Die Bündner Wirren: Wie Graubünden zum Schlachtfeld Europas wurde

Am 4. September 1618 starb der katholische Erzpriester Nicolò Rusca an den Verletzungen, die ihm während des Thusner Strafgerichts durch Folter zugefügt worden waren. Ein Urteil gegen ihn war nicht ergangen.

Der frühere Bergeller Landammann Johann Baptista Prevost wurde nach einem unter Folter erzwungenen Geständnis zum Tod verurteilt und hingerichtet. Zahlreiche weitere tatsächliche und vermeintliche Anhänger der spanisch-habsburgischen Partei wurden verurteilt, viele von ihnen in Abwesenheit. Mehrere Geflüchtete wurden in Abwesenheit zum Tod oder zu ewiger Verbannung verurteilt; zugleich ordnete das Gericht die Einziehung ihres Vermögens an.

Das Thusner Strafgericht bildete damit einen verhängnisvollen Höhepunkt der Auseinandersetzungen, die im Frühjahr 1618 begonnen hatten. Statt den schwelenden Machtkampf zwischen den spanisch und den venezianisch orientierten Eliten zu befrieden, verschärfte das Strafgericht die bestehenden Feindschaften. Auf das Thusner Strafgericht folgten 1619 weitere parteiisch zusammengesetzte Strafgerichte in Chur und Davos sowie Aufstände und ausländische Interventionen.

Daraus entwickelten sich die Bündner Wirren, die von 1618 bis 1639 dauerten und den Freistaat der Drei Bünde 21 Jahre lang zu einem blutigen Nebenschauplatz des Dreissigjährigen Krieges machten.

Was waren die Bündner Wirren?

Als Bündner Wirren werden die politischen, konfessionellen und militärischen Auseinandersetzungen bezeichnet, die den Freistaat der Drei Bünde zwischen 1618 und 1639 erschütterten. Der Konflikt begann als innerer Machtkampf, entwickelte sich zum Bürgerkrieg und zog schliesslich Spanien, Österreich, Frankreich und Venedig in wechselnden Bündnissen in das Gebiet hinein.

Dabei ging es um weit mehr als um Religion. Einflussreiche Bündner Familien kämpften um Ämter, Reichtum und politische Vorherrschaft. Ausländische Mächte versuchten gleichzeitig, die strategisch wichtigen Alpenpässe und das Veltlin zu kontrollieren. Konfessionelle Gegensätze verschärften diese Konflikte zusätzlich.

Der Begriff «Wirren» trifft den Verlauf bemerkenswert gut: Bündnisse wechselten, Gerichte hoben die Urteile anderer Gerichte wieder auf, frühere Verbündete wurden zu Feinden und ausländische Truppen marschierten wiederholt ein. Kaum eine Konfliktlinie blieb während der 21 Jahre unverändert.

Graubünden war noch kein Schweizer Kanton

Das Gebiet des heutigen Kantons Graubünden gehörte während der Bündner Wirren noch nicht zur Eidgenossenschaft. Der Graue Bund, der Gotteshausbund und der Zehngerichtebund hatten sich zum Freistaat der Drei Bünde zusammengeschlossen. Dieser war mit der Eidgenossenschaft verbündet, bildete aber ein eigenständiges politisches Gemeinwesen. Erst mit der Mediationsakte von 1803 wurde Graubünden als Kanton in die Schweizerische Eidgenossenschaft aufgenommen.

Die politische Macht lag weitgehend bei den 52 Gerichtsgemeinden, die zahlreiche staatliche Aufgaben selbstständig wahrnahmen. Gemeinsame Angelegenheiten wurden auf den Bundstagen beraten, wichtige Beschlüsse mussten jedoch den Gerichtsgemeinden zur Zustimmung vorgelegt werden. Eine starke Zentralregierung, eine gemeinsame Staatskasse und eine für den gesamten Freistaat zuständige Justiz fehlten.

Diese dezentrale Ordnung ermöglichte den Gemeinden eine für die damalige Zeit bemerkenswerte Selbstbestimmung. In einer schweren Krise erwies sie sich jedoch als Schwäche: Verschiedene Talschaften und politische Parteien konnten eigene Truppen aufbieten, ausserordentliche Gerichte einsetzen und unabhängig mit ausländischen Mächten verhandeln.

Die Ursachen der Bündner Wirren

Die Bündner Wirren hatten nicht eine einzelne Ursache. Mehrere politische, wirtschaftliche, konfessionelle und geopolitische Konflikte überlagerten und verstärkten sich gegenseitig. Zu den wichtigsten Ursachen gehörten:

Der Kampf um die Alpenpässe

Das Veltlin und die Bündner Alpenpässe besassen eine ausserordentliche strategische Bedeutung. Das Veltlin bildete die kürzeste und günstigste Verbindung zwischen dem spanisch-habsburgischen Herzogtum Mailand und dem österreichisch-habsburgischen Tirol.

Spanien und Österreich wollten diesen Transitkorridor offenhalten, um Soldaten, Waffen und Nachschub durch die Alpen verschieben zu können. Frankreich und Venedig verfolgten das entgegengesetzte Ziel: Sie wollten verhindern, dass sich die spanische und die österreichische Linie des Hauses Habsburg gegenseitig militärisch unterstützen konnten.

Die Kontrolle der Passwege machte den kleinen Freistaat der Drei Bünde zu einem Brennpunkt der europäischen Grossmachtpolitik. Das Veltlin war nicht bloss ein abgelegenes Alpental, sondern ein strategisches Verbindungsglied zwischen den habsburgischen Machtgebieten.

Wirtschaftliche Interessen

Auch wirtschaftlich waren das Veltlin und die Passrouten wertvoll. Über die Bündner Pässe wurden Waren zwischen Norditalien und den Gebieten nördlich der Alpen transportiert. Handel, Zölle und Säumerei bildeten wichtige Einnahmequellen.

Das fruchtbare Veltlin war seit 1512 ein Untertanengebiet der Drei Bünde. Gemeinsam mit Chiavenna und Bormio brachte es Steuereinnahmen und begehrte Verwaltungsämter. Bündner Amtsträger, Händler und Grundbesitzer unterhielten dort erhebliche wirtschaftliche Interessen.

Die Veltliner Ämter waren einträglich und deshalb hart umkämpft. Korruption, Ämterkauf und die persönliche Bereicherung einzelner Amtsträger verstärkten im Veltlin die Unzufriedenheit mit der Herrschaft der Drei Bünde.

Konfessionelle Spaltung

Seit der Reformation war der Freistaat in katholische und reformierte Gemeinden geteilt. Besonders angespannt war die Lage im mehrheitlich katholischen Veltlin. Dort lebte eine kleine reformierte Minderheit, deren Rechte von den Drei Bünden geschützt wurden.

