Die Schweiz im Ersten Weltkrieg: Getreideknappheit und Inflation

Die Schweiz blieb während des Ersten Weltkriegs von militärischen Angriffen und grossflächigen Zerstörungen verschont. Dennoch gerieten Hunderttausende Menschen in wirtschaftliche Not. Getreideknappheit, unterbrochene Handelswege, eine massive Inflation und sinkende Reallöhne belasteten die Bevölkerung. Gleichzeitig erzielten Teile der Schweizer Industrie hohe Kriegsgewinne. Die wirtschaftliche Krise verschärfte die gesellschaftlichen Gegensätze und trug wesentlich zum Landesstreik von 1918 bei.

Als im August 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, mobilisierte die Schweiz ihre Armee und bereitete sich auf eine mögliche Verletzung ihrer Neutralität vor. Die militärische Landesverteidigung stand im Mittelpunkt der staatlichen Massnahmen. Die wirtschaftliche Versorgung des Landes war dagegen nicht auf einen längeren Krieg vorbereitet.

Die Folgen wurden in den vier Kriegsjahren immer deutlicher. Die Schweiz war bei der Versorgung mit lebenswichtigen Rohstoffen und Lebensmitteln stark vom Ausland abhängig. Die Wirtschaftsblockaden und Handelsbeschränkungen der kriegführenden Mächte erschwerten zunehmend die Einfuhr dieser Güter. Gleichzeitig verloren viele Familien durch den Militärdienst einen erheblichen Teil ihres Einkommens.

Die Versorgungsengpässe und steigenden Importkosten trieben die Preise in die Höhe. Die Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank und die Finanzierung der Mobilmachung verstärkten den Inflationsdruck zusätzlich. Gleichzeitig verschärften die fehlende Erwerbsentschädigung für Wehrmänner und die unzureichende soziale Absicherung die wirtschaftliche Not vieler Familien.

Die Schweiz war auf Getreideimporte angewiesen

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg konnte die Schweizer Landwirtschaft den Bedarf der Bevölkerung an Brotgetreide nicht aus eigener Produktion decken. Die zunehmende Industrialisierung, das Bevölkerungswachstum und die Ausrichtung der Landwirtschaft auf Viehhaltung und Milchwirtschaft hatten die Abhängigkeit von ausländischem Getreide verstärkt.

Unter normalen wirtschaftlichen Bedingungen war diese Arbeitsteilung vorteilhaft. Die Schweiz konnte Getreide auf dem internationalen Markt einkaufen und sich auf landwirtschaftliche und industrielle Erzeugnisse konzentrieren, bei denen sie wirtschaftliche Vorteile besass.

Mit dem Kriegsausbruch wurde die Abhängigkeit von Getreideimporten jedoch zunehmend zum Problem. Die Schweiz verfügte über keinen eigenen Seehafen und war für die Einfuhr von Überseegetreide auf ausländische Häfen, Eisenbahnverbindungen und die Zustimmung der kriegführenden Staaten angewiesen.

Seeblockaden und Handelsbeschränkungen

Die britische Seeblockade gegen die Mittelmächte und der deutsche U-Boot-Krieg beeinträchtigten den internationalen Seehandel. Für die neutrale Schweiz bedeutete dies, dass selbst Lebensmittelimporte zunehmend von politischen und militärischen Entscheidungen anderer Staaten abhängig wurden.

Die Alliierten wollten verhindern, dass über neutrale Länder eingeführte Waren an Deutschland und Österreich-Ungarn weitergelangten. Deshalb wurden Lieferungen kontrolliert und an Bedingungen geknüpft. Auch die Mittelmächte setzten wirtschaftliche Lieferungen als politisches Druckmittel ein. Die Schweiz musste ihre Handelsbeziehungen mit beiden Kriegsparteien aufrechterhalten, ohne deren wirtschaftliche Interessen vollständig erfüllen zu können.

Ab 1917 verschärfte sich die Lage. Der uneingeschränkte deutsche U-Boot-Krieg, der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten und schlechte Ernten in wichtigen Anbauländern erschwerten die Versorgung zusätzlich. Die grundlegende Schwäche der schweizerischen Landesversorgung kam deutlich zutage: Die politische Neutralität garantierte weder freien Zugang zu den Weltmärkten noch die ungehinderte Einfuhr lebenswichtiger Güter.

Missernten verschärften die Versorgungskrise

Neben der starken Importabhängigkeit, den unzureichenden Lebensmittelreserven und den kriegsbedingten Handelsbeschränkungen verschärften aussergewöhnlich schlechte Witterungsverhältnisse die Versorgungskrise zusätzlich. Der kalte und niederschlagsreiche Sommer 1916 sowie das ungewöhnlich kalte Frühjahr 1917 führten zu erheblichen Ernteausfällen.

