Die Schweiz blieb während des Ersten Weltkriegs von Kampfhandlungen verschont. Doch im Sommer 1918 wurde das Land von einer Katastrophe erfasst, vor der auch ihre Armee keinen Schutz bieten konnte: der Spanischen Grippe. Sie gehört zu den schwersten demografischen Katastrophen der Schweizer Geschichte. Rund zwei Millionen Menschen erkrankten, etwa 25’000 starben. Besonders schwer traf die Pandemie junge Erwachsene und die im Aktivdienst stehenden Soldaten.
Die Pandemie traf auf eine Bevölkerung, die bereits unter Lebensmittelknappheit, Inflation und den wirtschaftlichen Folgen des Weltkriegs litt. Sie verschärfte bestehende soziale Spannungen und wurde schliesslich auch Teil der politischen Auseinandersetzungen um den Landesstreik vom November 1918.
Zugleich brachte die Krankheit gravierende organisatorische Missstände der Schweizer Armeesanität ans Licht. Eine eigens eingesetzte Untersuchungskommission stellte Anfang 1919 erhebliche Versäumnisse fest.
Eine weltweite Pandemie erreicht die Schweiz
Die Spanische Grippe war eine durch ein Influenza-A-Virus des Subtyps H1N1 verursachte Pandemie, die sich ab 1918 über weite Teile der Welt ausbreitete. Schätzungen der weltweiten Todesopfer liegen bei mehreren zehn Millionen Menschen. Sie forderte damit mehr Menschenleben als der Erste Weltkrieg.
Der Name «Spanische Grippe» ist irreführend. Spanien war nicht das Ursprungsland der Krankheit. Weil das neutrale Spanien keiner kriegsbedingten Pressezensur unterlag, berichteten spanische Zeitungen vergleichsweise offen über die dortige Epidemie. Dadurch entstand ausserhalb Spaniens der Eindruck, die Krankheit sei dort ausgebrochen.
Wo das Virus ursprünglich auf den Menschen übersprang, ist bis heute nicht abschliessend geklärt. Der Erste Weltkrieg begünstigte jedoch seine weltweite Ausbreitung. Millionen Soldaten wurden zwischen den Kontinenten und innerhalb Europas transportiert. Überfüllte Unterkünfte, Truppentransporte und die grossen Bevölkerungsbewegungen schufen günstige Bedingungen für die Übertragung.
Auch in der Schweiz spielten die militärischen Verhältnisse eine wichtige Rolle. Obwohl das Land nicht am Krieg teilnahm, standen seit August 1914 zeitweise Zehntausende Soldaten im Aktivdienst. Hinzu kamen Transporte ausländischer Kriegsverwundeter und die Internierung kranker oder verletzter Angehöriger der kriegführenden Armeen.
Die erste Grippewelle im Sommer 1918
Im Frühsommer 1918 breitete sich die Krankheit in der Schweiz aus. Besonders betroffen waren die Grenzbesetzungstruppen und einzelne Rekrutenschulen. Die Zahl der Erkrankungen stieg innerhalb weniger Tage dramatisch an.
Wie plötzlich die Epidemie einzelne Einheiten traf, dokumentierte später die Untersuchungskommission Bolli anhand der Ereignisse in Villeret im Berner Jura. Dort waren am 1. Juli 1918 von 480 Soldaten zwölf erkrankt. Bereits am folgenden Tag waren es 202 und am 4. Juli 326. Die Verantwortlichen trennten daraufhin erkrankte und gesunde Soldaten, verlangten zusätzliches Sanitätspersonal und organisierten Krankentransporte. Ein Schulhaus wurde zum Feldspital umfunktioniert. Die örtliche Bevölkerung half bei der Beschaffung von Betten und Bettzeug. Dieses Beispiel zeigt, wie rasch sich die Krankheit unter eng zusammenlebenden Soldaten ausbreiten konnte. Es zeigt aber auch, dass einzelne Kommandostellen mit entschlossenem Handeln auf die Krise reagierten.