Viele katholische Veltliner befürchteten, dass ihre Bündner Herren die Reformation schrittweise auf das Tal ausdehnen wollten. Reformierte Prediger und Politiker wiederum sahen im katholischen Spanien und im österreichischen Habsburg die Speerspitzen der Gegenreformation.

Trotzdem waren die Bündner Wirren nicht von Anfang an ein einfacher Religionskrieg zwischen Katholiken und Reformierten. Persönliche Rivalitäten, Familieninteressen, ausländische Zahlungen und wirtschaftliche Abhängigkeiten bestimmten die Lager ebenso wie der Glaube. Pompejus und Rudolf von Planta, die später die spanisch-österreichische Partei anführten, waren ursprünglich selbst reformiert und traten erst später zum Katholizismus über.

Familienfehden und ausländisches Geld

Innerhalb der Bündner Führungsschicht rangen mächtige Familien um Einfluss. Besonders ausgeprägt war die Rivalität zwischen den von Planta und verschiedenen Linien der Familie von Salis.

Spanien, Österreich, Frankreich und Venedig versuchten, die Bündner Politik durch Pensionen, Geschenke, Titel, militärische Anstellungen, Versprechungen und Drohungen zu beeinflussen. Dadurch entstanden eine spanisch-österreichische und eine venezianisch-französische Partei.

Diese Lager waren allerdings keine politischen Parteien im heutigen Sinn. Persönliche Bindungen, wirtschaftliche Interessen und Loyalitäten konnten sich verändern. Selbst die einflussreichen Familien standen nicht immer geschlossen auf derselben Seite. Die von Salis standen überwiegend auf der französisch-venezianischen Seite, während Rudolf und Pompejus von Planta zu den führenden Vertretern der spanisch-österreichischen Partei gehörten. Vollständig geschlossen waren die weitverzweigten Familienverbände jedoch nicht: Einzelne Angehörige der von Salis unterstützten die Gegenseite, während Hartmann von Planta aus der Churer Linie gegen die Spanier kämpfte.

Die Bündner Wirren im Überblick

Bevor die einzelnen Phasen des Konflikts ausführlich dargestellt werden, zeigt die folgende Chronologie die wichtigsten Ereignisse der 21 Jahre dauernden Bündner Wirren im Überblick.

JahrEreignisErgebnis
1618Fähnlilupf und Thusner StrafgerichtRadikale Prädikanten und die venezianische Partei gehen gegen tatsächliche und vermeintliche Anhänger Spaniens vor. Nicolò Rusca stirbt ohne Urteil unter der Folter. Johann Baptista Prevost wird verurteilt und hingerichtet.
1619Churer Gegengericht und Davoser StrafgerichtDie gegnerischen Parteien heben ihre Urteile gegenseitig auf. Die gemeinsame Rechtsordnung zerfällt.
1620Veltliner MordMehrere Hundert Protestanten werden ermordet und die Drei Bünde verlieren das Veltlin.
1620Schlacht bei TiranoSpanisch-habsburgischer Sieg über bündnerische, zürcherische und bernische Truppen.
1621Österreichischer EinmarschGrosse Teile des Freistaats werden besetzt. Pompejus von Planta wird ermordet.
1622Prättigauer Aufstand und Lindauer VertragDie Aufständischen vertreiben zunächst die österreichischen Truppen. Nach der Rückeroberung zwingt Österreich den Drei Bünden den Lindauer Vertrag auf: Das Prättigau, Davos und das Unterengadin werden erneut habsburgischer Herrschaft unterstellt und die reformierte Religionsausübung wird unterdrückt.
1624–1626Erste französische Intervention und Vertrag von MonzónFranzösische und bündnerische Truppen erobern das Veltlin. Frankreich einigt sich 1626 jedoch ohne Beteiligung der Drei Bünde mit Spanien. Die Bündner Oberhoheit wird nur nominell anerkannt; tatsächlich erhalten die Drei Bünde ihre Herrschaftsrechte nicht zurück.
1629–1631Weitere kaiserliche BesetzungKrieg, Einquartierungen und Pest verwüsten das Land.
1634–1635Zweite französische InterventionHenri de Rohan erobert das Veltlin und besiegt spanische und österreichische Truppen.
1637KettenbundBündner Offiziere wechseln die Seite und zwingen die Franzosen zum Abzug.
1639Ermordung Jenatschs und Mailänder KapitulatJörg Jenatsch wird im Januar in Chur ermordet. Am 3. September einigen sich die Drei Bünde und Spanien im Mailänder Kapitulat: Die Untertanengebiete werden den Drei Bünden unter konfessionellen und politischen Auflagen zurückgegeben.

Der Verlauf der Bündner Wirren

Strafgerichte als politische Machtinstrumente

Politisch motivierte Strafgerichte waren in den Drei Bünden kein neues Phänomen. Bereits 1607 verurteilte ein Strafgericht in Chur führende Vertreter der französisch-venezianischen Partei. Wenige Monate später schlug die Gegenpartei mit einem eigenen Gericht zurück: Georg Beeli von Belfort und Kaspar Baselgia, zwei führende Vertreter der spanisch-österreichischen Partei, wurden gefoltert, zum Tod verurteilt und hingerichtet. Im Dezember 1607 trat in Ilanz unter dem Druck eidgenössischer Vermittler ein drittes, als «unparteiisch» bezeichnetes Strafgericht zusammen, um den Konflikt beizulegen. Es überprüfte die Urteile der beiden Churer Gerichte und verhängte gegen Angehörige verschiedener Lager Geldbussen. Das in Abwesenheit gefällte Todesurteil gegen Johannes Guler von Wyneck wurde aufgehoben. Als sich der Konflikt 1618 erneut zuspitzte, griffen die rivalisierenden Lager somit auf ein bereits erprobtes politisches Machtinstrument zurück.

Der Fähnlilupf von 1618

Im Februar 1618 verschärfte ein erneutes Handelsembargo des spanisch beherrschten Herzogtums Mailand die Spannungen. Bereits 1604 hatte der Mailänder Statthalter Pedro von Fuentes ein solches Embargo verhängt, nachdem die Drei Bünde 1603 ein Bündnis mit Venedig geschlossen und im folgenden Jahr ein vergleichbares Abkommen mit Mailand abgelehnt hatten. An der evangelisch-rätischen Synode in Bergün verurteilten radikale reformierte Prädikanten im April 1618 den sogenannten Hispanismus, also den Einfluss Spaniens und seiner Bündner Parteigänger. Die Synode wurde von Kaspar Alexius geleitet; zu den radikalen Prädikanten gehörten zudem Jörg Jenatsch (Gieri Genatsch), Blasius Alexander (Plasch Lischonder) und Bonaventura Toutsch.