Im Kanton Bern lag die Kartoffelernte 1916 um 39 Prozent unter dem Durchschnitt der Vorjahre. Schnee und anhaltende Regenfälle beeinträchtigten zudem die Heuernte und damit die Milchproduktion. Nach Untersuchungen des Berner Umwelthistorikers Christian Pfister gingen die Milcherträge zwischen April 1916 und April 1917 um rund 60 Prozent zurück. Die Missernten trafen damit auf eine bereits kritische Landesversorgung und verschärften die bestehende Lebensmittelknappheit.

Lebensmittelrationierung ab 1917

Die Schweizer Behörden hatten zunächst auf eine begrenzte Kriegsdauer gesetzt. Entsprechend fehlten ausreichende Vorräte, organisatorische Strukturen und umfassende Konzepte für eine mehrjährige Versorgungskrise.

Während die militärische Mobilmachung rasch erfolgte, entwickelte sich die wirtschaftliche Landesversorgung schrittweise und unter zunehmendem Druck. Erst als sich die Versorgungslage 1917 erheblich verschärfte, ordnete der Bund neben der Rationierung wichtiger Lebensmittel auch den verstärkten Anbau von Getreide an. Mit einer Anbaupflicht, Preisgarantien und staatlichen Abnahmeverpflichtungen versuchte er, die einheimische Produktion zu steigern und die Abhängigkeit von Importen zu verringern.

Die Einführung der Rationierung

  • März 1917: Beginn kantonaler Rationierungen, zunächst für Reis und Zucker.
  • 1917: Ausdehnung auf weitere Lebensmittel, darunter Mais, Teigwaren, Hafer und Gerste.
  • Oktober 1917: Schweizerische Rationierung von Brot und Mehl.
  • März 1918: Rationierung von Butter, Fett und Öl.
  • Juni 1918: Rationierung von Käse.
  • Juli 1918: Rationierung von Milch.
Originale Brotkarte der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom Oktober 1917 mit Lebensmittelcoupons für täglich 250 Gramm Brot.
Brotkarte der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom Oktober 1917. Die tägliche Brotration betrug 250 Gramm. Zusätzlich waren monatlich 500 Gramm Mehl vorgesehen. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen, W 200/61.

Obwohl die Schweiz über eine bedeutende Milchwirtschaft verfügte, wurden gegen Kriegsende auch Milch und Käse knapp. Die eingeschränkten Futtermittelimporte, der Rückgang des Viehbestands und die staatlich angeordnete Ausweitung des Getreide- und Kartoffelanbaus führten zu einer sinkenden Milchproduktion. Gleichzeitig musste die verfügbare Milch zwischen dem direkten Konsum und der Herstellung von Käse, Butter und anderen Milchprodukten aufgeteilt werden. Im Juni 1918 wurde deshalb Käse landesweit rationiert, im Juli folgte die Milch.

Die Rationierung sollte die verfügbaren Lebensmittel gerechter verteilen und verhindern, dass zahlungskräftige Bevölkerungsschichten die knappen Vorräte aufkauften. Sie konnte jedoch nicht verhindern, dass sich die Versorgungslage vieler Familien verschlechterte. Denn Lebensmittelkarten allein gewährleisteten nicht, dass die Haushalte die ihnen zustehenden Waren auch bezahlen konnten. Die Krise bestand aus zwei miteinander verbundenen Problemen: der tatsächlichen Verknappung wichtiger Güter und dem Verlust der Kaufkraft.

Die Inflation: Eine wirtschaftliche Katastrophe für die Bevölkerung

Die Lebensmittelknappheit verschärfte nicht nur die Versorgungslage, sondern trieb auch die Preise in die Höhe. Steigende Import- und Transportkosten sowie die Geldpolitik verstärkten den Inflationsdruck zusätzlich.

Zwischen 1914 und 1918 stiegen die Lebenshaltungskosten massiv. Besonders betroffen waren Lebensmittel, Brennstoffe und andere Güter des täglichen Bedarfs. Gemäss dem Historischen Lexikon der Schweiz erhöhten sich die Lebenshaltungskosten während des Krieges um rund 130 Prozent, in den Städten sogar um etwa 150 Prozent. Ein Warenkorb, der vor dem Krieg 100 Franken gekostet hatte, erforderte damit gegen Kriegsende durchschnittlich rund 230 Franken. In den Städten konnte die entsprechende Belastung noch höher ausfallen.

