Kriminalisierung von Automobilisten

Von Alexander Müller veröffentlicht am 13. Januar 2013 | 3.969 mal gesehen

Die Schweiz hat eines der härtesten Strassenverkehrsgesetze der Welt. Trotzdem ist eine Mehrheit der Schweizer für noch härtere Gesetze. Viele Schweizer würden wahrscheinlich am liebsten die Todesstrafe für sogenannte Raser einführen und bei der Hinrichtung ins Jubeln geraten und ein Fest feiern.

Doch wieso ist das eigentlich so? Wieso sind soviele Schweizer für härtere Strafen? In Deutschland gibt es im Vergleich pro 1 Million Einwohner mehr Verkehrstote als in der Schweiz, trotzdem findet sich dort keine Mehrheit für härtere Strafen.

Verkehrstote_Vergleich
Meiner Meinung nach liegt das primär an der manipulativen Berichterstattung der Massenmedien. Die Leser erhalten ein falsches Bild vom Schweizer Strassenverkehr, wenn sie Artikel mit solchen Schlagzeilen lesen:

Raser_TA

Raser_Blick

Raser_AZ

Raser_Blick_Auslaender

Raserrennen_Blick

usw. usf.

Nach dem Erscheinen solcher Medienartikel fordern zahlreiche Kommentatoren härtere Strafen ohne die genauen Umstände wirklich zu kennen.

Den reisserischen Schlagzeilen der Boulevardmedien ist die Statistik entgegenzuhalten, welche aufzeigt, dass die Zahl der tödlich Verunfallten im Strassenverkehr seit den 1970er Jahren massiv zurückgegangen ist. Dies trotz zunehmenden Verkehrsaufkommen und höherer Verkehrsdichte! Selbst in Deutschland, wo es Streckenweise keine Tempolimiten auf Autobahnen gibt, gibt es proporzional nicht wesentlich mehr Todesfälle als in der Schweiz!

Strassenverkehrstatistik

Meiner Meinung nach wäre die Forderung nach mehr Sicherheitsmassnahmen dann logisch, wenn die Entwicklung umgekehrt wäre. Die abschreckende Wirkung härterer Strafen ist übrigens umstritten. Die USA kennt härtere Strafen als die Schweiz, dennoch ist die proporzionale Kriminalitätsrate in den USA nicht geringer als in der Schweiz. Abschreckend wirkt primär das Risiko beim Begehen einer Straftat erwischt zu werden. Das hat aber nichts mit dem Strafmass sondern mit der Kontrolldichte zu tun.

PS: Dass es im Individualverkehr mehr Verkehrstote als im öffentlichen Verkehr gibt, hat mehrere Gründe. Es gibt mehr Verkehrsteilnehmer im Strassenverkehr, die Verkehrsdichte ist höher und die Fahrzeuge fahren auch Innerorts. Flugzeuge und Eisenbahnen starten und landen in der Regel jedoch von Flughäfen und Bahnhöfen. Auf Bahngleisen laufen in der Regel keine Fussgänger herum, dasselbe gilt für Luftverkehrswege. Bahnunfälle gibt es oft an Bahnübergängen. In Flugzeugen sitzen ausserdem in der Regel zwei Piloten, die zudem noch einen Autopilot und zahlreiche Instrumente zur Verfügung haben und sich im Kontakt mit Fluglotsen befinden. Ausserdem haben Flugzeuge mehr Ausweichmöglichkeiten und oft bessere Sichtverhältnisse als Teilnehmer im Strassenverkehr. Man kann also die verschiedenen Verkehrsträger nicht so ohne weiteres miteinander vergleichen. Sollte allerdings einmal ein grosses Flugzeug vom Himmel fallen, dürfte es auf einen Schlag mehr oder fast soviele Tote geben wie im Schweizer Strassenverkehr in einem Jahr. Bei einer Flugzeugkatastrophe auf Teneriffa starben im Jahr 1977 583 Menschen auf einen Schlag!

Kriminalisierung von Automobilisten
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5 Gedanken zu „Kriminalisierung von Automobilisten“

  1. Oft kommt von Befürwortern von knallharten Strafen das Argument, dass jeder Tote einer zuviel sei. Ich hoffe, dass sich diese Leute genauso vehement für Rauchverbote einsetzen. Denn Pro Jahr sterben in der Schweiz etwa 10’000 Menschen an den Folgen des Rauches. Quelle

    Dagegen starben im Jahr 2011 320 Menschen im Strassenverkehr. Trotzdem war die Mehrheit der Schweizer gegen die Volksinitiative „Ja zum Schutz vor Passivrauchen für alle“.

    Ich meine hier eine verlogene Doppelmoral zu erkennen.

  2. Die Diskussion ist terminlich fehl am Platz denn es hat gerade zum Jahreswechsel eine Verschärfung gegegen. Was allerdings bei vielen Leuten noch nicht angekommen ist. Ob die Diskussion um schärfere Strafen zukünftig weiter so läuft wenn erste Raser schärfer bestraft werden wird sich zeigen. Grundsätzlich sollte jeder der andere Menschen grob fahrlässig gefährdet hart angefasst werden.

  3. Anlass für diesen Artikel ist die Strafverschärfung per 1. Januar. Somit sehe ich nicht ein was da terminlich unpassend sein soll.