Andernorts waren die Verhältnisse wesentlich schlechter. Es fehlte an Ärzten, Pflegepersonal, geeigneten Krankenräumen und Transportmitteln. Schwer erkrankte Soldaten mussten teilweise in unzureichend ausgestatteten Unterkünften bleiben, während die Verantwortlichen versuchten, zusätzliche Betten und medizinisches Material zu beschaffen.
Die zweite Welle im Herbst forderte besonders viele Todesopfer
Nach einem vorübergehenden Rückgang der Erkrankungen kehrte die Grippe im Herbst 1918 mit besonderer Heftigkeit zurück. Während die erste Welle vor allem die Westschweiz getroffen hatte, erfasste die zweite nahezu das ganze Land. Ihren Höhepunkt erreichte die Sterblichkeit im November 1918. Nach Angaben des Bundesamtes für Statistik starben zwischen Juli 1918 und Mai 1919 rund 25’000 Menschen an der Grippe. Das Historische Lexikon der Schweiz nennt für die Pandemie 24’449 Todesopfer.
Die Pandemie liess die allgemeine Sterblichkeit drastisch ansteigen. Im Jahr 1918 starben in der Schweiz insgesamt mehr als 75’000 Menschen an sämtlichen Todesursachen zusammen. Das waren rund 41 Prozent mehr als im Vorjahr. Besonders auffällig waren die Monate Oktober und November, in denen jeweils mehr als 10’000 Todesfälle registriert wurden.
Die Krankheit traf keineswegs nur ältere oder gesundheitlich geschwächte Menschen. Besonders gefährdet waren vielmehr junge Erwachsene. Nach den Statistiken des Bundesamtes für Statistik starben 1918 über 7’000 Personen im Alter zwischen 20 und 29 Jahren an der Grippe. Unter den 30- bis 39-Jährigen waren es fast 6’000. Diese ungewöhnliche Altersverteilung unterschied die Spanische Grippe deutlich von gewöhnlichen saisonalen Grippewellen. Viele Verstorbene standen mitten im Berufs- und Familienleben. Ihr Tod hinterliess nicht nur menschliches Leid, sondern häufig auch erhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten für ihre Angehörigen.
Warum war die Spanische Grippe so gefährlich?
Die Spanische Grippe war eine Viruserkrankung, deren Erreger die Medizin von 1918 noch nicht identifizieren konnte. Influenzaviren wurden erst 1933 erstmals isoliert. Den Ärzten standen deshalb weder moderne virologische Untersuchungsverfahren noch wirksame antivirale Medikamente zur Verfügung.
Eine besonders gefährliche Komplikation waren schwere Lungenentzündungen. Häufig handelte es sich um bakterielle Sekundärinfektionen. Antibiotika standen damals noch nicht zur Verfügung. Erst 1928 entdeckte Alexander Fleming das Penicillin, das ab den 1940er-Jahren in grösserem Umfang medizinisch eingesetzt wurde. Die Behandlung der Grippe beschränkte sich deshalb weitgehend auf Pflege, Bettruhe und die Linderung der Beschwerden.
Ein Schweizer Virusgenom aus dem Jahr 1918
Mehr als ein Jahrhundert nach der Pandemie gelang Forschenden der Universitäten Basel und Zürich eine bemerkenswerte Entdeckung. Sie rekonstruierten das Genom eines Influenzavirus aus einem über 100 Jahre alten medizinischen Präparat.
Das untersuchte Gewebe stammte von einem 18-jährigen Patienten aus Zürich, der im Juli 1918 verstorben war. Seine Obduktion hatte während der ersten Grippewelle stattgefunden.