Diese Zahlen verdeutlichen, weshalb selbst Familien mit regelmässigem Einkommen zunehmend Schwierigkeiten hatten, ihren Lebensunterhalt zu finanzieren.

Die Löhne konnten mit der Teuerung nicht Schritt halten

Die Nominallöhne stiegen während des Krieges zwar in verschiedenen Branchen, jedoch wesentlich langsamer als die Preise. Eine wirtschaftshistorische Untersuchung in der Zeitschrift «Die Volkswirtschaft» beziffert den Anstieg der Nominallöhne während der vier Kriegsjahre auf rund 62 Prozent bei Männern und 57 Prozent bei Frauen. Gleichzeitig verdoppelten sich die Konsumentenpreise ungefähr. Das bedeutete einen erheblichen Verlust an Kaufkraft. Das Historische Lexikon der Schweiz beziffert den Rückgang der Reallöhne bis 1918 auf etwa 25 bis 30 Prozent.

Die Menschen konnten sich mit ihrem Arbeitseinkommen also deutlich weniger leisten als vor dem Krieg. Besonders hart traf dies Arbeiterfamilien, Angestellte mit niedrigen Einkommen und Haushalte ohne finanzielle Reserven.

Während steigende Preise für wohlhabendere Bevölkerungsschichten vor allem eine zusätzliche Belastung bedeuteten, waren sie für einkommensschwache Familien existenzbedrohend.

Die Schweizerische Nationalbank und die Inflation

Die Teuerung war jedoch nicht allein die Folge von Lebensmittelknappheit, höherer Importpreise und gestörter Handelswege. Auch die Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank (SNB) und die Finanzierung der ausserordentlichen Staatsausgaben spielten eine wesentliche Rolle.

1914: Die Goldeinlösung wird aufgehoben

Vor dem Krieg war der Schweizer Franken in das internationale Goldwährungssystem eingebunden. Mit dem Kriegsausbruch geriet dieses System unter Druck. Am 30. Juli 1914 hob der Bundesrat die Verpflichtung der Nationalbank auf, Banknoten gegen Metallgeld einzulösen. Gleichzeitig erhielten Banknoten den Status eines gesetzlichen Zahlungsmittels.

Damit konnte die Geldversorgung flexibler gestaltet werden. Die Massnahme sollte insbesondere verhindern, dass die Bevölkerung in der allgemeinen Unsicherheit massenhaft Banknoten gegen Gold eintauschte und dadurch das Finanzsystem destabilisiert wurde. Die Aufhebung der Goldeinlösungspflicht ermöglichte jedoch auch eine stärkere Ausweitung des Banknotenumlaufs und verstärkte damit den Inflationsdruck.

Der Bund finanzierte Kriegsausgaben über die Nationalbank

Die Mobilmachung und die militärische Landesverteidigung verursachten erhebliche Kosten. Der Bund musste die Armee ausrüsten, versorgen und über längere Zeit einsatzbereit halten. Zur Finanzierung griff er unter anderem auf Kredite der Schweizerischen Nationalbank zurück.

Die SNB übernahm kurzfristige Schatzanweisungen des Bundes und weitete gleichzeitig ihre Kreditgewährung aus. Dadurch nahm der Banknotenumlauf stark zu. Nach Angaben der Nationalbank stieg der durchschnittliche Notenumlauf von rund 335 Millionen Franken im Jahr 1914 auf rund 733 Millionen Franken im Jahr 1918.

Die Ausweitung der Geldmenge traf auf ein durch den Krieg eingeschränktes Angebot an Waren. Damit verstärkte sich der Inflationsdruck. 1918 erreichte die jährliche Inflationsrate rund 25 Prozent. Dies war nach Angaben der Nationalbank die höchste Jahresinflation ihrer Geschichte.

War die Nationalbank für die Inflation verantwortlich?

Schon während des Krieges entstand eine Kontroverse über die Verantwortung für die Teuerung. Kritiker warfen der Nationalbank vor, durch die Ausweitung der Geldmenge und die Finanzierung des Bundes die Inflation erheblich verstärkt zu haben.

Die Nationalbank argumentierte dagegen, dass vor allem die stark gestiegenen Preise importierter Güter für die Teuerung verantwortlich seien. Die zusätzliche Ausgabe von Banknoten betrachtete sie weitgehend als notwendige Reaktion auf den erhöhten Geldbedarf.

Die wirtschaftshistorische Forschung misst der Geldpolitik heute eine wesentlich grössere Bedeutung bei, als die Schweizerische Nationalbank selbst während des Ersten Weltkriegs einräumte. Der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann hebt insbesondere die zunehmende direkte Staatsfinanzierung durch die SNB ab 1916 hervor. Die damit verbundene Ausweitung der Geldmenge trug entscheidend zur inflationären Entwicklung bei.

