Judas-Evangelium: Wer ist der Gott der Christen?

Von Alexander Müller veröffentlicht am 17. November 2013 | 1.827 mal gesehen

Viele Schriften des frühen Christentums wurden nicht in den Bibelkanon aufgenommen. Dazu gehören insbesondere die Schriften der Gnostiker, einer frühchristlichen Konfession. Ihre Schriften wurden von Gegnern ihrer Glaubensrichtung als Häresie bezeichnet und Verboten. Eine bekannte gnostische Schrift ist das Judas-Evangelium. Es wurde bereits im Jahr 180 n.Chr. in einer Streitschrift des Bischofs Irenäus von Lyon erwähnt. Wir wissen deshalb, dass das Judas-Evangelium damals bereits existiert haben muss. Es enthält einige interessante Texte, die sich massgeblich von den in der Bibel enthaltenen Texten unterscheiden. Das erklärt auch die Streitschrift des Bischofs von Lyon.

Judas Evangelium

Laut Judas-Evangelium war Judas der engste Vertraute von Jesus Christus und besass als solcher mehr Wissen als die übrigen Jünger. Jesus soll Judas sogar beauftragt haben ihn zu verraten, damit er in das wahre göttliche Reich zurückkehren könne. Dabei soll er ihm gesagt haben, dass er von der ganzen Welt auf ewig gehasst und verdammt werde, aber dafür als Erleuchteter in das wahre göttliche Reich eingehen werde.

Meiner Ansicht nach besonders interessant in dieser Schrift ist die Aussage, dass der wahre Gott nicht jener sei, welcher von den übrigen Jüngern anbetet werde. Zitat aus dem Judas-Evangelium:

Der Selbstentstandene schuf zwölf Äonen, für jeden Äon sechs Himmel und insgesamt 72 Erleuchter, jeder von 5 Firmamenten und unzähligen Engeln begleitet. Ein Äon heisst El, und es erschien ein Engel dessen Gesicht Feuer sprühte und dessen Gestalt mit Blut befleckt war und der Nebro oder Yaldabaoth hiess. Ein anderer Engel hiess Saklas. El, der eine untere Gottheit ist, schuf die Erde und Saklas sprach: „Lasst uns einen Menschen erschaffen nach dem Gleichnis und dem Bild. Und sie formten Adam und Eva.“

Die Welt wurde demzufolge, anders als im 1. Buch Mose behauptet, nicht von Gott sondern von einer untergeordneten Gottheit erschaffen! Nach der Lehre der Gnostiker sollen die Menschen jedoch dennoch einen göttlichen Teil in sich tragen und deshalb in das göttliche Reich eingehen können. Dieses soll sich über den blutrünstigen und närrischen Schöpfergottheiten befinden.

Laut Judas-Evangelium ist der Schöpfer dieser Welt also nicht der wahre und höchste Gott und die Welt ist ein böser Ort, dem es zu entfliehen gilt. Demzufolge ist Jesus Christus auch ist nicht der Sohn des Schöpfers, sondern der Sohn der höchsten Gottheit, deren Namen niemand kennt.

Dass die Lehre der Gnostiker als Häresie verboten wurde, erstaunt nicht. Denn dieser Lehre zufolge [aartikel]3837096637:right[/aartikel] beten viele Gläubige zahlreicher Religionen eine untergeordnete Gottheit an, welche blutrünstig und närrisch ist. Ausserdem benötigten Gnostiker auch keine Priester, die zwischen Ihnen und Gott vermittelten. Der Weg zu Gott führte nach ihrer Ansicht über die Erkenntnis der wahren Lehre. Das dürfte nicht im Interesse damaliger Bischöfe und Priester gewesen sein. Zudem ist eine Konfession, die keine Priester benötigt, anspruchsvoll. Das wiederum spricht gegen die Massentauglichkeit der gnostischen Konfession, was im Ringen mit den anderen Konfessionen von Nachteil gewesen sein dürfte.