beschäftigt und konnten die Neuordnung der Schweiz nicht mehr verhindern.

Vom Bürgerkrieg zum Bundesstaat

Nach dem Krieg begann die Tagsatzung mit der Revision des Bundesvertrages. Bereits im Februar 1848 nahm eine Kommission die Arbeit auf. Im Sommer stimmte eine Mehrheit der Kantone der neuen Bundesverfassung zu. Am 12. September 1848 erklärte die Tagsatzung die Verfassung als angenommen. Damit entstand der Schweizer Bundesstaat. Dieser Tag ist deshalb der eigentliche Geburtstag des modernen Schweizer Bundesstaates. Der 1. August erinnert dagegen an den Bundesbrief von 1291 und wurde erst 1891 erstmals offiziell gefeiert.

Der neue Bund erhielt eine eigene Regierung, ein Parlament und eine Verwaltung. In den ihm übertragenen Bereichen konnte er nun schweizweit verbindliche Regeln erlassen und durch eigene Behörden vollziehen. Das Zoll- und Postwesen gingen an den Bund über. Er erhielt zudem das ausschliessliche Münzrecht und die Kompetenz, Masse und Gewichte schweizweit zu vereinheitlichen. Die Binnenzölle entfielen, während die Einnahmen aus den Grenzzöllen fortan dem Bund zuflossen.

Auch das Militärwesen wurde stärker vereinheitlicht, blieb aber föderal organisiert. Die Bundesarmee setzte sich weiterhin aus kantonalen Truppenkontingenten zusammen, die im eidgenössischen Einsatz dem Bund unterstanden. Erst die Bundesverfassung von 1874 übertrug das Militärwesen weitgehend dem Bund.

Trotz der Stärkung des Bundes blieben die Kantone als Gliedstaaten mit eigenen Verfassungen, Regierungen und Parlamenten bestehen. Alle Zuständigkeiten, welche die Bundesverfassung nicht dem Bund übertrug, verblieben bei ihnen. Dazu gehörten insbesondere das Schulwesen und die Kirchenhoheit. Mit dem Zweikammersystem im Bundesparlament verband die Verfassung zudem das demokratische mit dem föderalistischen Prinzip. Der Nationalrat vertrat die Bevölkerung, der Ständerat die Kantone. Damit erhielten die bevölkerungsarmen Kantone ein institutionelles Gegengewicht zu den bevölkerungsreichen Kantonen. Bis heute schützt auch das Ständemehr die Stellung der Kantone bei Verfassungsänderungen und bestimmten Staatsverträgen.

Der föderalistische Ausgleich von 1848

Der Sonderbundskrieg wird gerne als Sieg des liberalen Fortschritts über rückständige katholische Kantone erzählt. Diese Darstellung enthält einen wahren Kern, bleibt aber unvollständig.

Die liberale Mehrheit setzte den Bundesstaat durch und schuf damit die Grundlage für einen gemeinsamen Wirtschaftsraum und eine gesamtschweizerische politische Ordnung. Sie hatte zugleich selbst zur Eskalation beigetragen. Die Aargauer Klosteraufhebungen verletzten den Bundesvertrag, die Freischarenzüge richteten sich gewaltsam gegen eine rechtmässige Kantonsregierung, und nach dem Krieg wurden mehreren besiegten Kantonen liberale Regierungen aufgezwungen.

Der Sonderbund verteidigte berechtigte Anliegen wie die kantonale Eigenständigkeit und den Schutz vor ausserkantonalen Umsturzversuchen. Mit seinem bundesvertragswidrigen Bündnis, der Suche nach ausländischer Unterstützung und der Mobilisierung seiner Truppen manövrierte er sich jedoch politisch ins Abseits.

Die Errungenschaft von 1848 lag deshalb nicht im uneingeschränkten Sieg einer Seite, sondern in der Verbindung von Bundesstaat und Föderalismus. Der Bund erhielt die nötige Handlungsfähigkeit, während die Kantone souveräne Gliedstaaten mit weitreichenden Zuständigkeiten blieben. Gemeinsam mit dem Schweizervolk bilden sie bis heute die Schweizerische Eidgenossenschaft.

Die Verlierer werden schrittweise eingebunden

Unmittelbar nach dem Krieg war die Politik noch von den Siegern geprägt. Führende Vertreter des Sonderbundes flohen ins Ausland, in den besiegten Kantonen wurden neue Regierungen eingesetzt, und die Kriegskosten wurden den ehemaligen Sonderbundskantonen und den neutralen Kantonen auferlegt. Ein Teil der verbliebenen Schuld wurde 1852 erlassen.

Langfristig setzte sich jedoch die politische Eingliederung der katholisch-konservativen Kräfte durch. Sie organisierten sich, beteiligten sich an den Institutionen des Bundesstaates und nutzten gerade die föderalistischen Instrumente, welche ihre Interessen schützten.

Dieser Prozess dauerte Jahrzehnte und verlief nicht konfliktfrei. Der Kulturkampf zeigte, dass der konfessionelle Gegensatz fortbestand. Dennoch wurde der politische Gegner nicht dauerhaft aus dem Staat ausgeschlossen. Aus den Verlierern des Bürgerkrieges wurden Mitträger der gemeinsamen Ordnung.

Quellen

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