Die Inflation war somit nicht allein auf die kriegsbedingten Versorgungsengpässe und steigenden Importkosten zurückzuführen. Auch die geldpolitischen Massnahmen, mit denen die Schweizerische Nationalbank auf die ausserordentlichen finanziellen und politischen Anforderungen des Krieges reagierte, trugen zur Teuerung bei.

Militärdienst ohne ausreichenden Erwerbsersatz

Eine weitere Ursache der sozialen Not war die finanzielle Belastung durch den Aktivdienst. Hunderttausende Schweizer Männer wurden während des Krieges wiederholt zum Militärdienst aufgeboten. Für viele Familien bedeutete dies, dass der wichtigste Ernährer während Wochen oder Monaten seinem Beruf nicht nachgehen konnte.

Ein allgemeines Erwerbsersatzsystem, wie es die Schweiz heute kennt, existierte damals nicht. Die militärische Besoldung konnte den entfallenden Lohn nicht ausgleichen. Besonders betroffen waren Arbeiter, kleine Gewerbetreibende und Familien, die bereits vor dem Krieg nur über geringe finanzielle Reserven verfügten. Die Situation war widersprüchlich: Der Staat verlangte von den Wehrmännern, ihre zivile Erwerbstätigkeit zugunsten der Landesverteidigung zu unterbrechen, bot ihren Familien aber keinen umfassenden finanziellen Ausgleich.

Gleichzeitig stiegen die Lebenshaltungskosten. Die Kombination aus Einkommensausfall und Inflation führte dazu, dass sich zahlreiche Haushalte verschulden mussten oder auf Unterstützung angewiesen waren.

Kriegsgewinne und wachsende soziale Ungleichheit

Nicht alle Bevölkerungsschichten litten gleich stark unter den wirtschaftlichen Folgen des Krieges. Während viele Arbeiterfamilien verarmten, konnten einzelne Unternehmen und Wirtschaftszweige von der ausserordentlichen Nachfrage der kriegführenden Staaten profitieren.

Insbesondere Teile der Metall-, Maschinen-, Chemie-, Uhren- und Textilindustrie erzielten hohe Gewinne. Auch Unternehmen der Nahrungsmittelwirtschaft sowie Zwischenhändler profitierten von den besonderen Marktbedingungen. Die Kriegskonjunktur verlief allerdings keineswegs in allen Branchen gleich. Exportbeschränkungen, Rohstoffmangel und unterbrochene Absatzmärkte belasteten andere Unternehmen erheblich.

Dennoch verstärkten die sichtbaren Kriegsgewinne einzelner Unternehmen die Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Besonders problematisch erschien vielen Arbeitern, dass Unternehmen ihren Aktionären hohe Dividenden ausschütteten, während ihre Reallöhne sanken und die Preise für lebenswichtige Güter stiegen. Die sozialen Gegensätze wurden durch die ungleiche Verteilung der wirtschaftlichen Kriegsfolgen verschärft.

Wohnungsnot und steigende Lebenshaltungskosten

Neben den Lebensmittelpreisen belastete auch die Wohnsituation zahlreiche Familien. Der Krieg führte zu einem starken Rückgang der Bautätigkeit. Gleichzeitig blieb die Nachfrage nach Wohnraum insbesondere in den Städten hoch. Die Folge waren Wohnungsknappheit und steigende Mieten.

Für Arbeiterfamilien bedeutete dies eine zusätzliche Belastung. Ein immer grösserer Teil des verfügbaren Einkommens musste für Lebensmittel, Heizung und Unterkunft aufgewendet werden.

Die Möglichkeiten, Ausgaben einzusparen, waren begrenzt. Wer bereits einen grossen Teil seines Einkommens für lebensnotwendige Güter benötigte, konnte steigende Preise kaum durch Konsumverzicht auffangen.

Hunderttausende Menschen waren auf Unterstützung angewiesen

Gegen Ende des Krieges hatte die wirtschaftliche Not ein enormes Ausmass erreicht. Nach Angaben des Historischen Lexikons der Schweiz bezog 1918 ungefähr ein Sechstel der Schweizer Bevölkerung Notstandsunterstützung. Das entsprach rund 700’000 Menschen. In den grossen Städten war die Situation noch gravierender. Dort war ungefähr ein Viertel der Bevölkerung auf Unterstützung angewiesen. Diese Zahlen zeigen, dass die wirtschaftliche Krise längst nicht mehr nur einzelne besonders arme Bevölkerungsschichten betraf.