Unter ihrem Einfluss kam es zu einem sogenannten Fähnlilupf. Das Fähnlein war das Banner einer Gerichtsgemeinde. Wurde es erhoben, mussten die waffenfähigen Männer der Gemeinde zusammenkommen und der Fahne folgen. Die Aufgebote verschiedener Gemeinden konnten sich zu einer bewaffneten Versammlung vereinigen und ein ausserordentliches Strafgericht einsetzen.

Der Fähnlilupf von 1618 nahm im Unterengadin seinen Anfang und entwickelte sich rasch zu einer bewaffneten Bewegung, die weitere Gebiete der Drei Bünde erfasste. Eines ihrer ersten Ziele war Rudolf von Planta, ein führender Vertreter der spanisch-österreichischen Partei, der auf Schloss Wildenberg in Zernez residierte. Er konnte vor den Aufständischen fliehen. Im Veltlin nahmen sie Nicolò Rusca und im Bergell Johann Baptista Prevost fest.

Inzwischen hatten sich den Unterengadinern bewaffnete Gruppen aus dem Oberengadin, dem Bergell, dem Puschlav, aus Bergün und Fürstenau angeschlossen. Der Fähnlilupf war damit keine rein Unterengadiner Bewegung mehr. Die versammelten Fähnlein setzten ein überregionales Strafgericht ein, das den Anspruch erhob, im Namen der Drei Bünde über vermeintliche Landesverräter zu urteilen. Weil Chur den Gegnern Spaniens als «spanisches Nest» und deshalb als ungeeigneter Tagungsort galt, wichen sie nach Thusis aus. Dorthin wurden auch Rusca und Prevost gebracht.

Das berüchtigte Thusner Strafgericht

Das Thusner Strafgericht stand unter massgeblichem Einfluss der radikalen Prädikanten. Sie bildeten die Anklagekammer und nahmen damit unmittelbar Einfluss auf die weltliche Rechtsprechung. Dass Geistliche in dieser Weise an einem politischen Strafgericht mitwirkten, war selbst für die konfliktreiche Geschichte der Drei Bünde ungewöhnlich.

Nach Angaben des Bündner Historikers Florian Hitz gehörten dem Gericht 66 Richter, 27 weltliche Beisitzer und 9 Prädikanten an. Während seiner ungefähr sechsmonatigen Tätigkeit fällte es 157 Urteile. Darunter waren 10 Todesurteile und 22 lebenslange Verbannungen, bei denen das Gericht zugleich die Einziehung des Vermögens anordnete.

Zu den Gefangenen gehörten der frühere Bergeller Landammann Johann Baptista Prevost und Nicolò Rusca, der Erzpriester von Sondrio. Prevost war 1603 als Bündner Gesandter zum spanischen Statthalter Pedro von Fuentes nach Mailand gereist. Bereits 1607 hatte ihn das Strafgericht in Ilanz als einen der führenden spanischen Parteigänger zu einer Geldstrafe verurteilt. In Thusis wurde er unter Folter zu einem Geständnis gezwungen, zum Tod verurteilt und am 24. August 1618 hingerichtet.

Rusca war ein entschiedener Vertreter der katholischen Reform und ein Gegner der Ausbreitung des reformierten Glaubens im Veltlin. In der Nacht vom 24. auf den 25. Juli 1618 wurde er von Bewaffneten in Sondrio festgenommen und über die Alpen nach Chur und schliesslich nach Thusis gebracht. Dort warf man ihm unter anderem Landesverrat und die Unterstützung der spanischen Partei vor. Um ein Geständnis zu erzwingen, liess das Gericht Rusca foltern. Am 4. September 1618 starb er unter der Folter. Nach seinem Tod ordnete das Gericht die Beschlagnahmung seines Vermögens an. Sein Leichnam wurde unter dem Galgen bestattet – an einem Ort, der damals als besonders entehrend galt. Im folgenden Jahr wurde er heimlich ausgegraben und in die Benediktinerabtei Pfäfers gebracht.

Pompejus und Rudolf von Planta waren geflohen. Das Thusner Strafgericht ächtete sie, verurteilte sie in Abwesenheit zum Tod und ordnete die Einziehung ihres Vermögens an. Auch der Churer Bischof Johann V. Flugi hatte sich durch Flucht entzogen; er wurde des Landes verwiesen und für vogelfrei erklärt. Die Geflüchteten entgingen damit dem unmittelbaren Zugriff auf ihre Personen.

Ruscas Tod wurde in der katholischen Erinnerung zunehmend als Martyrium gedeutet. Papst Benedikt XVI. genehmigte 2011 das Dekret, mit dem die katholische Kirche seinen Tod als Martyrium anerkannte. Am 21. April 2013 wurde Rusca in Sondrio seliggesprochen.

Strafgericht gegen Strafgericht

Die Härte des Thusner Strafgerichts löste einen Gegenschlag aus. Im Frühjahr 1619 zogen katholische Fähnlein, unter anderem aus dem Oberen Bund und dem Lugnez, nach Chur und setzten dort ein neues Strafgericht durch.

Dieses Churer Gegengericht wurde von der katholischen Partei beherrscht. Es erklärte einen grossen Teil der Thusner Urteile für ungültig und verfolgte nun seinerseits führende Angehörige der reformiert-venezianischen Partei.

Damit war der Konflikt nicht beendet. Noch im selben Jahr antwortete die Gegenseite mit einem neuen Strafgericht in Davos, das die Thusner Urteile weitgehend wieder bestätigte.

Innerhalb kurzer Zeit hatten somit drei verschiedene Gerichte gegensätzliche Urteile gefällt:

  • Das Thusner Strafgericht verurteilte Anhänger der spanisch-österreichischen Partei.
  • Das Churer Strafgericht hob diese Urteile auf und verfolgte die reformiert-venezianische Seite.
  • Das Davoser Strafgericht setzte die Thusner Urteile weitgehend wieder in Kraft.

Die Abfolge der Strafgerichte zeigt, wie die rivalisierenden Lager die Rechtsprechung zur Ausschaltung ihrer politischen Gegner einsetzten. Je nachdem, welche bewaffneten Fähnlein die Oberhand gewannen, wurde ein neues Gericht eingesetzt, das frühere Urteile aufhob oder bestätigte und seinerseits gegen die unterlegene Partei vorging. Da eine übergeordnete und allgemein anerkannte Justiz fehlte, konnte der Freistaat diese Spirale parteiischer Urteile nicht durchbrechen.