Die 2025 veröffentlichten Forschungsergebnisse zeigen, dass das damalige Virus bereits mehrere wichtige genetische Anpassungen an den menschlichen Organismus besass. Zwei davon betrafen seine Widerstandsfähigkeit gegenüber einer antiviralen Komponente der Immunabwehr. Eine weitere beeinflusste die Bindung an menschliche Zellrezeptoren.
Die Ergebnisse ermöglichen neue Einblicke in die frühe Entwicklung des Pandemievirus in Europa. Sie erklären jedoch nicht, welche konkreten Todesfälle in der Schweiz durch organisatorische oder medizinische Massnahmen hätten verhindert werden können.
Eine Bevölkerung unter den Belastungen des Weltkriegs
Als die Pandemie die Schweiz erreichte, befand sich das Land bereits seit vier Jahren in einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ausnahmesituation.
Der Erste Weltkrieg hatte den internationalen Handel stark beeinträchtigt. Besonders schwer wogen die Abhängigkeit der Schweiz von ausländischen Lebensmittelimporten, die steigenden Preise und die sinkende Kaufkraft. Die Versorgung mit Getreide und weiteren Grundnahrungsmitteln wurde zunehmend schwierig.
Ab 1917 verschärften sich die Engpässe. Teile der Bevölkerung litten unter ungenügender Ernährung. Gleichzeitig waren viele Familien durch den Aktivdienst ihrer Angehörigen wirtschaftlich belastet. Einen ausreichenden Erwerbsersatz für die aufgebotenen Soldaten gab es noch nicht. Die Getreideknappheit und Inflation während des Ersten Weltkriegs bildeten damit den wirtschaftlichen Hintergrund, vor dem die Spanische Grippe auf die Schweizer Bevölkerung traf.
Der bereits geschwächte Gesundheitszustand vieler Menschen und die schwierigen Lebensverhältnisse verschärften die gesellschaftlichen Folgen der Epidemie in der Schweiz.
Die Behörden reagieren mit Verboten und Schutzmassnahmen
Die Bekämpfung der Pandemie stellte Bund, Kantone und Gemeinden vor aussergewöhnliche Herausforderungen. Ein einheitlich organisierter landesweiter Pandemieplan, wie er heute erwartet würde, existierte nicht.
Die Behörden griffen grösstenteils auf Massnahmen zurück, die bereits während der Grippepandemie von 1889/90 angewendet worden waren. Dazu gehörten Versammlungsverbote, Einschränkungen öffentlicher Veranstaltungen, Schulschliessungen, Desinfektionsmassnahmen und die Meldepflicht für Grippeerkrankungen.
Die konkrete Umsetzung unterschied sich von Kanton zu Kanton. Die Kantonsbehörden mussten auf die örtliche Entwicklung der Epidemie reagieren und gleichzeitig wirtschaftliche Interessen, das öffentliche Leben und die Akzeptanz der Bevölkerung berücksichtigen.
Das Beispiel Zürich
Im Kanton Zürich wurden 1918 nahezu 100’000 Grippeerkrankungen gemeldet. Zwischen Juli und Dezember starben 2’370 Menschen an der Krankheit.
Am 25. Juli 1918 führte der Kanton eine Meldepflicht ein und untersagte grössere Veranstaltungen. In der Stadt Zürich mussten die Schulen während der Epidemie insgesamt fast ein Vierteljahr ganz oder teilweise geschlossen bleiben. Die Zürcher Trams wurden zweimal täglich mit Formalin desinfiziert.
In Winterthur waren Tanzveranstaltungen in geschlossenen Räumen während mehrerer Wochen verboten. Andere Gemeinden erliessen zusätzliche Vorschriften für Erkrankte und Genesende.
Die damaligen Massnahmen zeigen, dass die Einschränkung gesellschaftlicher Kontakte keineswegs erst im 21. Jahrhundert zu den Mitteln der Seuchenbekämpfung gehörte. Allerdings konnten die zuständigen Behörden 1918 weder den Krankheitserreger zuverlässig nachweisen noch auf die heutigen Möglichkeiten der Intensivmedizin und Impfstoffentwicklung zurückgreifen.