Auch Familien, die vor dem Krieg ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft bestreiten konnten, waren inzwischen auf öffentliche oder private Hilfe angewiesen. Der Ausbau der Unterstützungsmassnahmen erfolgte allerdings spät und war regional unterschiedlich. Besonders Städte und Gemeinden mussten auf die zunehmende Not reagieren. Die Krise machte deutlich, wie unzureichend die damaligen sozialen Sicherungssysteme für eine länger andauernde nationale Notlage waren.

Warum reagierte der Bundesrat so zurückhaltend?

Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten waren teilweise eine unvermeidliche Folge des europäischen Krieges. Die Schweiz konnte weder die internationalen Handelswege kontrollieren noch die Entscheidungen der kriegführenden Staaten bestimmen.

Die innenpolitischen Reaktionen lagen dagegen durchaus im Handlungsspielraum der Schweizer Behörden. Zu Beginn des Krieges fehlten ausreichende staatliche Vorkehrungen zur Sicherstellung und Verteilung der Lebensmittelversorgung sowie zur finanziellen Unterstützung der von kriegsbedingten Erwerbsausfällen betroffenen Bevölkerung.

Hinzu kam, dass die staatliche Wirtschaftspolitik stark von liberalen Vorstellungen geprägt war. Weitreichende Eingriffe in Preise, Handel und Produktion waren politisch umstritten. Die Behörden mussten zudem zwischen unterschiedlichen Interessen vermitteln: Produzenten verlangten kostendeckende Preise, Konsumenten bezahlbare Lebensmittel, Unternehmen ausreichende Rohstoffe und die Armee eine zuverlässige Versorgung.

Die staatlichen Eingriffe wurden deshalb schrittweise ausgebaut, häufig erst unter dem Druck einer bereits verschärften Versorgungslage. Die wirtschaftliche Landesversorgung wurde während des Krieges somit Teil einer staatlich gelenkten Kriegswirtschaft.

1918: Die wirtschaftliche Krise wird zur politischen Krise

Im letzten Kriegsjahr trafen mehrere Entwicklungen aufeinander. Die Lebensmittelversorgung blieb angespannt. Die Inflation hatte die Kaufkraft breiter Bevölkerungsschichten erheblich geschwächt. Zahlreiche Familien waren auf Unterstützung angewiesen. Gleichzeitig wuchs die Unzufriedenheit über die ungleiche Verteilung der wirtschaftlichen Belastungen.

Hinzu kam im Sommer 1918 die Spanische Grippe. Die Pandemie forderte in der Schweiz rund 25’000 Todesopfer und belastete die Bevölkerung sowie das Gesundheitswesen zusätzlich. Die sozialen Spannungen äusserten sich zunehmend in Demonstrationen, Arbeitskämpfen und politischen Forderungen.

Im April 1918 entstand unter der Führung des Sozialdemokraten Robert Grimm das Oltener Aktionskomitee, das die Zusammenarbeit zwischen Sozialdemokratischer Partei und Gewerkschaften koordinierte. Die wirtschaftliche Versorgung und die soziale Absicherung gehörten zu seinen zentralen Anliegen. Im November 1918 eskalierte die innenpolitische Auseinandersetzung schliesslich im Landesstreik. Die Ursachen dieses Konflikts waren vielfältig. Neben der wirtschaftlichen Not spielten politische Machtverhältnisse, gesellschaftliche Gegensätze und die revolutionären Entwicklungen im europäischen Ausland eine Rolle. Die wirtschaftliche Krise der Kriegsjahre bildete jedoch eine wesentliche Voraussetzung für die Eskalation.

Fazit: Die Neutralität bewahrte die Schweiz nicht vor den Kriegsfolgen

Die Schweiz blieb während des Ersten Weltkriegs von militärischen Angriffen weitgehend verschont. Dennoch trafen die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen des Krieges das Land schwer. Die Neutralität bot weder eine Garantie für militärische Sicherheit noch Schutz vor wirtschaftlicher Not.

Der Krieg offenbarte die wirtschaftliche Abhängigkeit der Schweiz von lebenswichtigen Importen. Die unzureichende Vorbereitung der Landesversorgung verschärfte die Versorgungskrise. Die kriegsbedingte Geldpolitik verstärkte zusätzlich die Inflation.

Die Spanische Grippe traf auf eine bereits geschwächte Gesellschaft. Die wirtschaftliche Not und die sozialen Gegensätze bildeten den Nährboden für den Landesstreik von 1918.

Quellen und weiterführende Literatur

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