Treppenwitz: Wenn der Melder zum Schuldigen gemacht wird

Ich ärgere mich gerade über einen Treppenwitz. Ein Nachbar hat sein Auto wochenlang so parkiert, dass der vordere Teil seines Autos markant auf die Strasse hinausragte. Das erschwerte anderen Nachbarn und mir das Manövrieren.

Dabei geht es nicht nur um eine persönliche Empfindung. Art. 37 Abs. 2 des Schweizer Strassenverkehrsgesetzes (SVG) hält fest: „Fahrzeuge dürfen dort nicht angehalten oder aufgestellt werden, wo sie den Verkehr behindern oder gefährden können.“

Ich habe es dem Stadtpolizisten gemeldet, damit er für Ordnung sorgt. Denn ich hatte keine Lust, das mit einem Nachbarn zu diskutieren, der die Verkehrsregeln entweder nicht kennt oder dem es egal ist, wenn er mit seinem Verhalten andere im Strassenverkehr behindert.

Irgendwie wusste er, wer ihn der Polizei gemeldet hat. Vielleicht hat es ihm der Stadtpolizist gesagt, weil er ihn kennt. Ich lebe in einem kleinen Städtchen, in dem teilweise noch eine ausgeprägte Dorfmentalität herrscht. Wo ich wohne haben viele Einheimische das Gefühl, dass sie mehr Rechte haben als Zugezogene. Sie kennen sich seit Generationen untereinander, so wie das bei Hinterwäldlern auf dem Land in einigen Schweizer Kantonen halt üblich ist.

Egal. Er fragte mich, ob ich ihn gemeldet habe. Ich sagte ja. Er meinte mit Nachdruck, ob ich nicht jeweils vorher bei ihm klingeln könne, bevor ich die Polizei anrufe. Ich sagte ihm, dass ich in meinem Leben die Erfahrung gemacht habe, dass solche Situationen eher eskalieren können, wenn ich selber Fehlbare auf ihr Verhalten aufmerksam mache. Meistens haben diese Leute nach meiner 50-jährigen Lebenserfahrung nämlich keine Einsicht, fühlen sich angegriffen und es gibt nur Streit.

Ich sagte ihm ausserdem, dass ich ja keine Anzeige gemacht habe und der Polizist dafür da sei, für Ordnung zu sorgen. Er sagte: „Ja, aber du kannst in so einer Situation jeweils vorher bei mir läuten.“ Diskussion beendet. Er hat mir gesagt, wie er es sieht, und ich ihm, wie ich es sehe.

Was mich stört – und was mir leider erst im Nachhinein in den Sinn gekommen ist –, ist der eigentliche Treppenwitz: Er hat mir im Grunde einen Vorwurf gemacht. Doch das Fehlverhalten lag eindeutig bei ihm und nicht bei mir.

Für mich wirkte es so, als ob wenig Einsicht für sein eigenes Verhalten vorhanden war. Statt sich für die durch sein Verhalten entstandene Behinderung zu entschuldigen, machte er mir Vorwürfe wegen meines Vorgehens. Er hat ja auch nicht bei mir geläutet als er seinen Wagen so parkierte, dass er den Verkehr behindert! Genau das hätte ich in diesem Moment ansprechen müssen. Doch ich war nicht auf dieses Gespräch vorbereitet. Wobei, wenn ich das angesprochen hätte, wer weiss ob die Diskussion dann nicht eskaliert wäre.

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