Das Schweizerische Rote Kreuz im Kampf gegen die Epidemie
Eine zentrale Rolle bei der Versorgung der Erkrankten spielte das Schweizerische Rote Kreuz (SRK). Seine freiwilligen Helfer, Krankenschwestern und Rotkreuzkolonnen unterstützten die militärischen und zivilen Gesundheitsdienste.
Bereits während des Krieges hatte das Rote Kreuz umfangreiche Aufgaben übernommen. Dazu gehörten die Versorgung internierter ausländischer Soldaten, die Organisation von Krankentransporten und die Bereitstellung von medizinischem Material.
Mit dem Ausbruch der Spanischen Grippe stieg der Bedarf an Pflegepersonal und Spitalplätzen sprunghaft an. Zusätzliche Notspitäler mussten eingerichtet und bestehende Einrichtungen erweitert werden. Schulen, öffentliche Gebäude und andere geeignete Räumlichkeiten wurden vorübergehend zur Unterbringung von Erkrankten genutzt.
Die Armee beanspruchte einen erheblichen Teil des verfügbaren Pflegepersonals. Dadurch fehlten ausgebildete Krankenschwestern in den zivilen Spitälern. Gleichzeitig erkrankten zahlreiche Ärzte und Pflegende selbst. In einem Bericht vom 26. September 1918 an die vom Bundesrat und der Armeeführung eingesetzte Untersuchungskommission beschrieb das Schweizerische Rote Kreuz seine Tätigkeit vor und während der Mobilmachung sowie die Unterstützung während der Grippeepidemie. Der Bericht dokumentiert die Bereitstellung von Spitalmaterial, Krankenwäsche, Betten und Pflegepersonal. Er zeigt damit, wie stark die militärische Gesundheitsversorgung von der Hilfe ausserhalb der eigentlichen Armeesanität abhängig geworden war.
1’805 Grippetote in der Schweizer Armee
Nach den vom Bundesamt für Statistik übernommenen amtlichen Angaben starben insgesamt 1’805 Angehörige der Schweizer Armee an der Spanischen Grippe.
Besonders schwer traf die Epidemie die Grenzbesetzungstruppen und einzelne Rekrutenschulen. Die Soldaten lebten häufig in einfachen, dicht belegten Unterkünften. Über längere Zeiträume mussten sie unter Bedingungen Dienst leisten, die ursprünglich eher für kurze militärische Wiederholungskurse vorgesehen waren.
Die ersten schweren Ausbrüche im Sommer 1918 zeigten, dass viele militärische Einrichtungen auf eine grosse Zahl gleichzeitig erkrankter Soldaten nicht vorbereitet waren. Es fehlte an geeigneten Krankenzimmern, Betten, Bettwäsche, Thermometern und Transportmitteln. Schwer Erkrankte mussten vielfach über weite Strecken in andere Spitäler gebracht werden. Auch die Zahl der verfügbaren Ärzte und Pflegekräfte reichte nicht aus.
Diese Missstände wurden in der Presse angeprangert und sind im späteren Untersuchungsbericht der Kommission Bolli dokumentiert.
General Wille und der Streit um die Verantwortung
Oberbefehlshaber der Schweizer Armee war seit August 1914 General Ulrich Wille. Generalstabschef war Theophil Sprecher von Bernegg. Die Leitung des militärischen Sanitätsdienstes lag bei Armeearzt Oberst Dr. Hauser.
Als im Juli 1918 immer mehr Berichte über die Missstände erschienen, geriet insbesondere Hauser unter öffentlichen Druck. Am 25. Juli verlangte er selbst eine Untersuchung seiner Amtsführung.