    Ich bin der Ansicht, dass den Leuten via Medien suggeriert wird, dass wir in einem Land von Rasern leben und ein dringender Handlungsbedarf für Kurzschlusshandlungen und übertriebene Gesetze besteht. Jeder Einzelfall wird von den Medien hervorgehoben. Ausserdem mag da und dort auch die Subjektive Wahrnehmung ein Zerrbild vermitteln. Wenn einer auf der Autobahn fährt, dann wird er sich über den einen „Raser“ ärgern, der ihn überholt hat, alle anderen Verkehrsteilnehmer wird er hingegen wieder vergessen. Dabei sind gerade die anderen ja die Mehrheit.

    Viele Unfälle geschehen an Wochenenden. Also dann, wenn Jugendliche besoffen und enthemmt herumrasen. Deshalb sollte man sich fragen ob vielleicht nicht der Alkohol einen gewissen Einfluss aufs Gaspedal hatte. Wir wissen ja, dass die Reaktionszeit bzw. die Fahrfähigkeit von Betrunkenen stark gemindert ist. Wenn diese dann zusätzlich noch enthemmt aufs Gas drücken, kann es gefährlich werden. Aber so ein zugedröhnter Betrunkener wird in diesem Moment wohl kaum an ein knallhartes Gesetz denken. Mit Alkoholkontrollen am Wochenende kann man mehr erreichen als mit knallharten Strafen.

    Ausserdem ist bekannt, dass gerade im Frühling viele Unfälle mit Motorradfahrern passieren. Sei es weil diese zu schnell um eine Kurve fahren und dabei auf die Gegenfahrbahn kommen oder sei es weil sie dann in eine Leitplanke krachen. Hin- und wieder werden Motorradfahrer auch übersehen und es wird ihnen der Vortritt genommen. Viele Verkehrstote sind unter den Motorradfahrern zu finden. Im Jahr 2011 waren von insgesamt 320 Verkehrstoten 72 Motorradfahrer! Das sind 22.5% und dies obwohl es weniger Motorradfahrer als Autofahrer gibt.

    PS: Insgesamt gab es 18’990 Verkehrsunfälle, dabei gab es 320 Verkehrstote. Auf der Autobahn kamen 21 Personen ums Leben. Dies obwohl dort am schnellsten gefahren wird. Im gleichen Zeitraum starben etwa 10’000 Personen an den Folgen des Rauchens. Das Volk hat sich dennoch gegen ein Gesetz zum Schutz vor Passivrauch ausgesprochen. Hier erkennt man die scheinheilige Doppelmoral unserer Gesellschaft!

  4. „Abschreckend wirkt primär das Risiko beim Begehen einer Straftat erwischt zu werden. Das hat aber nichts mit dem Strafmass sondern mit der Kontrolldichte zu tun.“

    In der Tat.

    Ich glaube aber auch nicht, dass die Verschärfung per 1.1. die Automobilisten kriminalisiert. Jeder, der sich im Strassenverkehr einigermassen verhält wird nicht betroffen sein. Ich fahre seit 10 Jahren Auto und habe in dieser Zeit 2 Mal eine Busse von 40.- erhalten. Das passiert, kann jedem passieren, ist auch nicht so tragisch. Jeder der sich Mühe gibt und konzentriert Auto fährt (was man ja eh tun sollte), sollte das auch schaffen können und dann kommt man auch nie in die Gefahr dass einem das Auto weggenommen wird oder man gar als Raser ins Gefängniss muss.

  5. Hinsichtlich der Wahrnehmung zu lascher Gesetze gegen Raser und der entsprechenden Darstellung in der Presse ist der Artikel sicher falsch terminiert. Im Moment beherrscht z. B. den Blick nicht die Forderung nach schärferen Gesetzen, sondern die (fast schadenfrohe) Berichterstattung über beschlagnahmte Fahrzeuge. Wer das Leben Unbeteiligter gefährdet oder gar zerstört gehört hart bestraft, da gibt es keine subjektive Wahrnehmung die den Vorfall entschärft. Der Gesetzgeber entscheidet bei der Bestrafung auch nach theoretischer oder tatsächlicher Gefährdung anderer.

    Alkoholkontrollen sind wichtig, aber man muss der Exekutive auch Sanktionsmöglichkeiten geben. Einem Typen mit 1.8 Promille nur den Schlüssel für die Nacht abzunehmen, das Auto abzuschliessen und zu ermahnen bringt nicht viel. Alkoholfahrten lassen sich übrigens nicht nur dadurch vermeiden, das einem zugedröhnten Autofahrer dann doch noch Gesetze einfallen, sondern auch und hauptsächlich dadurch, das man aufgrund drohender Folgen seinen Abend anders plant. Wer trinken will und sein Auto zuhause lässt kommt gar nicht in die Gefahr betrunken Auto zu fahren.

    Der Nähe eines Rauchers und damit der Gefahr des Passivrauchens kannst Du Dich viel leichter entziehen als einem Autorowdy, der Dich nachts auf dem Trottoir totfährt oder Dich mit 200km/h auf der Autobahn abschiesst. Deine Vergleiche hinken. Zudem wird auch gegen Rauchen gearbeitet, z. B. mit Präventionskampagnen oder auch verteuern über die Tabaksteuer.

    Das sagt Dir übrigens jemand der – auch aufgrund seiner Jahres-Kilometerleistung – regelrecht Aboverhältnisse zu verstimmten Strassenverkehrsämtern hat, und auch gerade erst seit ein paar Tagen wieder Auto fahren darf nach einem einmonatigen Ausweisentzug.

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