Der Veltliner Mord von 1620

Im katholischen Veltlin wurden das Thusner Strafgericht und Ruscas Tod mit grosser Empörung aufgenommen. Gleichzeitig bestand seit Langem Unmut gegen die Herrschaft der Drei Bünde. Viele Veltliner lehnten die auswärtigen Amtsträger, die verbreitete Korruption und den Schutz der reformierten Minderheit ab.

Im Juli 1620 organisierte die katholische Führungsschicht des Veltlins unter Giacomo Robustelli einen Aufstand gegen die Herrschaft der Drei Bünde. Während des sogenannten Veltliner Mords – italienisch Sacro Macello – wurden mehrere Hundert Protestanten ermordet. Zahlreiche weitere Protestanten flohen aus dem Tal. Zu ihnen gehörten die Prädikanten Kaspar Alexius und Jörg Jenatsch sowie der Kanzler Giovanni Andrea Mingardino, der mit einer grösseren Gruppe über das Valmalenco entkam.

Nicolò Ruscas Tod verschärfte die konfessionellen Spannungen und wurde auf katholischer Seite als Martyrium gedeutet. Er war jedoch nur einer von mehreren Faktoren, die zum Aufstand führten. Hinzu kamen der Widerstand gegen die als Fremdherrschaft empfundene Herrschaft der Drei Bünde, die Furcht vor einer weiteren Ausbreitung der Reformation sowie die Unterstützung der Aufständischen durch das spanisch beherrschte Herzogtum Mailand.

Die Drei Bünde verloren die Kontrolle über das Veltlin. Spanien und Österreich gewannen damit vorerst Zugang zu dem strategisch bedeutenden Transitkorridor.

Die Niederlage bei Tirano

Die Drei Bünde versuchten noch 1620, das verlorene Veltlin zurückzuerobern. Die reformierten Orte Zürich und Bern entsandten dafür Hilfstruppen. Die katholischen Orte der Eidgenossenschaft verweigerten dagegen ihre Unterstützung, weil sie keine militärische Intervention zugunsten der reformierten Seite mittragen wollten. Damit setzte sich die konfessionelle Spaltung der Eidgenossenschaft auch in der Bündnerfrage fort.

Am 11. September 1620 trafen die bündnerischen, zürcherischen und bernischen Truppen bei Tirano auf die spanisch-habsburgischen Kräfte. Mangelnde Koordination und Uneinigkeit unter den Verbündeten erschwerten den Angriff.

Die Schlacht endete mit einem Sieg der spanisch-habsburgischen Seite. Die geschlagenen bündnerischen, zürcherischen und bernischen Truppen mussten sich zurückziehen. Der Feldzug zur unmittelbaren Rückeroberung des Veltlins war damit gescheitert, und die Drei Bünde mussten den Verlust des Tals vorerst hinnehmen.

Die Ermordung von Pompejus von Planta

Die Gewalt kehrte daraufhin in das Gebiet der Drei Bünde zurück. Pompejus von Planta, einer der führenden Köpfe der spanisch-österreichischen Partei, hielt sich auf Schloss Rietberg im Domleschg auf.

In der Nacht vom 24. auf den 25. Februar 1621 drang eine Gruppe venezianischer Parteigänger in das Schloss ein und ermordete von Planta. Jörg Jenatsch gehörte zu den Beteiligten und gilt als einer der treibenden Köpfe des Überfalls. Ob er Pompejus von Planta eigenhändig tötete, lässt sich nicht sicher nachweisen.

Der Mord wurde zu einer der bekanntesten und symbolträchtigsten Taten der Bündner Wirren. Er zeigte, dass politische Gegner nicht mehr nur durch Strafgerichte ausgeschaltet, sondern auch durch gezielte Gewalt beseitigt wurden.

Österreichische Besetzung und Prättigauer Aufstand

Im Herbst 1621 griffen spanisch-österreichische Truppen den Freistaat der Drei Bünde von mehreren Seiten an. Österreichische Verbände drangen ins Prättigau und ins Unterengadin ein. Oberst Alois Baldiron stiess über Davos bis nach Chur vor. Die Habsburger brachten damit auch die Bündner Herrschaft und die Region Landquart unter ihre Kontrolle. Die letzten Zürcher Truppen, die bei Maienfeld und am Luzisteig ausgeharrt hatten, zogen im November 1621 ab.

In den Mailänder Artikeln mussten die Drei Bünde Anfang 1622 auf das Veltlin und Bormio sowie auf mehrere Gebiete innerhalb des Freistaats verzichten. Das Prättigau, Davos, das Unterengadin und weitere Talschaften wurden unter Berufung auf ältere Herrschaftsrechte erneut den Habsburgern unterstellt. Gleichzeitig wurde die Ausübung des reformierten Glaubens eingeschränkt beziehungsweise verboten.

Diese Verbindung von militärischer Besatzung und konfessionellem Zwang löste im Frühjahr 1622 den Prättigauer Aufstand aus. Die Bevölkerung erhob sich teilweise mit improvisierten Waffen wie Sensen, Äxten und Keulen gegen die österreichischen Truppen und vertrieb sie zunächst aus dem Tal.

Der Aufstand war anfangs eine eigenständige Erhebung des zum Zehngerichtebund gehörenden Prättigaus und kein gemeinsames Unternehmen der Drei Bünde. Der mehrheitlich katholische Graue Bund und der politisch gespaltene Gotteshausbund wollten einen offenen Krieg gegen Österreich vermeiden und verweigerten den Aufständischen vorerst ihre Unterstützung. Sie ersuchten die Eidgenossenschaft sogar, keinen militärischen Zuzug zuzulassen. Dennoch erhielten die Prättigauer finanzielle Unterstützung von Venedig sowie von Zürich und Glarus und wurden durch Truppen aus reformierten Orten der Eidgenossenschaft verstärkt.

Die Aufständischen beschränkten sich nicht auf die Befreiung des Prättigaus. Gemeinsam mit dem eidgenössischen Zuzug rückten sie gegen die übrigen österreichischen Stellungen vor. Sie besiegten österreichische Verbände bei Fläsch in der Bündner Herrschaft und an der Molinära zwischen Trimmis und Chur. Darauf mussten auch die österreichischen Besatzungen in Maienfeld und Chur kapitulieren und abziehen.

Die erste französische Intervention

Nach weiteren österreichischen Einmärschen griff Frankreich unter Kardinal Richelieu ein. Für den französischen Regierungschef war das Veltlin vor allem ein Mittel, um die Verbindung zwischen dem spanischen Mailand und dem österreichischen Tirol zu unterbrechen.