General Wille unterstützte eine Untersuchung, wollte deren Durchführung und Zusammensetzung jedoch innerhalb seiner militärischen Befugnisse halten. Der Bundesrat und parlamentarische Kreise bestanden dagegen darauf, dass auch die zivilen Behörden Einfluss auf die Aufarbeitung nehmen müssten.
Aus den erhaltenen Schreiben geht hervor, dass Wille bei der Auswahl der Kommissionsmitglieder nicht nur medizinische Fachkenntnisse berücksichtigte. Er dachte ausdrücklich auch an die politische Wirkung der Untersuchung und die Haltung einzelner Persönlichkeiten gegenüber der Armeeführung. Damit entwickelte sich die Grippekrise zusätzlich zu einer Auseinandersetzung über die Kompetenzen zwischen militärischer Führung und zivilen Bundesbehörden.
Wille räumte Nachlässigkeiten ein
In einem Brief vom 17. Oktober 1918 an den Vorsitzenden der Untersuchungskommission kritisierte Wille die Verhältnisse im militärischen Sanitätswesen selbst ungewöhnlich scharf.
Er räumte Nachlässigkeiten bei der Versorgung erkrankter Soldaten ein und stellte die Ausbildung des militärischen Sanitätspersonals infrage. Nach seinen eigenen Beobachtungen hätten manche Sanitätssoldaten kaum Kenntnisse in der eigentlichen Krankenpflege besessen.
Wille machte allerdings nicht in erster Linie Armeearzt Hauser verantwortlich. Vielmehr sah er die Ursachen in einem seit Langem bestehenden, unzureichenden System, in der mangelhaften Ausbildung des militärischen Sanitätspersonals sowie in der Dienstauffassung einzelner Truppenärzte. Diese Argumentation sollte auch seine spätere Stellungnahme zum Untersuchungsbericht prägen.
Die Untersuchungskommission Bolli
Im August 1918 einigten sich der Bundesrat und General Wille auf die Einsetzung der «Kommission betreffend Untersuchung der Militärsanität». Den Vorsitz übernahm der Schaffhauser Ständerat Beat Heinrich Bolli.
Die Kommission hatte den Auftrag, sowohl die Amtsführung des Armeearztes zu prüfen als auch das gesamte Armee- und Territorial-Sanitätswesen zu untersuchen. Im Mittelpunkt standen insbesondere die Organisation des Sanitätsdienstes, die Versorgung der Truppen während der Grippeepidemie und die Zusammenarbeit zwischen militärischen und territorialen Behörden. Sie erhielt Zugang zu den einschlägigen Akten und konnte militärische Einrichtungen besichtigen sowie Auskünfte von Angehörigen der Armee verlangen.
Im Laufe der Untersuchung wurden zahlreiche Beschwerden eingereicht. Sie betrafen unter anderem die Behandlung erkrankter Soldaten, die hygienischen Verhältnisse, die Benachrichtigung von Angehörigen sowie Versicherungs- und Entschädigungsfragen.
Die Kommission hatte jedoch keine richterlichen Befugnisse. Sie konnte Missstände und Verantwortlichkeiten feststellen und Verbesserungen empfehlen. Über allfällige disziplinarische oder weitere Massnahmen mussten die zuständigen Behörden entscheiden.
Die Missstände der Armeesanität
Besonders aufschlussreich sind die im Bericht der Untersuchungskommission Bolli enthaltenen Darstellungen zu den Ereignissen in der 3. Division im Jura.
In mehreren Ortschaften mussten erkrankte Soldaten zunächst mit Räumlichkeiten und Einrichtungen vorliebnehmen, die für einen kurzen Wiederholungskurs ausgereicht hätten, nicht aber für die Bewältigung einer schweren Epidemie. Der Bericht hält fest, dass fieberkranke Soldaten teilweise noch tagelang auf Stroh liegen mussten, weil geeignete Betten nicht rechtzeitig verfügbar waren. Hinzu kamen unzureichende Transportmöglichkeiten und lange Transportwege für erkrankte Soldaten.
