Die Vereinigten Staaten von Amerika können die Rolle des Weltpolizisten nicht mehr alleine weiterführen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Die USA sind hochverschuldet, zahlreiche Konflikte beanspruchen ihre militärischen Ressourcen, und andere Mächte wie Russland und China rüsten auf und werden immer stärker. Um die eigenen Interessen mithilfe von hörigen Verbündeten durchzusetzen, brauchen die USA ein Vehikel. Dafür eignet sich die NATO bestens. Denn die NATO-Mitgliedstaaten haben sich verpflichtet, einem angegriffenen Bündnispartner beizustehen und die zur Wiederherstellung der Sicherheit erforderlichen Massnahmen zu ergreifen.
Wie weit diese Verpflichtung ausgelegt werden kann, zeigte sich nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Die USA riefen ihre NATO-Verbündeten im Kampf gegen den Terrorismus zu Hilfe. In der Folge beteiligten sich unter anderem deutsche, französische und britische Truppen am Einsatz in Afghanistan. Für die USA ist das von Vorteil: Sie müssen die militärischen Lasten nicht mehr alleine tragen, sondern können einen Teil davon auf ihre Verbündeten abwälzen. Für die europäischen NATO-Mitglieder wiederum ist das Bündnis ebenfalls von Interesse. Sie versprechen sich militärischen Schutz durch die NATO und insbesondere durch die USA als deren stärkste Militärmacht.
Das ist auch der Grund, weshalb viele ehemalige Ostblockstaaten inzwischen Mitglieder der NATO sind. Doch ist die NATO wirklich so stark wie einige westliche Medienvertreter und Zweckoptimisten uns weismachen wollen? Okay, um Serbien im Kosovokrieg zu bezwingen, hat es noch gereicht, doch gegen Russland sieht die Sache schon anders aus.
In der NZZ war kürzlich von einer «Speerspitze» zur Abschreckung die Rede. Damit war die Eingreiftruppe in Brigadestärke gemeint, welche die NATO-Mitgliedstaaten aufstellen wollen. Eine Brigade ist ein Truppenteil mit einer Truppenstärke von gerade einmal 5’000 Soldaten. Sie wird von einem Brigadegeneral, also einem General mit einem Stern, geführt.
Ich bezweifle, dass sich Russland von einer Eingreiftruppe in Brigadestärke abschrecken lässt. Eine Brigade von lediglich 5’000 Soldaten verfügt nicht über die militärische Stärke, um einen gross angelegten russischen Angriff allein abzuwehren. Ihre abschreckende Wirkung hängt deshalb davon ab, ob die übrigen NATO-Streitkräfte rechtzeitig eingreifen und die Mitgliedstaaten bereit sind, ihre Bündnisverpflichtungen tatsächlich zu erfüllen. Die Eingreiftruppe allein ist höchstens eine Beruhigungspille für jene, die sich von ihr Schutz versprechen.
Ich vermute, dass die Eingreiftruppe in Brigadestärke ein fauler Kompromiss ist. Zu einer stärkeren militärischen Präsenz konnten sich die Staats- und Regierungschefs der NATO-Mitgliedstaaten wohl nicht durchringen.

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