1624 und 1625 besetzten französische und bündnerische Truppen das Veltlin. Frankreich gab das Tal jedoch nicht dauerhaft an die Drei Bünde zurück. Im Vertrag von Monzon von 1626 überliess Richelieu das Gebiet wieder der spanischen Einflusssphäre.

Für die Bündner war das eine ernüchternde Erfahrung: Frankreich trat zwar als Verbündeter auf, verfolgte aber in erster Linie seine eigenen strategischen Interessen.

Neue Invasionen, Pest und Hunger

Zwischen 1629 und 1631 marschierten im Zusammenhang mit dem Mantuanischen Erbfolgekrieg erneut kaiserliche Truppen durch Graubünden. Mit den Soldaten kamen Plünderungen, Einquartierungen und Seuchen.

Besonders verheerend war die Pest. Sie traf eine Bevölkerung, die bereits unter Krieg, unterbrochenen Handelsverbindungen und Nahrungsmangel litt. Auch Chur wurde wiederholt von der Seuche heimgesucht.

Die Bündner Wirren bestanden deshalb nicht nur aus Gerichten, Feldzügen und politischen Bündniswechseln. Für die Bevölkerung bedeuteten sie mehr als zwei Jahrzehnte der Unsicherheit, wirtschaftlichen Belastung und wiederkehrenden Gewalt.

Henri de Rohan und die zweite französische Intervention

Nach der Niederlage der Schweden bei Nördlingen im Jahr 1634 gewann das Veltlin für Frankreich erneut an Bedeutung. Richelieu beauftragte den französischen Herzog und Hugenottenführer Henri de Rohan, das Tal militärisch zu sichern.

Rohan traf 1635 in Graubünden ein und führte einen erfolgreichen Gebirgskrieg gegen österreichische und spanische Truppen. Unterstützt wurde er von französischen, bündnerischen und eidgenössischen Regimentern. Durch geschickte Truppenbewegungen verhinderte er, dass sich die aus Tirol und Mailand anrückenden gegnerischen Armeen vereinigen konnten.

Militärisch war Rohan erfolgreich. Politisch verschlechterte sich seine Stellung jedoch zunehmend. Frankreich bezahlte den ausstehenden Sold nicht vollständig und wollte das eroberte Veltlin weiterhin nicht bedingungslos an die Drei Bünde zurückgeben.

Damit geriet Frankreich in dieselbe Rolle, die es zuvor Spanien und Österreich vorgeworfen hatte: Es behandelte Graubünden und das Veltlin in erster Linie als Mittel der eigenen Grossmachtpolitik.

Der Kettenbund und die Vertreibung der Franzosen

Frankreich wollte das 1635 zurückeroberte Veltlin nicht wieder der Herrschaft der Drei Bünde überlassen und blieb den bündnerischen Truppen zudem erhebliche Soldzahlungen schuldig. Deshalb wandten sich mehrere Bündner Offiziere von Frankreich ab. Jörg Jenatsch führte geheime Verhandlungen mit Spanien und Österreich, während er gegenüber Herzog Rohan weiterhin als loyaler Verbündeter auftrat. 1635 trat er ohne seine Familie in Rapperswil zum katholischen Glauben über.

1637 sammelten sich die Gegner der französischen Vorherrschaft im sogenannten Kettenbund. Jenatsch und weitere Bündner Offiziere wechselten mit ihren Truppen in spanische Dienste. Am 21. März rückten rund 3000 Mann vor die Rohanschanze bei Landquart. Rohan verfügte nur über etwa 1000 Soldaten und musste am 26. März kapitulieren. Er erhielt mit seinen Truppen freien Abzug. Die letzten französischen Soldaten verliessen die Drei Bünde im Mai 1637.

Jenatsch hatte damit sein Ziel erreicht: Die französische Vorherrschaft war beendet und der Weg für Verhandlungen über die Rückgabe der Untertanenlande frei. Allerdings hatten sich die Drei Bünde dafür erneut von einer ausländischen Grossmacht abhängig gemacht.

Das Ende der Bündner Wirren

Noch bevor die Verhandlungen mit Spanien abgeschlossen waren, wurde Jörg Jenatsch während der Churer Fastnacht in der Nacht vom 24. auf den 25. Januar 1639 im Wirtshaus «Zum staubigen Hüetli» unter bis heute nicht restlos geklärten Umständen ermordet. Nach der Überlieferung gehörte zu den Tätern ein Mann in einem Bärenkostüm. Jenatsch wurde noch am Tag seiner Ermordung in der Kathedrale von Chur beigesetzt.

Die Untersuchung des Verbrechens wurde nur oberflächlich geführt. Es lag offenbar nicht im Interesse der damaligen Machthaber, die unmittelbaren Täter und insbesondere deren mögliche Auftraggeber zu ermitteln. Als mögliches Motiv gilt unter anderem die Rache für Jenatschs Beteiligung an der Ermordung von Pompejus von Planta im Jahr 1621. Eine Beteiligung der Familie Planta konnte jedoch nie nachgewiesen werden. Auch andere politische und persönliche Gegner Jenatschs kommen als Täter oder Hintermänner infrage.

Am 3. September 1639 einigten sich die Drei Bünde und Spanien im Ersten Mailänder Kapitulat. Die Drei Bünde erhielten das Veltlin, Chiavenna und Bormio als Untertanengebiete zurück. Die Rückgabe war jedoch mit erheblichen Einschränkungen verbunden.

Im Veltlin und in Bormio durfte der reformierte Glaube weder verbreitet noch öffentlich ausgeübt werden. Spanien erhielt politischen Einfluss sowie das Recht, die Bündner Verkehrswege zu benutzen. Den Gegnern Spaniens sollte dieser Durchzug verweigert werden. Damit endeten die Bündner Wirren, ohne dass die Drei Bünde ihre ursprüngliche Stellung vollständig wiederherstellen konnten.

Verbliebene habsburgische Herrschaftsrechte im Zehngerichtebund, im Münstertal und im Unterengadin wurden erst 1649 und 1652 abgelöst. Die Gemeinden kauften Österreich diese Herrschaftsrechte gegen Geld ab. Finanzielle Unterstützung erhielten sie von reformierten Orten der Eidgenossenschaft.

Die wichtigsten Akteure

Akteure der Drei Bünde

Jörg Jenatsch (1596–1639)

Kaum eine Figur verkörpert die wechselnden Bündnisse der Bündner Wirren so deutlich wie Jörg Jenatsch. Er begann als radikaler reformierter Pfarrer und politischer Agitator und gehörte 1618 zu den treibenden Kräften des Thusner Strafgerichts. Nach seiner Flucht vor dem Veltliner Mord von 1620 gab er sein Pfarramt auf und schlug eine militärische Laufbahn ein. 1621 beteiligte er sich an der Ermordung von Pompejus von Planta. Im folgenden Jahr diente er als Hauptmann; später stieg er in venezianischen Diensten zum Obersten auf.