In Delsberg schilderte die Kommission besonders bedrückende Zustände. Schwerkranke Soldaten lagen eng nebeneinander, während das vorhandene Personal nicht ausreichte, um alle Patienten angemessen zu betreuen. Teilweise mussten Erkrankte mit hohem Fieber ihre Unterkunft verlassen, um die Toilette aufzusuchen.
In Biel überforderte die rasch steigende Zahl Erkrankter die vorhandenen Krankenzimmer und das Sanitätspersonal. Ein Versorgungsdienst, der zunächst mit 80 Patienten gerechnet hatte, musste plötzlich für rund 200 Erkrankte sorgen. Nach dem Untersuchungsbericht blieb deshalb eine grössere Zahl Kranker einen Tag lang ohne Verpflegung.
Die Untersuchungskommission bestätigte damit, dass zahlreiche Vorwürfe gegen die Armeesanität auf tatsächlichen Missständen beruhten.
Der Schlussbericht vom 24. Januar 1919
Am 24. Januar 1919 schloss die Untersuchungskommission ihren Bericht ab. Das umfangreiche Dokument ist eine der wichtigsten zeitgenössischen Quellen zur Krise der Schweizer Armeesanität während der Spanischen Grippe.
Die Kommission bestätigte erhebliche Missstände. In ihren Schlussfolgerungen hielt sie ausdrücklich fest:
«Immerhin war der Sanitätsdienst zur Bekämpfung der Grippe nicht genügend vorbereitet. Es fehlte an der festen und sichern Leitung.»
Die Kommission beanstandete ausserdem ungenügende Unterkünfte und fehlende medizinische Ausrüstung. Als Ursachen nannte sie unter anderem:
- die jahrelange Unterschätzung der Bedeutung des Sanitätsdienstes durch politische und militärische Stellen;
- ungenügende finanzielle Mittel für die erforderliche Ausrüstung;
- die organisatorische Trennung zwischen Armee- und Territorialdienst;
- daraus entstandene Kompetenzkonflikte;
- die Überlastung des Armeearztes durch zusätzliche Aufgaben im Interniertenwesen;
- unterschiedliche Auffassungen der Truppenkommandanten über die Stellung des Sanitätsdienstes;
- eine teilweise mangelhafte Dienstauffassung innerhalb des Sanitätspersonals;
- fehlende Entscheidungs- und Finanzkompetenzen bei den zuständigen Stellen.
Die Kommission stellte zudem fest, dass der Sanitätsdienst organisatorisch nicht ausreichend an den seit 1914 andauernden Aktivdienst angepasst worden war. Zu lange hatte man sich an Strukturen orientiert, die für kürzere militärische Dienste wie Wiederholungskurse vorgesehen waren.
Keine alleinige Verantwortung des Armeearztes
Trotz ihrer deutlichen Kritik lehnte es die Kommission ab, sämtliche Fehler einer einzigen Person anzulasten. Sie verwies auf die komplexen organisatorischen Verhältnisse, unzureichende Mittel und die Verteilung der Zuständigkeiten. Zugleich hielt sie fest, dass neben erheblichen Versäumnissen zahlreiche Angehörige des Sanitätsdienstes, Soldaten und zivile Helfer grossen persönlichen Einsatz geleistet hatten.
Die Kommission differenzierte auch zwischen berechtigten Beschwerden und übertriebenen oder unzutreffenden Anschuldigungen. Ihr Bericht bestätigt somit keineswegs jeden zeitgenössischen Vorwurf gegen die Armeeführung. Er dokumentiert aber eindeutig, dass die Vorbereitung und Organisation des Sanitätsdienstes erhebliche Schwächen aufwiesen.
Primärquelle: Bericht der Kommission zur Untersuchung des Armee- und Territorial-Sanitätswesens vom 24. Januar 1919 (PDF), insbesondere die Schlussfolgerungen auf den Originalseiten 67–70.
General Wille verteidigt die Armeeführung
Am 4. März 1919 nahm General Wille schriftlich zum Untersuchungsbericht Stellung. Er bestritt nicht, dass der Sanitätsdienst ungenügend vorbereitet gewesen war und dass es in der Anfangsphase an notwendigen Einrichtungen gefehlt hatte. Er anerkannte auch, dass ein Teil der öffentlichen Beschwerden berechtigt war.
Wille wehrte sich jedoch gegen die persönliche Verantwortlichmachung der militärischen Führung und des Armeearztes. Er verwies auf den überraschenden Ausbruch der Epidemie und auf die begrenzten medizinischen Möglichkeiten jener Zeit. Sein Hauptargument war, dass die Ausbildung der Militärärzte und deren Verständnis ihrer Aufgaben ungenügend gewesen seien. Die militärische Ausbildung habe zu wenig Gewicht auf die praktische Krankenpflege gelegt.
Hier zeigt sich ein wesentlicher Unterschied zwischen Wille und der Untersuchungskommission. Während die Kommission eine Vielzahl organisatorischer und finanzieller Ursachen hervorhob, konzentrierte sich Wille besonders auf die Ausbildung und die Dienstauffassung des Sanitätspersonals. Seine Stellungnahme unterscheidet sich deshalb vor allem darin, wie er die Ursachen der Missstände erklärte und wem er die Verantwortung dafür zuschrieb.
Der Bundesrat anerkennt den Reformbedarf
Am 24. März 1919 befasste sich der Bundesrat mit dem Schlussbericht und der Stellungnahme Willes.
Das Militärdepartement räumte ein, dass die Organisation des Sanitätsdienstes zahlreiche Mängel aufwies. Es verwies insbesondere auf die komplizierten Zuständigkeiten, schwerfällige Verwaltungsverfahren und die fehlende Selbständigkeit einzelner Dienststellen.
Der Bundesrat beauftragte das Militärdepartement, die beanstandeten Verhältnisse zu prüfen und Verbesserungen vorzubereiten. Dazu gehörten organisatorische Reformen und die Überprüfung der Vorbereitung auf künftige Epidemien.
Gleichzeitig widersprach das Militärdepartement einzelnen Feststellungen der Kommission. Dabei ging es insbesondere um die rund einjährige Verzögerung bei der Bewilligung eines Kredits zur Reorganisation militärischer Sanitätseinrichtungen sowie um die Frage, ob frühere Empfehlungen zur Verbesserung der Kasernenhygiene ausreichend umgesetzt worden waren. Der Bundesrat beschloss deshalb, bestimmte Passagen des Berichts redaktionell bereinigen beziehungsweise richtigstellen zu lassen. Die Veröffentlichung sollte zunächst nur in beschränktem Umfang erfolgen. Über eine breitere Verteilung an Parlament und Presse war später zu entscheiden.
Der erste Druck des Kommissionsberichts umfasste lediglich 30 Exemplare. Ein Teil davon war ausdrücklich als vertraulich gekennzeichnet. Diese Vorgänge dokumentieren den politisch sensiblen Umgang mit den Untersuchungsergebnissen.
Die Spanische Grippe und der Landesstreik
Die zweite Grippewelle traf die Schweiz in einer Phase ausserordentlicher sozialer und politischer Spannungen, die durch die Pandemie zusätzlich verschärft wurden. Obwohl vielerorts pandemiebedingte Versammlungsverbote galten, kam es im November 1918 zu grossen Demonstrationen und schliesslich zum Landesstreik. Angesichts der zunehmenden Unruhen ordnete der Bundesrat ein umfangreiches Militäraufgebot an, um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten.