In französischem Sold nahm Jenatsch 1624 und 1635 an den Feldzügen zur Rückeroberung des Veltlins teil und wurde zu einem engen Vertrauten Herzog Rohans. Als Frankreich das zurückeroberte Gebiet nicht der Herrschaft der Drei Bünde überlassen wollte und mit Soldzahlungen im Rückstand blieb, nahm Jenatsch geheime Verhandlungen mit Spanien und Österreich auf. 1635 trat er zum katholischen Glauben über. Zwei Jahre später führte er den Kettenbund an, der die französischen Truppen aus den Drei Bünden und dem Veltlin vertrieb.

Jenatsch wechselte die Seite, um die französische Vorherrschaft zu beenden und die Untertanenlande für die Drei Bünde zurückzugewinnen. Zugleich dienten seine Bündniswechsel seinem persönlichen Aufstieg und der Sicherung seiner politischen Stellung. Er war deshalb weder der selbstlose Freiheitsheld der späteren Legenden noch ein blosser Verräter. Sein Handeln verband bündnerische Interessen mit persönlichem Ehrgeiz und jener wechselnden Bündnispolitik, die den gesamten Konflikt prägte.

In der Nacht vom 24. auf den 25. Januar 1639 wurde Jenatsch während der Churer Fastnacht im Wirtshaus «Zum staubigen Hüetli» von unbekannten Tätern ermordet. Die Tat wurde nur oberflächlich untersucht und ist bis heute nicht restlos aufgeklärt. Als mögliches Motiv gilt die Rache für Jenatschs Beteiligung an der Ermordung von Pompejus von Planta; nachweisen liess sich dies jedoch nie.

Blasius Alexander (Plasch Lischonder, 1590–1622)

Blasius Alexander stammte aus Sent im Unterengadin und wirkte ab 1616 als reformierter Pfarrer in Teglio im Veltlin. Gemeinsam mit Jenatsch und Bonaventura Toutsch gehörte er zu den radikalen Prädikanten, die 1618 den Kampf gegen den spanischen Einfluss vorantrieben. Er beteiligte sich am Fähnlilupf und gehörte zur Gruppe der Prädikanten, die beim Thusner Strafgericht eine führende Rolle einnahm.

Nach dem Veltliner Mord floh Alexander aus dem Veltlin. Später beteiligte er sich an der Ermordung von Pompejus von Planta und versuchte, Sent gegen die vordringenden österreichischen Truppen zu verteidigen. Während der habsburgischen Besetzung wurde er gefangen genommen und nach Innsbruck gebracht. Dort wurde er zum Tod verurteilt und am 23. Dezember 1622 hingerichtet.

Pompejus von Planta (1570–1621)

Pompejus von Planta entstammte dem reformierten Zernezer Zweig der Familie Planta, trat nach seinem Studium in Basel jedoch zum katholischen Glauben über. Er war Abgeordneter am Bundstag, wurde 1605 erzherzoglicher Rat, 1614 bischöflicher Vogt von Fürstenau und 1615 Erbmarschall des Hochstifts Chur. Gemeinsam mit seinem Bruder Rudolf gehörte er zu den führenden Vertretern der spanisch-österreichischen Partei.

Das Thusner Strafgericht ächtete ihn 1618 und verurteilte ihn in Abwesenheit zum Tod. Pompejus von Planta konnte fliehen, kehrte später jedoch nach Graubünden zurück. Am 6. Februar 1621 gehörte er zu den Abgeordneten des Grauen Bundes, die in Mailand gegen den Willen der beiden anderen Bünde einen Separatfrieden mit Spanien unterzeichneten. Dieser stellte die Rückgabe des Veltlins und Bormios in Aussicht, gewährte Spanien jedoch weitreichende Durchzugs- und Besatzungsrechte und hätte die Preisgabe der von Österreich beanspruchten Gebiete bedeutet.

Am 25. Februar 1621 drang eine Gruppe venezianischer Parteigänger unter der Führung Jörg Jenatschs in Schloss Rietberg ein und ermordete Planta. Die Tat wurde zu einer der bekanntesten Gewalttaten der Bündner Wirren und verschärfte die Spirale von Gewalt und Vergeltung.

Rudolf von Planta (1569–1638)

Rudolf von Planta war der politische und militärische Verbündete seines Bruders Pompejus und einer der führenden Vertreter der spanisch-österreichischen Partei. Eines der ersten Ziele des Fähnlilupfs von 1618 war sein Wohnsitz Schloss Wildenberg in Zernez. Planta konnte fliehen und wurde vom Thusner Strafgericht in Abwesenheit geächtet und zum Tod verurteilt.

Nach seiner Flucht hielt er sich in Südtirol auf und kehrte später mit österreichischen Truppen zurück. Während der habsburgischen Besetzung wirkte er im Unterengadin als österreichischer Kommandant und Amtsträger.

Johann Baptista Prevost (1541/44–1618)

Johann Baptista Prevost war ein reformierter Wirt aus Vicosoprano und mindestens 1604 Landammann des Bergells. Obwohl er reformiert war, gehörte er zu den führenden Anhängern Spaniens. Sein Beispiel zeigt, dass die politischen Lager nicht eindeutig entlang der Konfessionsgrenzen verliefen.

1603 reiste Prevost als Bündner Gesandter zum spanischen Statthalter Pedro de Fuentes nach Mailand. 1607 verurteilte ihn das Ilanzer Strafgericht zu einer Geldstrafe. 1618 wurde er festgenommen, nach Thusis gebracht und gefoltert. Das Strafgericht verurteilte ihn zum Tod und liess ihn am 24. August 1618 hinrichten.

Hercules von Salis-Grüsch (1566–1620)

Hercules von Salis war einer der führenden Köpfe der venezianischen Partei. Er stand in venezianischen Diensten, förderte die Reformation in den italienischsprachigen Untertanengebieten und gehörte zu den wichtigsten Gegenspielern der Brüder Pompejus und Rudolf von Planta.

Seine Söhne Rudolf und Ulysses setzten die militärische und politische Tätigkeit der Familie während der Bündner Wirren fort, schlugen später jedoch unterschiedliche Wege ein.

Rudolf von Salis (1589/90–1625)

Rudolf von Salis war ein Sohn von Hercules von Salis und der ältere Bruder von Ulysses. Er studierte in Heidelberg, wurde teilweise in Frankreich ausgebildet und gehörte zu den führenden Vertretern der venezianischen Partei.