Unter den aufgebotenen Soldaten kam es zu zahlreichen Grippeerkrankungen und Todesfällen. Diese wurden zum Gegenstand heftiger politischer Auseinandersetzungen über die Verantwortung für die Opfer. Auch die Untersuchung der Armeesanität wurde durch den Landesstreik beeinträchtigt. So musste eine für den 14. November 1918 vorgesehene Sitzung der Kommission Bolli wegen der Ereignisse verschoben werden.
Was blieb von der Katastrophe?
Die Spanische Grippe gab den Anstoss zu Verbesserungen im militärischen Sanitätswesen. Sie hinterliess zudem tiefe Spuren in der Schweizer Bevölkerung. Tausende Familien hatten Angehörige verloren, zahlreiche Kinder waren zu Halbwaisen oder Waisen geworden. Während die Erinnerung an die Katastrophe bei den Betroffenen und ihren Familien noch lange lebendig blieb, geriet die Pandemie im öffentlichen Bewusstsein mit der Zeit zunehmend in den Hintergrund. Insbesondere die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs überlagerten später die Erinnerung an die Zeit des Ersten Weltkriegs und damit auch an die Spanische Grippe.
Als im Jahr 2020 die Covid-19-Pandemie ausbrach, konnte die Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr auf persönliche Erfahrungen mit einer vergleichbaren Gesundheitskrise zurückgreifen. Auch die einschneidenden behördlichen Massnahmen von 1918 waren weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Das hat dazu beigetragen, dass die erneuten erheblichen Einschränkungen des öffentlichen Lebens auf Unverständnis und Widerstand von besonders freiheitsliebenden Teilen der Bevölkerung stiessen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Schweizerisches Bundesarchiv (1919): Bericht der Kommission zur Untersuchung des Armee- und Territorial-Sanitätswesens vom 24. Januar 1919. Originalbericht der Untersuchungskommission unter dem Vorsitz von Heinrich Bolli, insbesondere S. 5–10, 56–65 und 67–70.
- Schweizerisches Bundesarchiv (1918–1919): Korrespondenz und Protokolle zur Untersuchung des Armee- und Territorial-Sanitätswesens, darunter Schreiben von General Ulrich Wille, Generalstabschef Theophil Sprecher von Bernegg und Kommissionspräsident Beat Heinrich Bolli sowie die Bundesratsbeschlüsse vom 24. März und 15. April 1919.
- Bundesamt für Statistik (2018): Die Spanische Grippe von 1918 – Todesfälle in der Schweiz auf Rekordniveau. Demografische Untersuchung zur Sterblichkeit während der Pandemie.
- Christian Sonderegger (2017): Grippe. Historisches Lexikon der Schweiz.
- Schweizerisches Rotes Kreuz: Der Kampf gegen die Spanische Grippe (1918–1919). Historischer Überblick über die Epidemie und die Tätigkeit des Roten Kreuzes.
- Martina Fritz, Maria Schmidlin und Kevin Vautrot: Die Spanische Grippe in der Schweiz. Historisches Institut der Universität Bern.
- Martina Fritz (2021): Händewaschen und Abstand halten: Der behördliche Umgang von Bund, Kanton Bern und dessen Ämtern und Gemeinden mit der Spanischen Grippe von 1918 bis 1920. Universität Bern.
- Zentralbibliothek Zürich: Die Spanische Grippe in Zürich erzählen. Historische Quellen zur Epidemie, ihrer Darstellung in der Presse und der Erinnerungskultur.
- Universität Zürich (2025): Schweizer Virusgenom der Spanischen Grippe entschlüsselt. Medienmitteilung vom 14. Juli 2025 über die genetische Untersuchung eines historischen Influenzavirus.
- Urban, Christian et al. (2025): An ancient influenza genome from Switzerland allows deeper insights into host adaptation during the 1918 flu pandemic in Europe. BMC Biology.
Weiterführend auf DailyTalk: Die Schweiz im Ersten Weltkrieg: Getreideknappheit und Inflation sowie das Dossier Schweizer Geschichte.
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