Im Frühjahr 1622 übernahm er die militärische Führung des Prättigauer Aufstands. Unter seinem Kommando vertrieben die Aufständischen mit eidgenössischer Unterstützung die österreichischen Truppen zunächst aus dem Prättigau und besiegten sie bei Fläsch und an der Molinära. Im Juni 1622 ernannte ihn der Bundstag zum General der Drei Bünde. Die österreichische Gegenoffensive konnte er jedoch nicht aufhalten: Am 5. September 1622 wurden seine Truppen bei Aquasana nahe Saas geschlagen.

1623 trat Rudolf von Salis als Oberst in venezianische und 1624 unter François-Annibal d’Estrées in französische Dienste. Während der ersten französischen Intervention sicherte sein Regiment unter anderem die Tardisbrücke, den Luzisteig und den Zugang zum Prättigau. Nach seinem Tod im Oktober 1625 übernahm sein Bruder Ulysses das Regiment.

Ulysses von Salis-Marschlins (1594–1674)

Ulysses von Salis war ebenfalls ein Sohn von Hercules von Salis. Nach verschiedenen militärischen Diensten wurde er 1624 Oberstleutnant im französischen Regiment seines Bruders Rudolf. Nach dessen Tod im Jahr 1625 übernahm er das Regiment. Ab 1631 führte er als Oberst ein eigenes Bündner Regiment und nahm von 1635 bis 1637 unter Herzog Henri de Rohan am Feldzug im Veltlin teil.

Anders als Jenatsch schloss sich Ulysses von Salis 1637 nicht dem Kettenbund an. Er blieb Frankreich treu und widersetzte sich vergeblich der Räumung des Kastells von Chiavenna. Auch nach Rohans Abzug blieb er in französischen Diensten und wurde später zum Maréchal de camp befördert. Seine Erinnerungen gehören zu den wichtigen zeitgenössischen Quellen über die Bündner Wirren, geben die Ereignisse jedoch aus der Sicht eines französischen Parteigängers wieder.

Geistliche und Veltliner Akteure

Nicolò Rusca (1563–1618)

Nicolò Rusca stammte aus Bedano und war seit 1590 katholischer Erzpriester von Sondrio. Im Auftrag des Bischofs von Como setzte er sich für die katholische Reform ein und bekämpfte insbesondere die Errichtung einer reformierten Landesschule in Sondrio. Dadurch wurde er zu einem der wichtigsten Gegenspieler der radikalen Bündner Prädikanten.

1618 wurde Rusca festgenommen und vor das Thusner Strafgericht gebracht. Um ein Geständnis zu erzwingen, liess ihn das Gericht foltern. Am 4. September 1618 erlag er während der Folter seinen Verletzungen. Entgegen späteren Darstellungen war er weder zum Tod verurteilt noch hingerichtet worden. Sein Tod wurde auf katholischer Seite zum Märtyrersymbol und trug zur konfessionellen Radikalisierung im Veltlin bei. Im Jahr 2013 wurde Rusca seliggesprochen.

Johann V. Flugi von Aspermont (1550–1627)

Johann V. Flugi amtierte von 1601 bis 1627 als Bischof von Chur. Er bemühte sich um eine Erneuerung der katholischen Kirche nach den Beschlüssen des Konzils von Trient und verlangte die Wiederherstellung früherer kirchlicher Rechte und Besitzungen. Damit geriet er in einen langjährigen Konflikt mit reformierten Kräften und den politischen Institutionen der Drei Bünde.

Flugi hielt sich wegen der politischen Unruhen wiederholt ausserhalb Graubündens auf. Das Thusner Strafgericht verurteilte ihn am 15. September 1618 in Abwesenheit zur Landesverweisung; bei einer Rückkehr drohte ihm die Todesstrafe. Nach dem Einmarsch der österreichischen Truppen konnte er wieder nach Chur zurückkehren und setzte sich für die Wiederherstellung katholischer Rechte ein.

Giacomo Robustelli (ca. 1583–ca. 1646)

Der Veltliner Adlige Giacomo Robustelli gehörte zu den führenden Organisatoren des Aufstands von 1620. Unter seiner Führung richtete sich die Erhebung sowohl gegen die Herrschaft der Drei Bünde als auch gegen die reformierte Bevölkerung des Tals.

Robustelli übernahm anschliessend eine führende Stellung in der neuen Veltliner Regierung. Der Aufstand wurde von Spanien unterstützt und ermöglichte spanischen Truppen, das strategisch wichtige Tal zu besetzen.

Ausländische Akteure

Pedro Enríquez de Acevedo, Conde de Fuentes (1525–1610)

Pedro de Fuentes war von 1600 bis 1610 spanischer Statthalter im Herzogtum Mailand. Nachdem die Drei Bünde 1603 ein Bündnis mit Venedig geschlossen hatten, setzte er sie mit einer Handelsblockade unter Druck. Gleichzeitig liess er 1603/04 bei Colico am Eingang zum Veltlin das nach ihm benannte Forte di Fuentes errichten. Die Festung sollte den Zugang zum Tal überwachen und Spaniens militärischen Einfluss absichern.

Fuentes starb acht Jahre vor dem Thusner Strafgericht und war deshalb kein unmittelbarer Akteur der Bündner Wirren. Seine Politik verschärfte jedoch bereits zuvor den Parteienkampf und die Auseinandersetzung um die Bündner Alpenpässe. Sie schuf damit wesentliche Voraussetzungen für die spätere Eskalation.

Alois Baldiron (gestorben 1632)

Der österreichische Oberst Alois Baldiron führte die habsburgischen Besatzungstruppen, die 1621 in die Drei Bünde eindrangen. Seine Truppen besetzten unter anderem das Unterengadin, Davos, das Prättigau, die Bündner Herrschaft und Chur.

Die militärische Besetzung und die Einschränkung der reformierten Religionsausübung gehörten zu den unmittelbaren Auslösern des Prättigauer Aufstands. Nachdem die Aufständischen die österreichischen Truppen zunächst vertrieben hatten, kehrte Baldiron im Spätsommer 1622 mit einem stärkeren Heer zurück. Seine Truppen besiegten die Bündner bei Aquasana und verwüsteten auf ihrem Vormarsch zahlreiche Ortschaften.

Kardinal Richelieu (1585–1642)

Kardinal Richelieu bestimmte als leitender Minister König Ludwigs XIII. die französische Aussenpolitik. Obwohl Frankreich katholisch war, unterstützte es die reformierten und venezianisch gesinnten Kräfte in den Drei Bünden. Ausschlaggebend war nicht die Religion, sondern der Machtkampf gegen die spanischen und österreichischen Habsburger.

Richelieu betrachtete Graubünden und das Veltlin vor allem als strategische Elemente in diesem europäischen Konflikt. Frankreich unterstützte die Drei Bünde deshalb nur, solange sich deren Ziele mit den französischen Interessen deckten.

François-Annibal d’Estrées, Marquis de Cœuvres (1573–1670)

François-Annibal d’Estrées war ein französischer Diplomat und Heerführer. Als ausserordentlicher Gesandter Frankreichs bei der Eidgenossenschaft und den Drei Bünden sollte er die Rückgewinnung des Veltlins vorbereiten. 1624 übernahm er den Oberbefehl über die französischen Interventionstruppen, die durch bündnerische und eidgenössische Regimenter verstärkt wurden. Frankreich wurde dabei von Venedig und Savoyen unterstützt.

Bis zum Frühjahr 1625 brachte sein Heer das Veltlin, Bormio und Chiavenna unter die Kontrolle der französisch-venezianischen Koalition. Das eigentliche Ziel der Drei Bünde wurde dennoch nicht erreicht: Frankreich gab ihnen die Untertanenlande nicht zurück und einigte sich 1626 im Vertrag von Monzón ohne ihre Mitwirkung mit Spanien. D’Estrées’ militärisch erfolgreicher Feldzug zeigte damit bereits, dass Frankreich in erster Linie seine eigenen strategischen Interessen verfolgte. Später wurde er zum Marschall von Frankreich erhoben.

Henri de Rohan (1579–1638)

Henri de Rohan war ein französischer Herzog, Hugenottenführer und erfahrener Heerführer. Im Auftrag Richelieus übernahm er die Leitung der zweiten französischen Intervention. 1635 besiegte er mit französischen und bündnerischen Truppen die spanisch-österreichischen Streitkräfte im Veltlin.

Rohan wurde von zahlreichen Bündner Offizieren zunächst als Verbündeter betrachtet. Weil Frankreich das zurückeroberte Veltlin jedoch nicht an die Drei Bünde zurückgeben wollte und mit den Soldzahlungen im Rückstand blieb, verlor er ihre Unterstützung. Der von Jenatsch angeführte Kettenbund zwang Rohan 1637 zur Kapitulation und zum Abzug.

Die Folgen der Bündner Wirren

Behauptete Eigenständigkeit

Trotz wiederholter Besetzungen und ausländischer Einflussnahme überlebte der Freistaat der Drei Bünde. Er wurde weder dauerhaft von Österreich noch von Spanien oder Frankreich beherrscht.

Die Rückgewinnung der Untertanengebiete war jedoch mit Zugeständnissen an Spanien verbunden. Die Bündner konnten ihre politische Eigenständigkeit behaupten, mussten aber akzeptieren, dass ihre Aussenpolitik und die konfessionelle Ordnung des Veltlins von den Interessen der Grossmächte mitbestimmt wurden.

Dauerhafte konfessionelle Trennung

Das Veltlin blieb katholisch. Der Versuch, dort eine dauerhafte reformierte Präsenz und Konfessionsfreiheit durchzusetzen, war weitgehend gescheitert. Die während der Wirren entstandenen religiösen Grenzen verfestigten sich.

Tote, Hunger und Pest

Eine zuverlässige Gesamtzahl aller Todesopfer der 21 Jahre lässt sich nicht angeben. Beim Veltliner Mord wurden mehrere Hundert Protestanten getötet. Hinzu kamen die Opfer der Strafgerichte, politischen Morde und militärischen Auseinandersetzungen.

Noch schwerer zu beziffern sind die Folgen von Hunger, Vertreibung und Pest. Durchziehende Truppen plünderten Dörfer, beschlagnahmten Lebensmittel und verbreiteten Krankheiten. Für die Bevölkerung war die indirekte Gewalt des Krieges vermutlich ebenso verheerend wie die eigentlichen Kämpfe.

Wirtschaftliche Verwüstung

Landwirtschaft, Handel und Verkehrswege litten unter Besatzungen und Truppendurchmärschen. Gemeinden und Städte mussten Soldaten einquartieren und versorgen. Chur hatte neben den Einquartierungen auch hohe Kriegsschulden zu tragen.

Mit der Rückgabe des Veltlins erhielten die Drei Bünde zwar erneut Zugriff auf Steuereinnahmen, Ämter und wichtige Handelsverbindungen. Wie schnell sich das Land wirtschaftlich von den Verwüstungen erholte, lässt sich jedoch nicht mit einer einfachen Erfolgsgeschichte erklären.

Verschobene Machtverhältnisse

Die Wirren schwächten einzelne alte Eliten und ermöglichten den Aufstieg neuer Machtfiguren wie Jenatsch. Die Familien Planta und Salis blieben einflussreich, doch die Ereignisse hatten gezeigt, wie gefährlich die Verbindung von Familienpolitik, ausländischen Zahlungen und fehlenden gemeinsamen Institutionen werden konnte.

Fazit: Wie ein innerer Konflikt zum europäischen Krieg wurde

Die Bündner Wirren waren weder nur ein Religionskrieg noch lediglich ein Kampf ausländischer Grossmächte. Familienfehden, politische Rivalitäten, wirtschaftliche Interessen, konfessionelle Ängste und die strategische Bedeutung der Alpenpässe verstärkten sich gegenseitig.

Das Thusner Strafgericht von 1618 sollte angebliche Landesverräter bestrafen. Stattdessen setzte es eine Spirale aus Gegengerichten, Rache und Gewalt in Gang. Der Veltliner Mord, die Niederlage bei Tirano, der Prättigauer Aufstand und die wiederholten Besetzungen machten aus dem inneren Machtkampf einen internationalen Krieg.

Spanien, Österreich, Frankreich und Venedig nutzten die Spaltung der Drei Bünde für ihre eigenen Ziele. Doch auch die Bündner Eliten suchten ausländische Unterstützung, wenn sie sich davon persönliche oder politische Vorteile versprachen.

Am Ende behauptete der Freistaat zwar seine Eigenständigkeit und erhielt seine Untertanengebiete zurück. Der Preis waren zahlreiche Tote, Vertreibungen, wirtschaftliche Verwüstungen und eine konfessionelle Ordnung, die wesentlich von ausländischen Mächten mitbestimmt wurde.

Die Bündner Wirren zeigen, wie ein politisch zersplittertes Gemeinwesen durch innere Feindschaft und ausländische Einflussnahme seine Handlungsfähigkeit verlieren und zum Schlachtfeld mächtiger Nachbarn werden kann.

Quellen und weiterführende Literatur

Diesen Artikel bewerten

Lieber Leser, Deine Meinung interessiert mich!

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.